Plötzlich wieder Teenager

Anna-Tina Hess und Georg Gindely
Illustrationen: Elisabeth Moch

Anna-Tina Hess: Dienstagnachmittag. Berufspraktische Ausbildung. Wir sollen unsere Hausaufgaben austauschen. «Darf ich mal Ihr Resultat sehen?» fragt mich die Mentorin. Wäre ich eine Schildkröte, ich würde mich in diesem Moment in meinen Panzer zurückziehen und tot stellen.

Da ich aber keine Schildkröte bin, sondern eine gestandene 40-jährige Frau, sage ich einfach die Wahrheit: «Ich has nöd gmacht.» In diesem Moment verwandle ich mich. Nicht in eine Schildkröte, aber in die Schülerin und Teenagerin, die ich früher einmal war. Ich fühle mich furchtbar ertappt. Die Tatsache, dass die Mentorin nun stinksauer ist, macht es auch nicht besser. Es folgt eine Kollektivschelte, denn ich bin nicht die Einzige, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. «Wieso haben Sie den Auftrag nicht erledigt? War er zu schwierig? Zu aufwendig?» fragt die Mentorin. Ich erkläre, dass ich beim letzten Auftrag viel Zeit investiert habe, das Resultat dann aber kaum gewürdigt worden ist. Die Mentorin zeigt Verständnis, weist aber auf die knappe Zeit hin, die für die Präsentation der Arbeit im Plenum zur Verfügung steht.

Es ist eben paradox mit uns Quereinsteigenden. Wir sehen zwar aus wie Erwachsene, wenn wir aber in der Schulbank sitzen, ticken wir nicht viel anders als die Schülerinnen und Schüler, die wir selbst unterrichten: Wir schweifen ab, wenn der Unterricht zu frontal ist, wir sind demotiviert, wenn der Sinn nicht erkennbar ist, wir lernen nicht, wenn man uns nicht involviert, wir schreiben keine Hausaufgaben, wenn sie nicht gewürdigt werden, und wir wären gerne Schildkröten, wenn man uns ertappt.

Georg Gindely: Mein Sohn ist bald 15 und nicht besonders gut organisiert, um es höflich auszudrücken. Den Schulthek packt er meistens erst am frühen Morgen und kommt dann in den maximalen Stress, weil er die Hälfte des Materials (oder noch mehr) nicht findet. Auf Prüfungen lernt er einen Tag vorher, weil er zuvor Wichtigeres zu tun hatte, und die Hausaufgaben macht er ebenfalls im letzten Moment – wenn er sie denn überhaupt in die Agenda eingeschrieben hat. Alle Ermahnungen nützen nichts, es ist zum Haareraufen. Zum Haareraufen ist auch, dass ich weiss, von wem mein Sohn das hat. Spätestens seit ich selbst wieder die Schulbank drücke, um Sek-Lehrer zu werden, ist es offensichtlich. Denn seither irren wir am Morgen gleichzeitig umher und suchen unsere Sachen. Und wenn ich ihn ermahne, die Aufgaben zu machen, denke ich: Mist, ich habe meine auch noch nicht gemacht. Haben wir überhaupt Aufgaben? Wo ist meine Agenda? Und dann beginnt die Sucherei erneut.

Doch ich sehe Licht am Horizont. Denn ich weiss: Als chaotischer Lehrer gehe ich unter. Also habe ich angefangen, mich besser zu organisieren. Ich habe vor den Prüfungen einen Lernplan aufgestellt und mache auch sonst viele To-do-Listen. Ich ordne lose Blätter ein und halte die Agenda à jour. Meine Anstrengungen wirken, und zwar gleich doppelt. Ich habe meine Termine und mein Material besser im Griff , und mein Sohn scheint sich ein Beispiel zu nehmen: Kürzlich habe ich ihn beobachtet, wie er seinen Thek eingeräumt hat. Am Abend vorher! Ich war stolz auf ihn – und ein bisschen auch auf mich.

VN:F [1.9.22_1171]
Bewertung: 0 (von 0 Bewertungen)

Anna-Tina Hess und Georg Gindely studieren seit Herbst 2018 im Quereinstieg an der PH Zürich. Zuvor waren beide als Journalisten tätig. Sie schreiben an dieser Stelle über ihre ersten Erfahrungen als Lehrpersonen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.