Kooperation zahlt sich für alle aus

Integrativer Unterricht verlangt ein intensives Zusammenspiel verschiedener Kooperationspartner. Dies erfordert Zeit, führt aber zu besseren Lernchancen für alle Schülerinnen und Schüler und damit auch zu mehr Zufriedenheit bei den Lehrpersonen. Für eine gelingende Zusammenarbeit braucht es insbesondere Klarheit über die Rollen- und Aufgabenverteilung.

Als Annelies Kreis vor 15 Jahren erste Weiterbildungen zu kollegialem Unterrichtscoaching durchführte, erhielt sie von vielen Teilnehmenden abwehrende Signale. «Damals wollten erst wenige Lehrpersonen von einer solch engen Zusammenarbeit hören», sagt Kreis, die an der PH Zürich eine Professur für Professionsentwicklung innehat und seit 2003 zum Thema Kooperation im Schulfeld forscht. Gemeinsam unterrichtet hätten damals vor allem besonders motivierte Lehrpersonen, fährt sie fort. Doch das sind längst vergangene Zeiten. «Die Einstellung der Lehrpersonen bezüglich verschiedenster Formen der Kooperation hat sich massiv gewandelt», sagt Kreis. Heute sei es selbstverständlich, dass nicht eine Lehrperson alleine für eine Klasse zuständig sei, sondern dass Schule nur in einem Verbund stattfinden könne.

Die Umstellung zu einem integrativen Schulmodell, mit dem 2004 schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen (SHP) sowie Klassenassistenzen ins Klassenzimmer kamen, erforderte von den Lehrpersonen eine intensivere Kooperation innerhalb der Schule. Gemäss Kreis lässt sich diese jedoch nicht einfach so verordnen: «Kooperation kann man zwar fordern und durch gemeinsame Ziele fördern, doch damit Personen tatsächlich zusammenarbeiten, braucht es mehr als das.» Die Beteiligten benötigten ein Grundwissen darüber, welche Kooperationsformen sich für welche Ziele eignen. Etwa ob eine gemeinsame Bearbeitung einer Aufgabe, eine arbeitsteilige Kooperation oder lediglich ein Austausch zielführend ist. Zudem brauche es Freiräume für eine produktive Kooperation. Die veränderte Grundhaltung im Schulfeld führt sie mitunter auf gute Erfahrungen der Lehrpersonen in der Zusammenarbeit zurück. «Man kommt weiter, wenn man kooperiert», sagt Kreis. Dies gelte für verschiedene Formen der Zusammenarbeit – vom Austausch im Team bis zur gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung zwischen Klassenlehrpersonen und Schulischer Heilpädagogin. So können Lehrpersonen nicht nur vom spezifischen Fachwissen und den Ideen eines Kooperationspartners profitieren, sondern ebenso von dessen Erfahrungen mit der Klasse. Hat beispielsweise eine Lehrperson mit einem Kind Schwierigkeiten, die bei einer anderen Lehrperson nicht auftauchen, hilft dieses Wissen bei der Reflexion der eigenen Praxis.

Timon Haefeli
«Ein starker Zusammenhalt zwischen den Lehrpersonen fördert die Kooperation. Dies wirkt sich positiv auf das soziale Miteinander und die Lernmotivation der Klassengemeinschaft aus. Voraussetzung ist, dass sich die Beteiligten respektvoll begegnen und ein gemeinsames Ziel verfolgen.» Timon Haefeli, Schulischer Heilpädagoge (SHP) Schule Dietikon

Auf der Sachebene
«Eine intensive Zusammenarbeit verlangt viel Vertrauen ins Gegenüber», so Kreis. In einer gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung zeigen Lehrperson viel von sich selbst, auch der eigene Wissensstand oder allfällige Wissenslücken werden dabei sichtbar. Ebenso brauchen Lehrpersonen beim Austausch von Ideen und Material oder bei der arbeitsteiligen Planung und Durchführung einer gemeinsamen Aufgabe Vertrauen in die andere Person, etwa wenn die Aufgabe bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein soll.

Während Vertrauen und ein Minimum an geteilten Überzeugungen zu den Erfolgsfaktoren von Kooperation gehören, braucht es keine spezielle Sympathie oder gar Freundschaft, um gut zusammenzuarbeiten. «Oft liegen Ursachen für Probleme nicht auf der persönlichen Ebene, sondern auf der Systemebene», sagt Kreis. In einer Studie zur Zusammenarbeit zwischen Klassenlehrpersonen und Schulischen Heilpädagogen und Heilpädagoginnen zeigte sich eine fehlende Klärung der Rollen- und Aufgabenverteilung als wichtiges Hindernis für Kooperation. «In unseren Befragungen waren oft beide Kooperationspartner unzufrieden über die Verteilung der Zuständigkeiten, wussten aber nicht von der Unzufriedenheit der anderen Seite». So hatte etwa eine Klassenlehrerin das Gefühl, zu viel Verantwortung für eine Aufgabe wie beispielsweise die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien zur Differenzierung tragen zu müssen, während die Schulische Heilpädagogin diesbezüglich lieber mehr Verantwortung übernommen hätte – oder umgekehrt.

«Entscheidend ist, dass Kooperationspartner eine klare, ausdifferenzierte Praxis aushandeln und schriftlich festhalten», erläutert Kreis. Um solche Aushandlungsprozesse zu versachlichen, brauche es geeignete Hilfsmittel. Ein Beispiel ist der Kooperationsplaner, ein Webtool, das Kreis mitentwickelt hat (siehe «Ausgewählte Hilfsmittel für die Zusammenarbeit in der Schule»). Damit können Kooperationsteams für eine Reihe von Aufgaben definieren, wer von beiden aktuell dafür zuständig ist und welche Verteilung der Zuständigkeiten erwünscht wäre. Solche Hilfsmittel für die Rollenklärung in der schulinternen Zusammenarbeit, zu denen auch die Kooperationskarten der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) oder ein Leporello des Zürcher Schulamts gehören, tragen laut Kreis massgebend zu einer besseren Zusammenarbeit zwischen Klassenlehrpersonen und SHP bei.

Für eine gelingende Kooperation müssen Teams gemäss Annelies Kreis im Voraus klären, in welchem zeitlichen Umfang die Zusammenarbeit überhaupt stattfindet – und wo sie endet. Sind die Treffen vorgängig fix vereinbart, muss keine der beiden Seiten diese im Schulalltag ständig einfordern. Kreis verweist hier auf die Rolle der Schulleitung. Diese soll an ihrer Schule nicht nur eine Kultur der Zusammenarbeit fördern, sondern auch geeignete Gefässe für den Austausch schaffen. Ein Beispiel dafür ist ein Kooperationstag zu Beginn des Schuljahres, an dem alle Beteiligten ihre künftige Zusammenarbeit aushandeln und festlegen, wie oft und wie lange man sich austauscht.

Martina Keel
«Voraussetzung für eine erfolgreiche Kooperation sind Vertrauen, Wertschätzung, Flexibilität sowie eine offene Kommunikation. Bei der Organisation der Zusammenarbeit bilden Zeitmanagement, gemeinsame Zielsetzungen und geteilte Interessen die Grundlage.» Martina Keel, Schulleiterin Schule Dietikon

Gemeinsame Verantwortung
Auch gemäss Silvia Hafner, Dozentin für Sonderpädagogik in der Regelausbildung, verläuft die Zusammenarbeit zwischen SHP und Klassenlehrpersonen im Vergleich zu früheren Jahren tendenziell besser. Die Kooperation zwischen verschiedenen Lehrpersonen ist für die meisten Beteiligten zum Normalfall geworden. «Ein integrativer Unterricht verlangt, dass Klassenlehrperson und SHP den Unterricht gemeinsam verantworten und situativ geeignete Fördermassnahmen finden», erklärt Hafner. Dabei gibt es nicht die ideale Form, wie SHP und Klassenlehrperson während der gemeinsamen Lektion interagieren, sondern es existiert eine Vielzahl an Möglichkeiten, von Teamteaching über angeleitete Gruppenarbeiten bis zur Einzelbetreuung, in der Klassenlehrperson und SHP unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Immer mehr Regelklassenpersonen und SHP unterrichten laut Hafner heute im Teamteaching und bieten zusammen allen Kindern ein differenziertes und individualisiertes Lernangebot in der Regelklasse. Dennoch würden Kinder mit einem Bedarf an integrativer Förderung (IF) nach wie vor häufig in fixen separaten Fördergruppen unterrichtet, was zu unerwünschten Etikettierungen führen kann. Zudem hätten die Kinder nach separativen Unterrichtssequenzen manchmal Schwierigkeiten, sich wieder auf den verpassten Regelunterricht umzustellen, so Hafner. Für einen integrativen Unterricht ist dabei entscheidend, dass Kinder mit IF-Bedarf auch mit Kindern ohne Förderbedarf lernen. Von einem adaptiven Unterricht in einer heterogenen Lerngruppe können alle profitieren. Wenn zum Beispiel ein stärkeres Kind eine Coaching-Rolle übernimmt und einem Kind mit Förderbedarf etwas erklärt, kann es zusätzliche fachliche und überfachliche Kompetenzen erwerben.

Im Idealfall sprechen Klassenlehrperson und SHP gemäss Hafner die Quintalsplanung gemeinsam ab und tauschen sich in einer wöchentlichen Besprechungsstunde aus. Dieser Austausch beschränkt sich nicht nur auf die Lektionen, in denen die SHP anwesend ist. Vielmehr können Lehrpersonen deren spezifisches Wissen zu besonderen pädagogischen Bedürfnissen, Fördermethoden und speziellen Lehrmitteln auch für ihren Unterricht ausserhalb der IF-Stunden nutzen. Diese relativ zeitaufwendigen Absprachen werden nachweislich durch eine gesteigerte Unterrichtsqualität aufgewogen. Studien der PH Zürich zeigen, dass intensiv kooperierende Lehr- und Fachpersonen die Zusammenarbeit im Rahmen der integrativen Förderung zwar als zusätzliche zeitliche Belastung erleben, dass diese aber nicht mit einer allgemein erhöhten Berufsbelastung einhergeht. Im Gegenteil empfinden viele intensiv kooperierenden Lehrpersonen eine erhöhte Selbstwirksamkeit und professionelle Kompetenz, weil sie Schülerinnen und Schülern bessere Lernmöglichkeiten bieten können.

Für die SHP kann der Planungsaufwand je nach Anzahl Klassen, in denen sie unterrichtet, sehr umfangreich ausfallen. Auch aufgrund personeller Engpässe unterrichten Heilpädagoginnen im Extremfall in bis zu acht verschiedenen Klassen und müssen sich dementsprechend mit dieser Anzahl an Klassenlehrpersonen absprechen. Hier können Massnahmen auf Organisationsebene Abhilfe schaffen. Wenn eine IF-Lehrperson beispielsweise gleichzeitig mit zwei Klassen derselben Stufe zusammenarbeitet und so statt je zwei Stunden vier Stunden für beide Klassen anwesend ist, reduziert sich der Aufwand für Absprachen. Ein solches Modell erfordert wiederum eine intensive, gut geklärte Zusammenarbeit der jeweiligen Klassenlehrpersonen. Auch Silvia Hafner betont, wie wichtig es ist, dass die Schulleitung diese Zusammenarbeit gut führt.

Ruth Wiederkehr
«Kooperation heisst für mich, dass alle Lehrpersonen, Eltern und Schulbehörden einander vertrauen und die verschiedenen Kulturen wertschätzen. Nur so können wir unsere Schule zum Wohle der Schülerinnen und Schüler gestalten.» Ruth Wiederkehr, Lehrerin Deutsch als Zweitsprache Schule Dietikon

Lerninhalte vorbereiten
Neben der Kooperation mit der SHP erfordert die Zusammenarbeit mit der Lehrperson für Deutsch als Zweitsprache (DaZ) ebenso eine intensive Zusammenarbeit zwischen Klassen- und Fachlehrperson. Die Integration in den Regelunterricht gestaltet sich hier allerdings etwas anders als bei der Förderung im Bereich der Heilpädagogik: «Integrativ bedeutet hier nicht, dass der Förderunterricht nicht in einer festen Gruppe in einem separaten Raum stattfinden darf», sagt Katja Schlatter, die an der PH Zürich für den CAS DaZ verantwortlich ist. Gerade zu Beginn des Erlernens einer Sprache brauche es immer wieder Sequenzen in einer separaten Gruppe, in der Kinder genügend Ruhe und Zeit hätten, um die neue Sprache verstehen und selbst produzieren zu können. Die Integration des DaZ-Unterrichts bedeute vielmehr, dass die Förderinhalte mit den Inhalten in der Regelklasse verbunden werden, sagt Schlatter. Auf der Kindergartenstufe etwa bedeutet dies konkret, dass die Kindergartenlehrperson den Wortschatz und Formulierungen, welche die DaZ-Lehrperson mit den Kindern aufbaut, auch im Regelunterricht verwendet. Sie sollte Wendungen wie «Kommt in den Kreis» oder «Wo sind deine Finken?» also konsequent so nutzen, wie es die DaZ-Lehrperson mit den Kindern gelernt hat.

Mit fortschreitendem Niveau richtet sich der DaZ-Unterricht immer stärker nach den Inhalten des Regelunterrichts. Nun werden Wortschatz und sprachliche Strukturen, welche die Kinder im Regelunterricht brauchen, zeitlich vorgelagert in den DaZ-Lektionen aufgebaut. Sollen die Kinder im Regelunterricht etwa eine Geschichte schreiben, lernen sie vorher strukturgebende Formulierungen wie «Eines Morgens …» oder «Plötzlich …» im DaZ-Unterricht kennen. Die Zusammenarbeit beschränkt sich dabei nicht auf das Fach Deutsch, auch für den Mathematik- oder MNG-Unterricht ist vorbereitende Spracharbeit gewinnbringend.

«Mit dem Vor- statt Nachbereiten werden nachweislich bessere Lernerfolge erzielt», sagt Schlatter. Doch klappt auch dies nur mit regelmässigen Absprachen. Aus dem Schulfeld hört Schlatter sowohl von Klassenlehrpersonen, die sehr froh sind über den Austausch mit der DaZ-Lehrperson, als auch von DaZ-Lehrpersonen, die sich regelmässig für die Absprachen einsetzen müssen. Auch hier liegen Probleme für die Zusammenarbeit oft auf der Systemebene, dementsprechend wichtig ist die Rolle der Schulleitung. Eine schriftliche Vereinbarung über Art und Ausmass der Zusammenarbeit sollte in jeder Schule institutionalisiert sein. In der Stadt Zürich verfügen heute sämtliche Schulen über ein DaZ-Konzept, an der PH Zürich ist die Diskussion eines solchen Konzepts Teil des CAS DaZ.

Gewöhnt an Gruppenarbeit
Auch in der Ausbildung von Lehrpersonen an der PH Zürich hat der Zugang zum Thema Kooperationen eine wichtige Bedeutung. So wird das Thema in verschiedenen Kommunikationsmodulen und einem Vertiefungsmodul Sonderpädagogik sowie in der berufspraktischen Ausbildung aufgegriffen. Beim letztgenannten Punkt hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden. «Früher versuchte man in den Berufspraktika die Komplexität eher zu reduzieren und den Studierenden möglichst einfache Unterrichtssituationen zu ermöglichen», sagt Dorothea Tuggener, Co-Leiterin der Berufspraktischen Ausbildung der Abteilung Eingangsstufe an der PH Zürich. So arbeiteten Studierende in den meisten Praktikumslektionen nicht mit anderen Personen zusammen und konzentrierten sich ausschliesslich auf das eigene Handeln. «Heute sollen Studierende während ihrer Praktika möglichst mit allen Aspekten des künftigen Berufs konfrontiert werden und viele Kooperationsformen praktisch erleben», so Tuggener.

Marko Wehrli
«Kooperation gelingt dann, wenn die Chemie stimmt und man sich gegenseitig mit Flexibilität und Offenheit gegenüber neuen Ideen entgegentritt. Dominiert hingegen eine Seite, ist die Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt.» Marko Wehrli, Klassenlehrer Schule Dietikon

Wachsende Kooperationsbereitschaft
Während gewisse Formen der Zusammenarbeit, etwa mit dem Schulpsychologischen Dienst oder mit Personal der Schulsozialarbeit, stark von den Ereignissen während der Praktikumszeit abhängen, sind der Einblick in die Elternzusammenarbeit oder Absprachen mit SHPs oder DaZ-Lehrperson in jedem Praktikum möglich. Von Studierenden wird in Zukunft noch stärker erwartet, solchen Teamabsprachen oder Elternabenden und -gesprächen beizuwohnen. «Dabei sind wir darauf angewiesen, dass die Schulen Studierenden möglichst vielfältige Einblicke in die Zusammenarbeit ermöglichen», sagt Tuggener. Dies passiere heute immer öfter.

Bei den Studentinnen und Studenten beobachtet sie dabei eine wachsende Kooperationsbereitschaft. «Für die heutigen Studierenden ist die Zusammenarbeit eine Selbstverständlichkeit», sagt sie. Die Studentinnen und Studenten hätten bereits während ihrer Volksschulzeit und im Gymnasium vermehrt in Gruppen gearbeitet und seien durch kollaborative Arbeitsformen aus dem Studium Teamarbeit gewohnt. Auch tauschten Studierende während des Studiums vermehrt Unterrichtsideen und -erfahrungen aus.

Dorothea Tuggener traf an der PH Zürich kürzlich auf zwei ehemalige Studentinnen, die inzwischen an verschiedenen Schulen unterrichteten und sich an der PH Zürich für die gemeinsame Jahresplanung trafen. «Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass eine Kooperation, die im Studium begonnen hat, über die Grenzen einer einzelnen Schule hinaus funktionieren kann», sagt Tuggener. In den verschiedenen Praxiskontakten beobachtet sie zudem, dass Klassenlehrpersonen zunehmend über die Klassen hinweg kooperieren und etwa den Unterricht gemeinsam planen und in klassendurchmischten Gruppen durchführen. Diese Entwicklungen gepaart mit der kooperativen Kultur in der Ausbildung lassen Dorothea Tuggener durchaus positiv in die Zukunft blicken.

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