«Mit fixen Rollen könnten wir keine Oper aufführen»

Für Fabio Luisi, Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich, sind Klarheit und Glaubhaftigkeit zentral bei der Zusammenarbeit mit dem Orchester. Der Dirigent, dessen Führungsstil von einer Opernintendantin schon als demokratisch bezeichnet wurde, ist froh, wenn ihm die Musikerinnen und Musiker eigene Ideen anbieten.

«Stört etwas den musikalischen Fluss, muss ich mich einbringen.» Fabio Luisi im Opernhaus Zürich. Foto: Nelly Rodriguez
«Stört etwas den musikalischen Fluss, muss ich mich einbringen.» Fabio Luisi im Opernhaus Zürich. Foto: Nelly Rodriguez

Fabio Luisi, wie sehen Sie Ihre Rolle als Dirigent – sind Sie der Chef oder vielmehr Teil des Ganzen, einer unter vielen Musikerinnen und Musikern?
Fabio Luisi: Es ist beides. Während der Opernaufführung gilt natürlich: Ohne Dirigent funktioniert es nicht. In diesem Moment ist die Aufgabe des Dirigenten, das Orchester zusammenzuhalten, musikalische Ideen zu gestalten und diese durch die eigene Körpersprache zu vermitteln. Doch für die Beschreibung meiner Rolle können wir nicht nur die Momentaufnahme der Aufführung betrachten, wir müssen auch die Arbeit in den Blick nehmen, die zu diesem Punkt hinführt. In diesem kontinuierlichen Prozess ist Kooperation gefragt. Heute ist die Ausbildung der Orchestermusiker und der Sänger viel besser, tiefgreifender, als sie es vor 50 Jahren war. Man befindet sich als Dirigent unter genauso gut ausgebildeten Musikern, wie man es selber ist. Diesbezüglich hat sich unsere Rolle in den letzten Jahrzehnten verändert. Früher war der Dirigent regelrecht ein Diktator, der sagen konnte: «So machen wir’s und nicht anders.»

Haben Sie diesen Wechsel miterlebt?
Ein Stück weit. Ich gehöre bereits zu einer neuen Generation von Dirigenten. Als ich jung war, gab es schon noch Dirigenten, die sehr autoritär arbeiteten. Einige machen das heute noch. Wie jemand dirigiert, hängt von der Persönlichkeit ab. Aber der Trend geht hin zur Kooperation.

Fordern dies die Musikerinnen und Musiker oder ist das Endresultat tatsächlich besser, wenn kooperiert wird?
Die Antwort hängt davon ab, mit wem Sie reden. Einige würden vielleicht sagen, man muss heute anders mit dem Orchester arbeiten, weil Musiker nun gewerkschaftlich organisiert sind und eine gewisse Art des Umgangs nicht mehr akzeptieren. Aber meiner Meinung nach erhält die besten Resultate, wer auf die Zusammenarbeit aller Kräfte setzt und nicht einfach auf die Befehlserteilung.

Wie setzen Sie dies konkret um?
Ich habe als Dirigent eine interpretatorische Idee vor Augen. Diese muss ich den Musikern vermitteln und dabei gewissermassen um deren Kooperation bitten. Der Austausch findet vor allem bei solistischen Aufgaben statt, die stark von der Persönlichkeit des jeweiligen Musikers abhängen. Ich schätze es, wenn mir ein Musiker etwas anbietet. Auf dieser Basis können wir zusammen diskutieren und einen gemeinsamen Weg finden, der für ihn und für mich, für die Realisierung meines Gesamtkonzepts, richtig ist. Das nenne ich echte Kooperation.

Was braucht es, damit die Zusammenarbeit mit einem Orchester gut funktioniert?
Der Dirigent muss sehr klar sein in seinen Ansagen zum Orchester. Und er braucht Glaubwürdigkeit. Das gilt nicht nur spezifisch für den Dirigenten, sondern für jeden Beruf, in dem man mit vielen Leuten zu tun hat. Man muss die Leute überzeugen oder befehlen. Einige erhalten sehr gute Resultate mit Befehlen. Aber das ist nicht mein Weg. Doch selbst das Befehlen erfordert Glaubwürdigkeit, sodass das Kollektiv trotz des Befehlstons erkennt, dass der Weg des Dirigenten ein guter Weg ist.

Wie definieren Sie als Dirigent Glaubwürdigkeit?
Ich muss wissen, was ich will und von meiner Idee überzeugt sein, damit ich diese vermitteln kann. Die Orchester bemängeln am meisten, wenn der Dirigent kein klares Konzept hat und dieses auch noch schlecht kommuniziert. Ein Dirigent braucht ein gewisses Kommunikationstalent, um die eigenen Ideen vermitteln zu können. Aber Orchester sind auch sensible Entitäten. Wenn sie merken, dass ein Dirigent nicht gut kommunizieren kann, versuchen sie ihm entgegenzukommen. Fragt man Orchestermusiker, was der Dirigent für sie sein soll, erhält man tausend verschiedene Antworten. Die einen sehen ihn als ihren musikalischen Freund. Die anderen finden, das ist der, der uns an unsere Grenzen führt. Und die Dritten sagen: Er muss ein Lehrer sein.

Ihre Position könnte man ja tatsächlich vergleichen mit jener der Lehrperson: Sie müssen auch auf jede einzelne Stimme achten und gleichzeitig das Ganze im Griff haben. Wie schaffen Sie das?
Ohren auf und Augen auf. Das ist schwer zu definieren. Ich denke, bei einem guten Lehrer in der Schule ist das genau gleich. Will ein Lehrer seine Klasse im Griff haben, muss er auch alles sehen, fühlen und spüren. Er muss eingreifen, bevor eine Situation eskalieren kann. Bei uns ist das sehr ähnlich. Wir müssen das körperlich spüren. Wir sind in einem gewissen Sinn auch Lehrer für die Orchester. Das Orchester möchte von uns etwas erfahren – und lehren bedeutet ja auch, eine Erfahrung zu teilen. Das kann eine geistige, praktische oder akademische Erfahrung sein, die der Lehrer hat und der Schüler nicht. Ein guter Lehrer kann die Kinder, Schüler oder Studenten überzeugen und für sich gewinnen. Das ist in unserem Beruf eigentlich ähnlich.

Sie waren und sind an verschiedenen Häusern rund um den Globus tätig. Gibt es ortsspezifische Unterschiede in der Zusammenarbeit?
Das hängt eher mit den Charakteristika der verschiedenen Menschen zusammen. Aber natürlich, Menschen in der Schweiz sind anders als in Italien oder in den Vereinigten Staaten oder in Japan. Ich arbeite gleich mit allen Orchestern, aber die Reaktionen sind anders. Nicht unbedingt die musikalischen Reaktionen, sondern die menschlichen Reaktionen. Die Japaner sind vielleicht etwas verschlossener, also muss man auf sie zugehen. Die Italiener sind spontan, also muss man diese Spontaneität auch steuern können. Aber ich bin immer derselbe.

Welche Sprache sprechen Sie mit den Musikerinnen und Musikern?
Wenn ich die entsprechende Landessprache nicht kann, spreche ich Englisch. Hier in Zürich hingegen spreche ich Deutsch.

Bei der Zusammenarbeit in der Schule entstehen Schwierigkeiten häufig, wenn die Verteilung von Aufgaben und Rollen nicht klar ist. Wo liegt Ihrer Erfahrung nach als Dirigent die grösste Herausforderung?
Oft kommt es aufgrund einer schlechten Kommunikation zu Missverständnissen, und zwar nicht aus sprachlichen Gründen, sondern weil man sich über eine Sache nicht einig ist. Meistens ist es der Ton, der zu Irritationen führt, und zwar auf beiden Seiten. Wer eine gewisse Distanz hat, sich sachlich verhält und mit klaren Aussagen kommuniziert, hat wenig Probleme.

Sie arbeiten nicht nur mit Musikern und Musikerinnen zusammen, sondern auch mit dem Intendanten oder der Intendantin sowie mit Choreografen. Wie stark bringen Sie sich da als Dirigent ein?
Stört etwas den musikalischen Fluss, muss ich mich einbringen. Ein Beispiel: Wenn ein Sänger eine Arie singen muss, die wichtig ist für das Stück, und der Regisseur platziert ihn ganz hinten auf der Bühne, dann verlange ich, dass er näherkommt. Es kommt auch vor, dass der Regisseur zu mir sagt, dass es auf der Bühne eine wichtige Reaktion auf einen musikalischen Moment gibt und er dafür eine etwas längere Pause braucht als notiert. Selbstverständlich mache ich das, wenn es den musikalischen Verlauf nicht stört.

Braucht es bei dieser Zusammenarbeit klare Grenzen zwischen Ihren Rollen?
Nein, das muss fliessend geschehen. Es braucht Toleranz und Flexibilität. Beginnen wir mit fixen Rollen zu arbeiten, können wir keine Oper aufführen.

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Über Fabio Luisi
Fabio Luisi wurde 1959 als Sohn einer Schneiderin und eines Lokomotivführers in Genua geboren. Mit vier Jahren begann er Klavier zu spielen, damit wollten ihn die Eltern von einer schweren Asthmaerkrankung ablenken.
Kurz vor der Matura legte Luisi die Klavierdiplomprüfung mit Bestnoten ab. Anschliessend vertiefte er erst sein Klavierstudium in Frankreich und Italien und nahm dann das Studium als Kapellmeister an der Musikhochschule Graz auf, welches er 1983 abschloss. Ein Jahr später debütierte er als Dirigent. Luisi hat bisher zahlreiche bedeutende Orchester geleitet wie etwa die Wiener Symphoniker oder das Orchester der Metropolitan Opera in New York. Seit 2012 ist er Generalmusikdirektor am Opernhaus Zürich sowie seit 2017
Chefdirigent des Dänischen Radio-Sinfonieorchesters. Luisi gilt als einer der führenden Interpreten der italienischen Oper und des spätromantischen Repertoires. Der Verdi-Experte wurde für seine Arbeit mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter einem Grammy.
Luisi ist Vater von drei Kindern und lebt mit seiner Partnerin in Meilen. In seiner Freizeit liest er gerne, spielt Golf oder kreiert eigene Parfums.

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