Rückkehr des Autoritären?

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler - Unter vier Augen

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler – Unter vier Augen. Illustration: Elisabeth Moch

Ruedi Isler: Das Landesmuseum widmet den 68ern die Ausstellung «Imagine 68». Sollten wir erneut über Autorität und Antiautorität nachdenken? Die Ausstellung ist nicht der einzige Anlass dazu. Was meinst du, Mario?Mario Bernet: Versuchen wir’s. Eigentlich habe ich beide Begriffe aus meinem Vokabular verbannt, weil ihre Verwendung für rote Köpfe statt tauglicher Erkenntnisse sorgt. Siehst du das differenzierter?

Isler: Es sind belastete Begriffe, gewiss. Aber das autoritäre Prinzip ist politisch im Vormarsch, in der Türkei, in vielen postsowjetischen Staaten, eigentlich fast weltweit. In pädagogischen Sphären gibt es Entsprechungen. Eine Wiederaufnahme der Debatte scheint nicht falsch.

Bernet: Im autoritären Prinzip sehe ich zwei Aspekte: den Versuch, Macht über andere auszuspielen, und die Bereitschaft, sich einem fremden Willen unterzuordnen. Im Schulfeld wird hingegen vermehrt von Kooperation und Partizipation gesprochen – das klingt eher autoritätskritisch. Bist du dir sicher mit deinem Befund zur Wiederkehr des Autoritären?

Isler: Deinen Stichworten entspricht eine gewisse Praxis – und gleichzeitig handelt es sich um pädagogische Rhetorik, hinter der sich paradoxerweise erhöhter Anpassungsdruck, Uniformität, Kontrolle, Durchsetzung von Standards etc. verbergen, also veränderte Formen von Autorität. Vermehrt sehe ich aber auch einen alt-neuen harschen Umgangston mit Heranwachsenden.

Bernet: Aus dem Jahr 1968 stammt ein denkwürdiger Text von Theodor W. Adorno. Er nennt darin zwei wichtige Leistungen, welche die Erziehung in einer humanen Gesellschaft erbringen müsste: «den Menschen abgewöhnen, die Ellenbogen zu gebrauchen» und den «Abbau jeglicher Art von unerhellter Autorität». Salopp gesagt: Da stehen 50 Jahre später noch Hausaufgaben an. Aber du bist besorgter, scheint mir.

Isler: Ja, die Parallelität von unreflektierter, geradezu unbewusster und wortreich verschleierter Autorität in vielen Lebensbereichen, auch im Bildungswesen, und von autoritären Tendenzen der Gesamtgesellschaft erachte ich als bedenklich für die Demokratie. Dies auch deshalb, weil die einzige Autorität, die Adorno gelten liess, nämlich die Sachautorität, zusehends wegschmilzt: Alles ist möglich, nichts ist unwahr. In Verbindung mit Autoritarismus eine ungute Mischung.

Bernet: Ich will diese Bedenken nicht wegwischen. Und doch mag ich einen gewissen Optimismus nicht preisgeben, wenn ich mir die letzten Jahrzehnte der öffentlichen Bildung vor Augen führe. Ich bilde mir ein, dass dort das Fundament der Demokratie gelegt wird, mehr denn je. Ist das naiv?

Isler: Ich zweifle nicht daran, dass demokratisch gesinnte Generationen aus unseren Schulen entlassen werden. Demokratielernen ist sicher nicht falsch, aber es reicht nicht, wenn der Wind aus einer anderen Richtung weht.

Bernet: Daher wurden Lehrerinnen und Lehrer auch schon mit der mythischen Figur des Sisyphos verglichen, der unverdrossen am Werk ist, obwohl er immer wieder scheitert. Albert Camus meinte dazu: «Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Einen treffenderen Leitsatz für den Lehrberuf kann ich mir nicht vorstellen.

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Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich. Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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