Aller Anfang ist schwer

Anna-Tina Hess und Georg Gindely
Illustrationen: Elisabeth Moch

Anna-Tina Hess: Du musst dann die Schraube von Anfang an anziehen, rieten mir Freunde. Nichts durchgehen lassen und ja nicht diskutieren. Es sei eine eher unruhige Klasse, liess mich die Schulleiterin dann auch noch wissen. Es war August und in wenigen Tagen stand mein erster Tag als Lehrerin bevor.

Ich machte mich also bereit für meinen ersten Versuch im «Classroom Management». Eine Regel an unserer Schule lautet: Absolute Ruhe zu Beginn der Stunde einfordern. Am Anfang klappte das gut. Ich kam ins Zimmer. Es war mucksmäuschenstill. Zweiter Tag, erste Unruheherde. Ich wies die Klasse auf die Regel hin. Vierter Tag, wieder Unruhe. Erneut ermahnte ich die Klasse. Fünfter Tag. Grosse Unruhe. «Schraube anziehen», dachte ich und griff durch. «Eintrag, Eintrag, Eintrag!», sagte ich und deutete mit dem Zeigfinger auf alle, die plapperten. Gleich danach kam mein schlechtes Gewissen. War ich zu hart? Machten die Einträge überhaupt Sinn?

In Woche drei dann die Antwort. Unüberhörbar. Jedes Mal, wenn ich mit strengem Blick darauf wartete, dass die Schülerinnen und Schüler mir ihre Aufmerksamkeit schenkten, hörte ich ein leises und höhnisch klingendes «Eintrag, Eintrag, Eintrag». Es wurde nicht ruhiger, sondern unruhiger. Einen Monat nach diesem Erlebnis habe ich meinen strengen Blick gegen einen freundlicheren ausgetauscht. Die Stunden starten trotzdem gut, oder vielleicht sogar besser. Ein Schulleiter hat mir mal bei einem Vorstellungsgespräch gesagt, sie pflegten an ihrer Schule eine liebevolle Autorität. Ich denke, ich weiss jetzt, was das bedeutet. Schraube anziehen, aber mit Gefühl.

Georg Gindely: Es ist der Spruch, den wohl viele Lehrerinnen und Lehrer kennen: «Die müssten mal in der Privatwirtschaft arbeiten, dann würden sie nicht so viel jammern!» Na ja. Ich komme aus der Privatwirtschaft und habe seit August oft genau das Umgekehrte gedacht. Das, was ich in der Privatwirtschaft erlebt hatte, war ein Zuckerschlecken gegen das, was mir um die Ohren bläst, seit ich Lehrer bin. In der Privatwirtschaft hatte ich mir die Zeit relativ frei einteilen können und musste nie um 7.30 Uhr im Büro sein. Wenn ich einmal da war, fand ich immer wieder Zeit, meine Mails zu checken und online die News zu lesen. Mit Kleinarbeiten hat man mich selten belästigt. Als Lehrer ist das alles anders. Kleinarbeiten sind Alltag, ich komme nicht mal dazu, mein Handy anzuschauen, geschweige denn, die Mails zu checken. In der Vorbereitung habe ich durchgehend zu wenig Zeit, um den Unterricht so vorzubereiten, dass ich wirklich zufrieden wäre. Ich muss mir Fachwissen aneignen, will kooperative Lernformen einführen, meine Klasse gut führen und vieles mehr. Aber wer war jetzt letzte Woche schon wieder dran mit den Ämtli?

Ich gebe es zu: Ich habe schon immer gerne gejammert. Aber das Schlimmste am Ganzen ist, dass ich gar keine Zeit mehr zum Jammern habe. Kaum will ich ansetzen, denke ich: Besser zuerst noch kurz das Arbeitsblatt fertigmachen. Oder schnell die Prüfungen korrigieren. Oder darüber nachdenken, wen ich bei der neuen Sitzordnung auseinander platziere. Nach einigen Jahren soll es besser werden, sagen viele. Da freue ich mich darauf. Besonders, weil ich dann wieder so richtig Zeit zum Jammern habe.

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Anna-Tina Hess und Georg Gindely studieren seit Herbst 2018 im Quereinstieg an der PH Zürich. Zuvor waren beide als Journalisten tätig. Sie schreiben an dieser Stelle über ihre ersten Erfahrungen in der Schule und an der PH Zürich.

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