Was die Schweizermacher nicht sahen

Was die Schweizermacher nicht sahen

Was die Schweizermacher nicht sahen

Die Schweizer Fremdenpolitik aus der Perspektive der Behörden, das kennt man seit Rolf Lyssys Film «Die Schweizermacher». Vierzig Jahre später wechselt Vincenzo Todisco die Perspektive: sein Roman «Das Eidechsenkind» erzählt vom verbotenen Leben eines italienischen Saisonnierkindes.

Vincenzo Todisco ist Sohn italienischer Arbeitsmigranten, wurde in Stans geboren und wuchs in Graubünden dreisprachig auf. Nach vier auf Italienisch verfassten Romanen schreibt er nun erstmals auf Deutsch. «Das Eidechsenkind» war für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert.

«Lucertola», so nennt Nonna Assunta im italienischen Ripa das Kind, «Eidechse». Denn der kleine Junge ist äusserst aufmerksam, er beobachtet und nimmt alles wahr, bewegt sich leise und verschwindet, wenn nötig, blitzschnell und bleibt unauffindbar, bis er sich selber wieder hervortraut. Diese Fähigkeiten hat er sich im sogenannten «Gastland» angeeignet. Seine ersten Lebensjahre verbringt er in beiden Ländern, in Ripa bei der Grossmutter, im «Gastland» bei den Eltern. Dazwischen liegen Reisen von der Legalität in die Illegalität, von der Sichtbarkeit ins Versteck. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben, nach Arbeit und einem eigenen Haus in Ripa trieb den Vater in den Norden, hier arbeitet er als Saisonnier neun Monate auf dem Bau und kehrt für die Wintermonate zurück nach Italien. Die Mutter ist ohne Arbeitsbewilligung nur als Touristin auf Zeit geduldet, das Kind wird über die Grenze hin und her geschmuggelt.

In der Fremde wird die Wohnung zum Gefängnis. Das Kind bewegt sich darin unsichtbar und unhörbar für Freunde, Nachbarn und Arbeitgeber. Wenn jemand an die Tür klopft, kennt es die Anzahl Schritte, die es zurücklegen muss bis ins Versteck im Schrank oder unter der Bank. Es findet Gucklöcher oder schabt Ritzen in die Wände, um alles beobachten und hören zu können. Die Aussenwelt findet nur in den Erzählungen seiner Eltern und in seiner Imagination statt. Erinnerungen an Ripa vermischen sich mit Tagträumen, im Schlaf werden sie von Alpträumen abgelöst.

Die Eltern sind verstrickt in eine Welt von Hoffnung, Angst, Lüge und Selbsttäuschung. Nicht einmal die Verwandten wissen von ihrem Alltag und was die Ursachen für das auffällige Verhalten des Kindes sind. Sie leben in einer eigenen Zeitrechnung, die mit der Legalisierung eine Etappe überwindet, aber keine Besserung bringt. Denn nach Jahren eines verbotenen Lebens rechnen sie mit Sanktionen des Arbeitsgebers und der Behörden. Später gibt die Entwicklung des Hausbaus in Ripa den Takt an. Aber die Fertigstellung verzögert sich und damit auch die Aussicht auf die Rückkehr. Am Schluss des Buches ist der Junge ein Teenager, ohne Schulbildung, immer noch im «Gastland». Und so wird es wohl immer bleiben, denn er hat die Illegalität verinnerlicht und fürchtet Gefängnis oder Irrenhaus.

Lange habe er gebraucht, um den passenden Ton zu finden, sagt Vincenzo Todisco. Die ersten Entwürfe schrieb er noch italienisch, dann suchte er über zwei deutsche Fassungen nach der passenden Erzählperspektive: Ganz nah am Kind, als würde eine Kamera auf dessen Schulter blicken. Das Resultat ist eine objektivierende und gleichzeitig teilnehmende Erzählinstanz, kühl und trotzdem empathisch. Eine knappe und klare Sprache, in die sparsam, sozusagen als Umgebungsmarker, italienische Begriffe eingestreut werden. Präzis werden Personen, Räume und Dinge beschrieben: Wir riechen das Putzmittel im Treppenhaus, sehen durch die halbtransparenten Vorhänge die Schneeflocken und hören italienische Schlager. Hier schreibt einer, der sich auskennt, auch in der kulinarischen Kommunikation: was warum für wen gekocht wird, wie ein Mortadella-Sandwich in feuchtes Zeitungspapier gewickelt auf den Arbeitsweg mitgegeben wird, was eine ofenwarme Focaccia bei den Nachbarn bewirkt, wie in Wein getunktes Brot schmeckt. Dabei besteht weder in den Beschreibungen noch in der Sprache jemals die Gefahr der Exotisierung.

Mit gutem Gewissen kann das sogenannte «Gastland» mit der Schweiz gleichgesetzt werden. Personennamen, Dialektausdrücke, Zigarettenmarken und politische Umstände weisen unmissverständlich darauf hin. So ist dieser Roman über die Familiengeschichte hinaus auch eine Geschichte über die Schweiz der 1960er- und 1970er-Jahre. Die Zeit der Schwarzenbach-Initiative, eine Zeit, in der Italiener auf der Strasse offen beschimpft werden und Italianità wirklich noch ein Fremdwort ist.

Die Art und Weise, wie in «Das Eidechsenkind» alle Betroffenen, Vater, Mutter und Kind die Verantwortung, die Schuld an ihrer Situation auf sich nehmen und darin vor allem ein individuelles Schicksal sehen, erinnert daran, wie dringend eine politische Verarbeitung dieser Zeit für die Schweiz ist. Man spricht von 10’000–15’000 betroffenen Kindern. Bis heute wird selten – selbst in der Familie – über das Erlebte gesprochen.* Vincenzo Todisco hat den vielen ehemaligen Saisonnierfamilien mit diesem Buch ein literarisches Gesicht gegeben.

* Zu den vergessenen versteckten Kindern der Saisonniers in der Schweiz: ein offener Brief an Bundesrätin Simonetta Sommaruga (21. September 2018).

VN:D [1.9.22_1171]
Bewertung: +2 (von 2 Bewertungen)

Vincenzo Todisco.
Das Eidechsenkind.
Zürich: Rotpunktverlag, 2018. 214 Seiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.