Alles Kinderkram?

Karin Zopfi Bernasconi – Seitenblick

Eigentlich hängt der Haussegen schief. Der Küchenboden ist mit einer Staubschicht übersät, die einiges an Arbeit verspricht und empathische Gefühle für Sisyphus aufkommen lässt. Einzig das Kind lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Es kauert auf dem Boden und hämmert die einzelnen, in Gips eingeschlossenen Teile des Dinosaurierskeletts frei. Die konzentrierte Stimmung besänftigt schnell. Minuten später sitzen beide auf dem Boden, unterhalten sich über die nächsten Hammerschläge und freuen sich über die bereits freigelegten Langknochen. Schon bald wird die Riesenechse stehen; die jurassische Küchenlandschaft ärgert nun niemanden mehr.

Unschwer lässt sich erkennen, dass die Aufmerksamkeit des Kindes und das gemeinsame Tun die Perspektive des Erwachsenen verändert haben. Wäre die Einordnung dieser Situation nur auf kognitiver Ebene erfolgt, hätte die Reaktion vermutlich anders ausgesehen. Das Ganze ist aber auch ein Lehrstück für Didaktik und Pädagogik.

Dass selbstgemachte Erfahrungen nicht nur beim impliziten Lernen, sondern auch für explizite, schulische Lernprozesse eine wichtige Grundlage bilden, ist eine Binsenwahrheit. Sie lässt sich in didaktischen Evergreens wiederfinden, beispielsweise im sogenannten EIS-Prinzip des amerikanischen Psychologen Jerome Bruner. Im Sinne des nachhaltigen Lernens sollten im Unterricht demnach alle drei Repräsentationsformen berücksichtigt werden – die enaktive Ebene der konkreten oder vorgestellten Handlungen, die ikonischen Darstellungen verstanden als bildliche Formen und die symbolischen Repräsentationen, die Inhalte durch Zeichen oder Sprache vermitteln. Die eigene Erfahrung und der selbst nachvollzogene Weg der Erkenntnis sind auch beim deutschen Pädagogen Martin Wagenschein wesentlich. Nach ihm bleibt Wissen, zu dem es keine Erfahrung gibt, leer. Dem Kind räumt er das Recht auf jede Frage ein – und der Lehrperson das Recht auf jede Antwort, sofern sie dem Kind etwas aufgehen lässt. Und genau in diesem Punkt liegt unsere Kunst.

Auch der Perspektivenwechsel stellt in der Didaktisierung von Lerninhalten einen entscheidenden Schritt dar. Es lohnt sich für alle Stoffgebiete und Stufen, gestellte Aufgaben im Voraus selber durchzuarbeiten, damit allfällige Hürden erkannt und Hilfestellungen abgeleitet werden können. Zu Recht wird dieser Zugang in der Lehrerbildung mantramässig wiederholt. Die Beachtung dieses Grundsatzes trägt schnell Früchte, die Ernte wird einzig durch akuten Zeitmangel bedroht.

Beim Beispiel der jurassischen Küchenlandschaft geht es mit dem Verstehen aber noch einen Schritt weiter. Die gemeinsame Erfahrung des Hämmerns und Kratzens hat nicht nur die Perspektive verändert, sondern ein echtes Verständnis für die Situation des Kindes ausgelöst. Es bleibt die Frage offen, ob mit diesem Ansatz der gemeinsamen Erfahrung auch in weiteren Zusammenhängen Dialoge und Prozesse anders ausgestaltet werden könnten. So würde es mich reizen, einmal in der Rolle als Studentin eine Woche an unserer Institution mitzulaufen. Bestimmt würde sich die eine oder andere Lernlandschaft anders präsentieren. Doch wegen akuten Zeitmangels blieb es bislang bloss beim Gedankenspiel.

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Karin Zopfi Bernasconi ist Dozentin für Pädagogische Psychologie an der PH Zürich.

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