Wörter mit Geschichte

Täuschende Wörter: Kleines Lexikon der Volksetymologien (Reclam 2017)
Täuschende Wörter: Kleines Lexikon der Volksetymologien (Reclam 2017)

Mit den täuschenden Wörtern in Heike Olschanskys handlichem Taschenbuch verhält es sich wie mit den falschen Freunden, vor denen man uns im Fremdsprachenunterricht gewarnt hat. Ein Handy ist zwar handy (also «praktisch»), aber die beiden Homophone haben im Deutschen und im Englischen nicht die gleiche Bedeutung. Auch die mannigfachen Einträge im kleinformatigen Lexikon der Volksetymologien legen verwandtschaftliche Beziehungen zu bekannten Wörtern nahe, zeigen auf den zweiten Blick aber, dass wir einem Irrtum erliegen. Gelegentlich führt die mutmassliche Familienähnlichkeit sogar dazu, dass ein Wort sich verbiegt und der mundgerechte Wortwechsel dann erst recht zu falschen Vorstellungen verleitet.

Ein sprechendes Beispiel ist der Maulwurf. Pflügt sich dieses Wesen etwa mit baggerschaufelartigem Kiefer durch den Untergrund? Davon kann keine Rede sein. Der ursprüngliche «Haufenwerfer» (mūwerf) wurde im Lauf der Geschichte schon früh zum «Erdwerfer» (multwurf) umgedeutet und verwandelte sich schliesslich dank Ähnlichkeit mit dem mittelhochdeutschen mūle (für «Maul») zu dem, was er heute ist. Eine volksetymologische Täuschung, wie Olschansky festhält, denn das kuriose Tier arbeitet sich nicht mit der rüsselartigen Schnauze durch den Untergrund, sondern gräbt sich mit seinen schaufelartigen Vorderpfoten einen Weg durch die Erde (die als Mull noch im Wort Torfmull anklingt).

Der Grund für solche Wandlungen liegt häufig in isolierten Wortbausteinen, deren Herkunft verblasst, sobald die letzten Verwandten aus dem Wortschatz verschwinden. So hat das mittelhochdeutsche rām (für «Ziel») keine lexikalischen Nachkommen mehr, lebt aber noch im Wort anberaumen weiter (das folglich nichts mit Raum zu tun hat). Auch Abc-Schützen schiessen nicht mit Bogen und Bleistift aufs Alphabet. Hier wurde bloss der Anfänger (lat. tīro) mit dem französischen tirer in Verbindung gebracht und hat zur irreführenden Übersetzung inspiriert. Dass Volksetymologien eine weitläufige und multikulturelle Erscheinung sind, illustriert die Autorin schliesslich in einem Kapitel über Orts- und Familiennamen sowie einem anregenden «Blick über den deutschsprachigen Tellerrand». – Die Herkunft unserer Wörter mag knifflig sein, aber die Freude über sprachliche Fata Morganen darf man sich nicht verkneifen.

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Heike Olschansky.
Täuschende Wörter: Kleines Lexikon der Volksetymologien.
Stuttgart: Reclam, 2017. 253 Seiten.

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