Forschung als Basis für guten Unterricht

Im Rahmen ihrer Ausbildung führen sämtliche Studierenden der PH Zürich ein eigenes Forschungsprojekt durch. Der experimentelle Zugang zu Wissen und das dabei erforderliche systematische Vorgehen ist von wesentlicher Bedeutung für die Weiterentwicklung des eigenen Unterrichts. Daneben werden Entwicklungsprozesse an den Schulen auch durch Studien von Forschenden der PH Zürich angestossen.

Fotos: Sophie Stieger
Fotos: Sophie Stieger

Ethnografisches Beobachten, Statistik oder Interviewtechniken würde man auf Anhieb kaum mit der Ausbildung von Lehrpersonen in Verbindung bringen. Doch an der PH Zürich gehören Methoden der Datenerhebung und Datenanalyse sowie Fragen zu Forschungsdesigns und Forschungsethik zum festen Programm aller Studiengänge. So führen sämtliche Studierenden aller Stufen im Rahmen des Moduls «Forschung und Entwicklung» ein eigenes Forschungsprojekt durch. In parallel geführten Kursen zu unterschiedlichen Themen und Forschungsmethoden lernen die Studierenden dabei eine spezifische Forschungsmethode kennen und gehen mit dieser einer selbständig entwickelten Fragestellung nach. Je nach Interesse erforschen sie etwa mit Methoden der ethnografischen Forschung das Spiel von Kindern und Jugendlichen, führen Videoanalysen von Unterrichtssituationen durch oder untersuchen vor dem Hintergrund neu etablierter Tagesschulen Familienbilder von Politikerinnen und Politikern. Dabei werden die Ebenen Forschung und Entwicklung immer als Einheit behandelt. Zu einem Forschungsprojekt gehören neben der analytischen Erforschung von Gegebenheiten und Situationen also auch Entwicklung und Erprobung von Instrumenten zu deren Veränderung. So entwickeln Studierende beispielsweise Möglichkeiten, wie sie überfachliche Kompetenzen bei Schülerinnen und Schülern sinnvoll erheben können.

Eintauchen in die Wissensproduktion
Im Grunde sind Lehrpersonen sowohl im Studium als auch später im Berufsleben ständig mit Forschungsresultaten konfrontiert. So basieren nicht nur Unterrichtsinhalte, sondern ebenso pädagogische und fachdidaktische Konzepte, Schulreformen oder neue Lehrmittel letztlich auf Wissen aus Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Der exemplarische Einblick in Forschungs- und Entwicklungsprozesse soll das Verständnis für die Wissensproduktion und damit auch die Fähigkeit fördern, Resultate von Forschungs- und Entwicklungsprojekten kritisch einzuordnen. In den genannten Modulen steht jedoch weniger die kritische Rezeption von Forschungsresultaten im Zentrum als vielmehr das eigene forschende Handeln der angehenden Lehrpersonen. «Ziel des Moduls ist es, dass die Studierenden die Forschungs- und Entwicklungsprozesse durch das eigene Forschen kennenlernen und dadurch eine forschende Haltung entwickeln», erklärt Christine Bieri, die an der PH Zürich die Sekundarstufe 1 leitet. Es geht also darum, dass sich die Studierenden ein strukturiertes Vorgehen zum Erkenntnisgewinn erarbeiten und einen neugierigen, experimentierfreudigen Zugang zur Realität entwickeln. Beides benötigen Lehrpersonen gemäss Bieri zur Entwicklung des eigenen Unterrichts. «Der Prozess der Unterrichtsentwicklung und das Vorgehen in Forschungsprojekten gleichen sich stark», sagt sie. «Will eine Lehrperson beispielsweise die eigene Klassenführung verbessern, muss sie ihr Handeln erst sinnvoll analysieren können und aufgrund dessen gezielt Massnahmen zur Veränderung erproben.» Wie in einem Forschungsprojekt muss sich die Lehrperson für eine Verbesserung ihres professionellen Handelns also klare Ziele setzen und geeignete Methoden finden können, um ihren Unterricht kritisch zu reflektieren und diesen aufgrund der Beobachtungen entsprechend anzupassen. Und dann beginnt das Beobachten wieder von neuem.

«Unterrichtsentwicklung verläuft wie Forschung und Entwicklung kreisförmig», erklärt Bieri. Das bedeutet, dass der Forschungskreislauf nach der Erprobung einer spezifischen Intervention wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt und die Beobachtung zur Verbesserung von neuem beginnt. «Nur sind diese Kreisläufe der Erprobung im Berufsalltag selbstverständlich kürzer und verlaufen weniger systematisch», sagt Bieri. Wenn sich Studierende in den Kursen spezifische Forschungsmethoden aneignen, dann also nicht mit dem Ziel, dass sie diese im Berufsalltag direkt anwenden können. Vielmehr sollen sie exemplarisch erleben, wie sie mit einem systematischen Vorgehen zu sinnvollen Erkenntnissen kommen und Interventionen gezielt entwickeln und überprüfen. In der Berufspraxis hilft so etwa ein Unterrichtstagebuch bei der Verbesserung der Klassenführung oder eine Fragebogenerhebung in der Klasse, um die Wirkung eines neuen Lernarrangements zu überprüfen.

Ein Beitrag zur Professionalisierung
Während die Studierenden den Nutzen solcher Forschungsprojekte früher noch relativ häufig in Frage stellten, hat sich inzwischen gemäss Bieri eine forschungsfreundliche Haltung unter den Studierenden etabliert. «Forschung und Entwicklung sind heute ein selbstverständlicher Teil des Studiums», gibt sie eine verbreitete Ansicht wieder. Gemäss mehreren Evaluationen ist die Akzeptanz für das Modul «Forschung und Entwicklung» hoch. «Viele Studierende schätzen die vertiefte Auseinandersetzung mit einem Thema», sagt Bieri. Viele sind davon überzeugt, dass das eigene Forschen zur Kompetenzentwicklung beiträgt.
Zudem weist Bieri darauf hin, dass entdeckende, experimentelle Unterrichtsformen an den Schulen heute weit verbreitet sind, und zwar nicht ausschliesslich in den naturwissenschaftlichen Fächern. Schülerinnen und Schüler entdecken beispielsweise im Deutschunterricht Grammatikregeln, suchen nach Mustern in der Mathematik und erarbeiten sich Wissen häufig selbständig in Projektarbeiten, die bei einer konkreten Fragestellung ansetzen. Lehrpersonen mit einer neugierigen, forschungsorientierten Haltung gelingt es gemäss Bieri eher, kleine Forschungsprozesse in den Unterricht zu integrieren. Und dies sei nicht nur motivierend, sondern festige auch das Wissen.

Beachtliches Expertenwissen
Eine forschungsorientierte Haltung wird im Studium an der PH Zürich nicht nur im besagten Modul gefördert, sondern ebenso in diversen Lehrveranstaltungen sowie in den Mentoraten. Zudem schreiben die Studierenden für ihre Bachelorarbeit kleinere Forschungsarbeiten, auf Sekundarstufe 1 werden für die Masterarbeit auch umfangreichere Forschungsprojekte durchgeführt. Dies geschieht in Form von theoretischen Arbeiten, empirischen Forschungsprojekten mit eigener Fragestellung und eigenem Forschungsdesign oder der Mitarbeit an einem bestehenden Forschungsprojekt der PH Zürich.

Gewisse Studierende erreichten in dieser relativ kurzen Zeit ein beachtliches Expertenwissen oder Knowhow im Methodenbereich, so Bieri. Zudem finden sich unter den Studierenden, insbesondere in den Studiengängen für Quereinsteigende, auch Personen mit starkem Forschungshintergrund, wobei einige in ihrer Masterarbeit mit einem bestehenden Fach- oder Methodenwissen an Fragen aus dem Schulfeld anknüpfen. So untersuchte eine Studentin mit einem Abschluss in Literaturwissenschaften beispielsweise, wie Lehrpersonen Schülerinnen und Schüler, die zuhause kaum Zugang zu Büchern haben, für Literatur interessieren können. Oder ein Ingenieur ging in seiner Masterarbeit der Frage nach, wie man Mädchen bei der Berufswahl für naturwissenschaftliche und technische Berufe gewinnen kann.

Studierende, die Teilzeit studieren und bereits eine eigene Klasse unterrichten, haben zudem die Möglichkeit, im Rahmen ihrer Masterarbeit ein sogenanntes Aktionsforschungsprojekt durchzuführen. Unter Aktionsforschung versteht man die systematische Untersuchung des eigenen professionellen Handelns mit dem Ziel, dieses zu verbessern. Über einen längeren Zeitraum untersuchen die Studierenden dabei anhand verschiedener Methoden einen Aspekt ihres Unterrichts und versuchen diesen durch gezielte Interventionen weiterzuentwickeln. Beispielsweise untersuchte ein Student, inwiefern er das Lernen seiner Schülerinnen und Schüler stört und wertvolle Lernprozesse durch sein eigenes Handeln unterbricht. Eine andere Studentin erforschte, wie sich Variationen ihrer Aufgabenstellungen auf die Einstellung ihrer Schülerinnen und Schüler zur englischen Sprache auswirkten.

Eine Gruppe von Lehrpersonen, die ein solches Aktionsforschungsprojekt als Masterarbeit durchgeführt hatte, wurde zwei Jahre nach Abschluss ihres Studiums zu der Wirksamkeit ihrer Forschung befragt. Dabei gab die Mehrheit der zwölf Befragten an, dass ihre Forschung die Fähigkeit zur Unterrichtsentwicklung verstärkt habe. Viele fühlten sich durch die Aktionsforschung kompetent, klare Ziele für eine Veränderung setzen zu können, was gerade beim Berufseinstieg angesichts der zahlreichen Herausforderungen schwierig sein kann, aber dennoch zentral ist.

Forschung an und mit Schulen
Forschung und Entwicklung hat an der PH Zürich nicht nur ihren festen Platz in der Ausbildung von Lehrpersonen. Auch forschen professionelle Forschende der PH Zürich zu verschiedensten Fragen im Zusammenhang mit Schule, wobei sie häufig auf die Mitarbeit von Schulen angewiesen sind. Nur ist es für Forschende häufig nicht ganz einfach, Schulen für die Teilnahme an einem Forschungsprojekt zu gewinnen. Denn das Schulfeld wird von verschiedenen Seiten stark beforscht. So fragen Schulen neben professionellen Forschungsteams von Pädagogischen Hochschulen auch andere Bildungsinstitutionen für die Mitarbeit bei Studien an. Und auch im Rahmen studentischer Forschungsarbeiten, Masterarbeiten oder Qualifikationsarbeiten auf CAS- oder MAS-Stufe werden Studien an Schulen durchgeführt. Für die Schulleitungen und genauso für Lehrpersonen bedeutet die Beforschung durch Externe oft einen zusätzlichen Zeit- und Organisationsaufwand neben dem bereits fordernden Schulalltag. «Wenn wir Schulleitungen für eine Zusammenarbeit gewinnen wollen, müssen wir ihnen den Mehrwert eines Forschungsprojekts an ihrer Schule klar aufzeigen können», sagt Patricia Schuler, die an der PH Zürich das Forschungszentrum für Professionalisierung und Kompetenzentwicklung leitet. Meistens können die Forschenden dabei klar aufzeigen, inwiefern die Schule direkt von einem Projekt profitieren kann. «Forschungs- und Entwicklungsprojekte an Schulen kann man als Teil des Schulentwicklungsprozesses betrachten», sagt Schuler. «Wenn wir einen Aspekt des Schulalltags an einer Schule beforschen, halten wir den Lehrpersonen und der Schulleitung auch einen Spiegel vor und können damit Entwicklungsanstösse geben», erklärt sie. Ein Handlungsbedarf wird manchmal sogar bereits bei der Datenerhebung ersichtlich. So etwa, wenn eine Frage zum Schulprofil in einem Gruppeninterview ganz unterschiedliche oder gar widersprüchliche Antworten auslöst.

Gewöhnlich entscheidet die Schulleitung, ob ein Projekt an einer Schule durchgeführt werden kann. Damit ist jedoch noch nicht über die Teilnahme der einzelnen Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler oder Eltern entschieden. Denn diese bestimmen selbst, ob sie befragt oder beobachtet werden dürfen. So muss die Teilnahme an Forschungsprojekten gemäss den geltenden forschungsethischen Standards stets freiwillig sein. Wenn sich Schulen für die Teilnahme an einem Forschungsprojekt entschieden haben, seien die meisten Beteiligten sehr offen, sagt Schuler. Generell habe sie kaum schlechte Erfahrungen bei der Erforschung von Schulen gemacht.

Experten und Expertinnen im Feld
Wenn Forschende ihre Daten erhoben und ihre Schlüsse gezogen haben, ist die Zusammenarbeit mit der jeweiligen Schule noch nicht beendet. Denn die Forschenden lassen den Beforschten immer Einblicke in die Erkenntnisse ihrer Forschung zukommen. Diese werden von Fall zu Fall anders an die Schulen zurückgebracht. Je nach Wunsch präsentieren die Forschenden ihre Resultate nur und zeigen mögliche Herausforderungen für die Schule auf, oder sie schlagen konkrete Lösungsansätze vor und diskutieren diese mit dem Lehrpersonenteam. Oft werden Lösungswege in Workshops gemeinsam mit dem Team der jeweiligen Schule erarbeitet. Und bisweilen laden die Forschenden der PH Zürich Lehrpersonen oder Schulleitungen für gemeinsame Vorträge an Symposien oder Tagungen ein. Gemäss Schuler geht es dabei nicht einfach um eine Illustration der Forschungsresultate durch einen Einblick in die Praxis. «Ich verstehe Lehrpersonen als Expertinnen und Experten im Feld. Und deren Erfahrungswissen ist für die Forschung sehr wichtig», so Schuler.

Grundsätzlich werde Forschung heute stärker als Austausch auf Augenhöhe verstanden, sagt Schuler. In Forschungsprojekten der PH Zürich wurden Beforschte auch schon aktiv in die Forschung miteinbezogen, etwa bei einem Forschungsprojekt zur räumlichen Gestaltung von Tagesschulen an der Tagesschule Zug. Neben konventionellen Erhebungsmethoden wurden die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler auch durch diese selbst eingefangen. So machten die Kinder Fotos von Räumen und Aussenorten, kommentierten diese schriftlich und stellten auf Plakaten zusätzlich Optimierungsmöglichkeiten vor. «Wenn eine Schule aktiv beteiligt ist an der Forschung, wird sie Resultate einer Untersuchung eher umsetzen», nennt Schuler einen wichtigen Vorteil der partizipatorischen Forschung. Das Projekt an der Schule Zug diente letztlich als Modell, wie Schulen sich selbst beforschen und so Schulentwicklungsprozesse gezielt vorantreiben können. Die Abgängerinnen und Abgänger der PH Zürich haben für solche Prozesse die notwendigen Kompetenzen. Dank der eigenen Forschungserfahrung können sie schulische Situationen nicht nur gezielt analysieren, sondern kennen mögliche Wege, um Innovationen zu erproben und Entwicklungsprozesse anzustossen.

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