Roboter, Tablet und Smartphone als Teil des Unterrichtsalltags

Die Schule Knonau macht durchwegs positive Erfahrungen mit der Digitalisierung. Indem sie die neuen Geräte selbstverständlich in den Unterricht einbaut, vermittelt sie den Kindern einen umfassenden und kompetenten Umgang damit. Ein Augenschein im Unterricht in Medien und Informatik.

Fotos: Sophie Stieger
Foto: Sophie Stieger

«Meine Lieblings-App ist Roblox», sagt Dorina. Jeden Tag verbringt die 11-Jährige drei bis vier Stunden auf der Online-Plattform. «Es gibt Millionen von verschiedenen Spielen, man kann Auto fahren, tanzen oder Bungee jumpen. Ich treffe mich dort mit meinen Freunden und lerne neue Kolleginnen und Kollegen kennen», erzählt sie ihrer Klasse und zeigt den selbst gestalteten Avatar, mit dem sie in der farbigen dreidimensionalen Welt unterwegs ist. Derweil liebt Noah die App Twitch, wo er anderen beim Gamen zuschaut. «Viele Youtuber, die selber Videogames spielen, streamen auf dieser Plattform», verrät der Sechstklässler aus dem Schulhaus Aeschrain in Knonau.

Dorina und Noah stehen aber nicht persönlich vor ihren Klassenkameraden, sondern lassen auf der digitalen Wandtafel einen Film abspielen, den sie selber aufgenommen haben. Denn im Fach Medien und Informatik gehe es nicht nur darum, sich theoretisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, sondern gleichzeitig verschiedene Medien direkt anzuwenden, erklärt Klassenlehrerin Laura Hess. Im Februar gestaltete sie mit ihrer jahrgangsübergreifenden 1. und 6. Klasse eine Unterrichtssequenz von drei Doppelstunden, bei der sich die Schülerinnen und Schüler in Gruppen mit digitalen und anderen Medien auseinandersetzten. Zum Beispiel befassten sie sich mit ihrem eigenen Medienkonsum sowie mit der geschichtlichen Entwicklung von Medien – von den ersten gedruckten Zeitungen Ende des 18. Jahrhunderts, Briefen, Fotos und wieder verschwundenen Technologien wie der Telegrafie über Telefon, Schallplatten, Radio, Fernsehen und Computer bis hin zum Smartphone als neuste Errungenschaft. «Die Musikkassette kennen nur noch vereinzelte Kinder», ist Hess bewusst geworden. «Und viele können sich kaum vorstellen, dass Fernsehen ursprünglich nur schwarz-weiss war.»

Das eigene Medienverhalten vor Augen
Was aber sind überhaupt Medien? Dieser Frage geht an diesem Februarmorgen gerade eine Vierergruppe nach. Die Kinder haben bereits ein Drehbuch geschrieben. Im Gruppenraum vor dem Klassenzimmer nehmen sie nun vor einer grünen Leinwand Szenen für ihre Fernsehsendung auf. Dank Greenscreen-Technologie können sie später den Hintergrund verändern und das Signet des deutschen Wissensmagazins Galileo einblenden. Im Studio erklärt Jonas, der als Experte Herr Fischer auftritt, die theoretischen Hintergründe: «Medien» heisse wörtlich übersetzt «Mitte» oder «das Mittlere». «Heute meint man mit dem Begriff alle möglichen Kommunikationsmittel», ergänzt der Fünftklässler. Eine Auswahl solcher Kommunikationsmittel, welche die Kinder mitgebracht haben, demonstriert Reporter Calvin an seinem Pult: Bücher, Zeitungen, ein Telefon, eine Schreibmaschine und einen Brief. «Das alles haben wir heute im Smartphone oder im mobilen Computer drin», führt er aus. «Man kann telefonieren, Zeitung lesen, E-Mails schreiben, eine Karte anschauen. Man braucht nicht einmal mehr eine Weltkarte.»

Mit der Greenscreen-Technologie kann in selbst erstellten Videos der Hintergrund beliebig verändert werden.
Mit der Greenscreen-Technologie kann in selbst erstellten Videos der Hintergrund beliebig verändert werden.

Bei den zahlreichen Möglichkeiten, die das handliche Gerät bietet, ist es nicht verwunderlich, dass es auch bei den Kindern beliebt ist. In ihrer Klasse habe aber erst etwa die Hälfte ein eigenes Smartphone, sagt Laura Hess. Knonau sei eine ländlich geprägte Gemeinde mit nur wenigen Einwohnern aus bildungsfernen Schichten. Um sich des eigenen Medienumgangs bewusst zu werden und ihn mit anderen zu vergleichen, hat jede Schülerin und jeder Schüler während einer Woche ein Tagebuch geführt und in einer Tabelle eingetragen, wie viele Stunden sie mit welchem Medium verbringen. Eine Gruppe hat die Zahlen ausgewertet und mit einem Programm Kuchendiagramme erstellt. Der Computer bringt es auf einen Durchschnitt von dreieinhalb Stunden, hat die Gruppe herausgefunden. Überraschen mag, dass auch ältere Medien noch immer hoch im Kurs stehen: Bei den Büchern liegt der Durchschnitt bei sieben Stunden, wenn man die Schulbücher mitrechnet. Und ein Drittel der Kinder sitzt immer noch über fünf Stunden pro Woche vor dem Fernseher. Der Smartphone-Nutzung dagegen liegt gemäss Angaben der Mädchen und Jungen zwischen einer und fünf Stunden wöchentlich.

Indem die Kinder die Grafiken vor Augen haben und sich mit anderen vergleichen können, werde ihnen ihr Medienverhalten bewusster, erklärt Klassenlehrerin Hess. «Dies bringt bestimmt mehr, als wenn die Eltern oder die Lehrerin sagen, täglich drei Stunden am Smartphone seien zu viel.» Der Fokus liege im Fach Medien und Informatik zu einem grossen Teil auf der Prävention. Die Kinder sollen sich der Risiken im Umgang mit dem Internet sowie mit Daten und Fotos bewusst werden. Am Ende der Unterrichtssequenz wird deshalb jedes Kind einen eigenen Medien-Ratgeber für sich selbst erstellen.

Rüstzeug an der Hochschule geholt
«Ich kann den Reiz von digitalen Geräten und Social Media nachvollziehen», sagt Laura Hess. Die 27-Jährige ist mit Computer und Smartphone aufgewachsen und kennt sich in dieser Welt aus. Ähnlich gehe es den Kindern, die vieles intuitiv erfassen. «Man muss ihnen die Funktionsweise und die Programme meist nicht gross erklären.»

Die Kinder präsentieren auf der digitalen Wandtafel die Auswertung ihrer persönlichen Mediennutzung.
Die Kinder präsentieren auf der digitalen Wandtafel die Auswertung ihrer persönlichen Mediennutzung.

Im Frühling 2018 hat Hess den Grundlagenkurs Medien und Informatik an der PH Zürich besucht. Die Weiterbildung befähigt Lehrpersonen, das neue Schulfach zu unterrichten. Sie habe viel profitiert, sagt die Primarlehrerin. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten Unterrichtstipps, konnten in Unterlagen stöbern und selber mit Robotern experimentieren. Wie gut die Umsetzung des Gelernten in den Schulalltag gelingt, hänge aber zu einem grossen Teil auch von der verfügbaren Infrastruktur ab, betont Hess. In Knonau habe man gemäss dem bestehenden Medien- und ICT-Konzept glücklicherweise frühzeitig die nötige Ausrüstung aufgebaut. Medien als Jahresthema Zusätzlich zu den beiden Laptops pro Klassenzimmer hat die Schule Knonau letzten Sommer einen Klassensatz von je elf Tablets und Laptops angeschafft. Auch der Greenscreen wird von allen 13 Klassen gemeinsam benutzt. Zum Einsatz kam er zum Beispiel am Schulsilvester, als die Kinder Kostüme bastelten und dann etwa als Astronauten durch den Weltraum flogen, indem sie sich filmten und den Hintergrund bearbeiteten. Zudem hat die Schule kürzlich in Mini-Roboter investiert. Denn dieses Jahr setzt das Team einen Schwerpunkt bei der Förderung digitaler Kompetenzen. Eine stufenübergreifende Steuergruppe hat Unterrichtsmaterialien zusammengetragen und unter dem Motto «Move – eine kleine Bewegung kann Grosses bewirken» ein Jahresprogramm für alle Klassen ausgearbeitet. In den vier Kindergärten machen nun bereits die Kleinsten mit den bienenförmigen Bee-Bots erste spielerische Erfahrungen. In der Primarschule sind es die etwas anspruchsvolleren Ozo-Bots, die den Kindern das Programmieren näherbringen sollen. Die handgrossen Roböterchen lernen durch Befehle, die man ihnen erteilt, welche Wege sie gehen sollen.

«Wir sind nicht auf Rosen gebettet», sagt Co-Schulleiter Jörg Berger. Um die Anschaffungen zu finanzieren, sei man mit dem Gemeinderat zusammengesessen und habe gemeinsam eine Lösung ausgearbeitet. Eine Schlüsselfunktion für einen guten Medien- und Informatik-Unterricht habe auch der Pädagogische ICT-Support (PICT), der mit einem vergleichsweise hohen Pensum von 27 Stellenprozenten ausgestattet ist. Der Lehrer mit Zusatzausbildung wartet die Geräte, lädt die benötigten Programme darauf und unterstützt die Kolleginnen und Kollegen bei der Anwendung im Unterricht. «Wesentlich für das Gelingen ist zudem eine gute Zusammenarbeit von PICTS und Schulleitung», sagt Berger, der an der PH Zürich in der Schulleiterausbildung tätig ist. «Wir Schulleitenden sollten die PICTS befeuern statt sie auszubremsen.» Hat die Schule Knonau also vollständig in die virtuelle Welt abgehoben? Nein, sagt Schulleiter Berger. Bei der Vermittlung von Medien und Informatik handle es sich nur um einen von diversen wichtigen Inhalten. Nächstes Jahr hat das Schulhaus mit dem Jahresthema Wasser bewusst einen ganz anderen Schwerpunkt gesetzt.

Soziale Kompetenzen kommen nicht zu kurz
Kürzlich hat Jörg Berger bei einem Studienaufenthalt in Norwegen erfahren, wie die Kinder bereits ab Schuleintritt für das digitale Zeitalter fit gemacht werden. Von der ersten Klasse an verfüge dort jedes Kind über ein persönliches elektronisches Notebook, stellt Berger fest. Derweil stösst die Digitalisierung des Klassenzimmers hierzulande zuweilen auch auf Vorbehalte. Für Befürchtungen, die Kinder würden bald nur noch auf den Bildschirm starren, statt haptische Erfahrungen zu machen und mit anderen unmittelbare Beziehungen zu pflegen, hat Laura Hess jedoch kein Verständnis. «Das ist ein Vorurteil. Die sozialen Kompetenzen kommen keineswegs zu kurz.» Es werde selten so viel miteinander gesprochen wie beim Arbeiten mit digitalen Medien. Und auch das Denken nehme einem der Computer nicht ab: Beim Erstellen eines Diagrammes müsse man sich die Inhalte vorher sehr gut überlegen.

Lehrerin Laura Hess: «Ich kann den Reiz von digitalen Geräten und Social Media nachvollziehen.»
Lehrerin Laura Hess: «Ich kann den Reiz von digitalen Geräten und Social Media nachvollziehen.»

So oft wie möglich integriert sie die Geräte deshalb auch in andere Schulfächer. Zum Beispiel durften die Kinder im Fach «Religionen, Kulturen, Ethik» Schöpfungsgeschichten mit dem Stop-Motion-Programm darstellen. Dabei gestalteten sie einen Animationsfilm mit Papier oder Figürchen und nahmen mit dem Tablet alle paar Sekunden ein Bild auf. Beim Abspielen ergibt sich eine Art ruckartiger Film. Mit dieser Technik arbeitet an diesem Morgen auch eine Gruppe von drei Mädchen. Sie haben Lego-Teile mitgebracht und damit ein Schulzimmer nachgebaut. Gerade fährt die Lehrerin im Cabrio vor, parkiert und stellt sich vor die Wandtafel. Die Schülerinnen und Schüler nehmen in ihren Bänken Platz. Mediengeschichte steht auf dem Programm. Die Mädchen verschieben die kleinen Plastikfiguren immer wieder ein paar Zentimeter weiter und nehmen jedes Mal ein Bild auf. Dabei diskutieren sie den Ablauf und sprechen sich in ihren Rollen ab. Am Ende haben die Lego-Kinder die Entwicklung der Medien genauso verinnerlicht wie diejenigen aus Fleisch und Blut.

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