Im Praktikum Kooperation hautnah erleben

Mit dem Modell der Integrativen Förderung arbeiten heutzutage in den meisten Klassenzimmern mehrere Lehrpersonen und Therapeuten. In einem Winterthurer Schulhaus haben zwei Studierende erlebt, was das im Schulalltag bedeutet und was es braucht, damit Kooperation gelingt.

Fotos: Nelly Rodriguez

Guten Morgen, Frau Küng, Herr Rupper, Frau Merz und Frau Tschudi», sprechen die Drittklässler im Chor. Einige schmunzeln ob der langen Aufzählung an Betreuungspersonen, die heute anwesend sind. Ein Montagmorgen Mitte Mai im Winterthurer Schulhaus Tägelmoos. Vier Wochen vor den Frühlingsferien haben eine Praktikantin und ein Praktikant der PH Zürich die Klasse übernommen: Alessia Küng und Oliver Rupper. Im Hintergrund beobachtet Klassenlehrerin Cornelia Tschudi das Geschehen. Die schulische Heilpädagogin Bettina Merz ist jede Woche drei Stunden für die Klasse da. Auch die DaZ-Lehrerin hat zu Beginn der Stunde noch kurz ihren Kopf ins Zimmer gestreckt und sich über die Situation informiert. Einige Kinder gehen zudem in die Logopädie, andere werden vom Schulsozialarbeiter betreut. Dass zahlreiche Fachpersonen an derselben Klasse arbeiten, ist heutzutage normal. Die verschiedenen Bezugspersonen stellen jedoch nicht nur für die Kinder eine Herausforderung dar. Damit die Zusammenarbeit klappt, braucht es eine gute Organisation und Absprache.

Als erste Lektion an diesem Morgen steht Deutsch auf dem Stundenplan. Letzte Woche haben die Kinder bereits gelernt, wie man einen Brief schreibt. Nun dürfen sie sich selber ans Werk machen. «Lieber Patrik*, ich lade dich Herzlich beim brunen ein», schreibt Naomi an ihren Klassenkollegen. «Ich mochte mit dir brunenfangis spielen.» In einem selbst gebastelten Couvert steckt das Mädchen ihre Einladung in den gelben Karton-Briefkasten und ist gespannt, ob Patrik zur vereinbarten Zeit in der Zehnuhrpause erscheinen wird. Während die meisten Kinder diese Aufgabe bereits weitgehend selbstständig lösen können, repetieren zwei Knaben und ein Mädchen den Aufbau eines Briefes mit Bettina Merz. «Was kommt oben rechts hin?», fragt die Heilpädagogin. «Die Datum», antwortet Nita.

Hohlmasse auf unterschiedlichen Niveaus
Auch in der anschliessenden Mathematikstunde arbeiten die Kinder gemäss ihren individuellen Fähigkeiten. Um das Thema Hohlmasse zu vertiefen, kleben die einen gemäss Anleitungen des Mathematikbuches in Zweierteams Papierblätter zu Rollen zusammen. Die entstandenen Formen sollen veranschaulichen, dass ein hohes, schmales Gefäss gleich viel Volumen haben kann wie ein tiefes, breites. Studentin Alessia Küng hat drei Kinder bereits vor der Stunde kurz instruiert. Sie sind Profis und unterstützen die anderen, wenn sie Fragen haben. «Sie freuen sich extrem, wenn sie in diese Rolle schlüpfen dürfen», sagt Küng. Häufig wähle sie auch Kinder dafür aus, die sonst nicht durch besonders gute Schulleistungen auffallen, aber eine bestimmte, eingegrenzte Aufgabe gut verstehen.

Derweil hat sich die Heilpädagogin mit fünf schwächeren Kindern im angrenzenden Gruppenraum zusammengesetzt. Auf dem Tisch stehen eine Milchpackung und ein Litermass. Merz erklärt ihrer Gruppe nochmals die verschiedenen Masseinheiten für Flüssigkeiten und lässt jedes einzelne Kind Liter in Milliliter umrechnen und wieder zurück. Gleichzeitig arbeiten im Treppenhaus zwei Dreiergruppen an einer sogenannten Fermi-Aufgabe. Die nach dem italienischen Kernphysiker Enrico Fermi benannten Fragestellungen lassen die benötigten Zahlen bei den einzelnen Aufgaben offen, sodass man selber danach suchen muss. Die Winterthurer Kinder zum Beispiel sollen berechnen, wie viele Kühe es brauchen würde, um das gesamte Schulhaus Tägelmoos eine Woche lang mit Pausenmilch zu versorgen. Am Laptop finden die aufgeweckten Neun- und Zehnjährigen heraus, dass eine durchschnittliche Milchkuh heutzutage rund 50 Liter Milch pro Tag gibt und 400 Schüler und Schülerinnen fünfmal pro Woche je zwei Deziliter trinken. Das Umrechnen der verschiedenen Masseinheiten sorgt für lebhafte Diskussionen. Die beiden Praktikanten sowie die Klassenlehrerin sind stetig im Zimmer und Treppenhaus unterwegs, beantworten Fragen und geben Tipps.

Reibungslose Übergänge
«Man kann sehr gut auf verschiedenen Niveaus am gleichen Stoff arbeiten», sagt Bettina Merz. Die 55-Jährige hat die Ausbildung zur Heilpädagogin vor drei Jahren abgeschlossen und zuvor viele Jahre als Klassenlehrerin gearbeitet. Nun ist sie in vier verschiedenen Klassen für die Integrierte Förderung (IF) zuständig. Es brauche sehr viele Absprachen mit den Klassenlehrpersonen und zuweilen auch mit anderen Therapeuten, damit es funktioniere, sagt Merz. Sie muss stets in allen Klassen über den zu behandelnden Stoff Bescheid wissen, aber auch die Bedürfnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler gut kennen.

Regelmässig übernimmt sie auch kürzere Einstiegssequenzen in eine Schulstunde. «Ich will, dass die Kinder mich als Partnerin der Lehrperson wahrnehmen, nicht nur als Assistentin», betont Merz. Bei Kindern mit definiertem IF-Status ist sie stets auch bei den Elterngesprächen dabei und leitet diese meistens. Die Heilpädagogin hat ein eigenes Klassenzimmer zur Verfügung. Manchmal mache es Sinn, mit einzelnen Kindern ein Stoffgebiet wie etwa Addition und Subtraktion nochmals ganz in Ruhe durchzugehen, hat Merz die Erfahrung gemacht. Häufiger arbeitet sie aber integrativ, also im Schulzimmer selbst. So können auch hin und wieder Kinder ohne IF-Status ganz unkompliziert von ein wenig zusätzlicher Unterstützung durch die Heilpädagogin profitieren.

Klassenlehrerin Cornelia Tschudi schätzt diese Arbeitsweise. «Das funktioniert so reibungslos, dass ich manchmal gar nicht merke, wenn die Schülerinnen und Schüler bei Bettina wechseln.» Im DaZ-Unterricht eigne sich diese Form aber weniger gut, findet Tschudi. Denn meist verbringen die Kinder eine ganze Lektion im DaZ. Zudem würden sie sich in einem separaten Raum mehr öffnen und sich zu sprechen trauen.

Ressourcen optimal nutzen
Wie stark die Integrative Förderung in der Klasse selber erfolgen muss, ist ein viel diskutiertes Thema. Hanna Weinmann plädiert für einen undogmatischen Umgang. «Integration heisst nicht unbedingt, dass alle immer im selben Raum sein müssen», betont die Dozentin der PH Zürich und Mentorin der beiden Praktikanten. Entscheidend sei vielmehr, dass die Kinder der gleichen Klasse angehören und die meiste Zeit mit ihr verbringen. «Versteht man die ganze Schule als Haus des Lernens, ist das Zentrale, dass jede und jeder einzelne möglichst gute Fortschritte machen kann.» Wenn die IF- oder DaZ-Lehrperson dauernd neben einem Kind sitzt und mit ihm flüstert, könne dies den Unterricht zeitweise auch stören und die anderen Kinder ablenken. Nur weil einige Kinder zuweilen ausserhalb der Klasse gecoacht werden, würden sie nicht gleich stigmatisiert, findet Weinmann, die selber früher in einer Sonderklasse unterrichtete.

Essenziell findet Weinmann hingegen, dass die Ressourcen der Fachpersonen optimal genutzt werden. Damit dies noch besser gelingt, müssten neue Modelle der Zusammenarbeit ausprobiert werden. Die erfahrene Pädagogin schlägt zum Beispiel das Pre-Teaching-Konzept vor: Dabei erteilt die IF-Lehrperson schwächeren Schülerinnen und Schülern bereits im Vorfeld eine Einführung zu neuen Inhalten, damit sie danach dem regulären Unterricht besser folgen können. «So kann die Fachperson präventiv wirken, statt nur die Rolle der Feuerlöscherin einzunehmen.» Erfolgreiches Pre-Teaching könne das Selbstwertgefühl und die Lernmotivation entscheidend stärken. Nicht ganz einfach sei es, dafür ein Zeitfenster innerhalb des Stundenplans zu finden, ist sich Weinmann bewusst. «Es müsste in Form von kurzen Inputs erfolgen. Kein anderes Fach soll deshalb zu kurz kommen.» Eine weitere Möglichkeit für eine andere Art der Zusammenarbeit wäre das Aufteilen der Klasse: Während die Klassenlehrperson die stärkeren Kinder übernimmt, widmet sich die Heilpädagogin den schwächeren. Eine dritte Gruppe kann am Computer üben, erklärt Weinmann. «Vor allem in den Sprachen könnten die Kinder enorm von solchen differenzierenden Modellen profitieren, weil sie häufiger zu Wort kommen.»

Entlastet dank Fachpersonen
Wie viel eine gute Zusammenarbeit mit der Heilpädagogin wert ist, haben mittlerweile auch Alessia Küng und Oliver Rupper entdeckt. Gemeinsam mit der Klassenlehrerin nehmen sie am wöchentlichen fixen Austausch teil und vor den drei Wochenstunden, in denen der Klasse IF zusteht, halten sie stets eine Kurzabsprache. «Zu Beginn des Praktikums waren wir so gefordert mit der neuen Klasse und Situation, dass die Einbindung der Heilpädagogin ein wenig unterging», gesteht Küng. «Doch unterdessen sind wir froh, dass sie uns so viel Arbeit abnimmt. Ich kann sorgenfrei unterrichten, weil ich weiss, dass auch die schwächeren Kinder gut versorgt sind», sagt die 22-Jährige, die als Mädchen selber im Tägelmoos zur Schule ging. Sie kann sich aber nicht erinnern, dass damals IF-Lehrpersonen im Klassenzimmer anwesend waren. Der 24-jährige Oliver Rupper hätte sich eine umfangreichere Vorbereitung auf die Kooperation vonseiten der PH Zürich gewünscht. Bei der begleiteten Unterrichtsplanung im Vorfeld hätten die Dozierenden beispielsweise konkreter aufzeigen können, wie die betreffenden Fachpersonen eingebunden werden. «Heilpädagoginnen, DaZ-Lehrpersonen und Logopäden sind in ihrem Bereich Experten», ist Rupper bewusst geworden. «Sie sind am besten ausgebildet und haben einen geschärften Blick.»

Untereinander sind die beiden Studierenden aber bereits ein bestens eingespieltes Team. Nachdem die Kinder nach Hause gegangen sind, planen sie meist gemeinsam den nächsten Tag. Dazwischen halten sie sich über Mails oder Kurznachrichten auf dem Laufenden und legen die Materialien auf einer für beide zugänglichen digitalen Plattform ab. Sie geben sich gegenseitig Feedback zu ihrem Auftreten und zur Unterrichtsgestaltung. «Eine Stärke von Oliver ist es, dass er stets einen grossen Bezug zur Lebenswelt schafft», findet Alessia Küng zum Beispiel. Nicht immer ganz einfach sei es jedoch, das Pult und die Schränke mit einer anderen Person zu teilen, machen beide die Erfahrung. Und wenn die Wandtafel zu Beginn der Stunde nicht geputzt ist, kann das auch mal zu Stress führen. «Wir sind beide etwas chaotisch veranlagt», lacht Oliver.

Die Studierenden im 4. Semester könnten sich beide gut vorstellen, später einmal eine Stelle mit einem passenden Partner oder einer Partnerin zu teilen. Zum Beispiel, wenn Lebensumstände wie eigene Kinder oder eine Weiterbildung ein Teilzeitpensum fordern. Für Alessia Küng aber ist klar: «Zuerst will ich einmal für ein paar Jahre ganz alleine eine Klasse führen.»

* Die Namen der Kinder wurden geändert.

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