«Erwartungen nach totaler Gerechtigkeit sind überhöht»

Der Friedensrichter Thomas Marthaler hat mit 80 Prozent der Konfliktfälle, die bei ihm ohne Gerichtsprozess gelöst werden, eine sehr hohe Erfolgsquote. Der ehemalige Boxer erklärt, was seine Arbeit mit dem Kampf im Ring gemeinsam hat und weshalb Provokationen für die Konfliktlösung hilfreich sein können.

Thomas Marthaler

Thomas Marthaler, Friedensrichter für die Kreise 3 und 9 der Stadt Zürich. Foto: Nelly Rodriguez

Akzente: Den Friedensrichter kennen viele wohl vor allem vom Hörensagen. Wann kommen Sie ins Spiel?
Marthaler: Ich werde beigezogen, wenn Private in einem Streitfall die Unterstützung der staatlichen Behörden suchen, um einen Konflikt in einen rechtlichen Rahmen zu bringen. Beim Friedensrichter werden Konflikte gelöst, bevor es zu einem Gerichtsverfahren kommt. Heute war beispielsweise eine Versicherungsmaklerin hier, die den Lohn für einige Monate und zusätzlich ihre Provisionen nicht erhalten hat. Solche arbeitsrechtlichen Streitereien machen einen relativ grossen Teil meiner Arbeit aus. Doch die Fälle sind sehr vielfältig. Manchmal geht es um schwierige Sachverhalte wie eine Dienstleistung, mit der jemand nicht zufrieden war, aber unklar ist, welche Qualität wirklich offeriert wurde. Oft werden aber auch vordergründig Forderungen postuliert und das Problem ist ein ganz anderes, beispielsweise die Enttäuschung über eine erfolglose Geschäftsidee, die man an einem Geschäftspartner auslässt.

Wie muss man sich den Ablauf einer Verhandlung beim Friedensrichter vorstellen?
Vor jeder Verhandlung erhalte ich das Schlichtungsgesuch mit dem Beschrieb des Streitfalls. Häufig überfliege ich dieses Dokument jedoch nur. So kann ich unvoreingenommen beide Seiten anhören. In
der Verhandlung beschreibt erst der Kläger den Konflikt und stellt seine finanzielle Forderung. Anschliessend nimmt die beklagte Partei Stellung dazu. Wenn beide Parteien die gleiche Konfliktsituation schildern, haben wir die Differenz relativ schnell gefunden und können diese auflösen. Das heisst, wir suchen gemeinsam einen finanziellen Kompromiss. Im Normalfall dauert das eine halbe Stunde. Häufig höre ich aber auch sehr unterschiedliche Versionen einer Geschichte. Da lässt sich meist nicht beweisen, was stimmt.

Was geschieht in einem solchen Fall, in dem die Fakten unklar sind?
Wir können nicht überprüfen, wer Recht hat, sondern nur der Frage nachgehen, wie Differenzen zustande kommen und Missverständnisse auflösen. Für den Kompromiss müssen wir gewisse Annahmen treffen. Inhaltlich fallen die Vergleiche deshalb auch nicht immer ganz gerecht oder ausgewogen aus. Doch die Schlichtungsbehörde hat die Konfliktlösung zum Ziel. An erster Stelle wollen wir Streitfälle beilegen. Denn diese binden bei beiden Streitparteien relativ viele Ressourcen, nicht nur finanzielle. Oft muss ich auch aufzeigen, dass Erwartungen nach totaler Gerechtigkeit überhöht sind. Leuten, die aus Prinzip nicht nachgeben wollen, sage ich: «Dann kann ich jetzt eigentlich spazieren gehen.»

Aber es ist doch auch verständlich, auf Gerechtigkeit zu beharren?
Nur bringt es nichts. Häufig stecken hinter dem Konflikt ganz andere Probleme, die in den Streit projiziert werden. Jemand hat beispielsweise eine Enttäuschung noch nicht überwunden und will den anderen nicht ungestraft davonkommen lassen. Teilweise haben die Leute auch Angst, zu kurz zu kommen. Ich darf die Leute in der Verhandlung zwar nicht verletzen, aber manchmal muss ich sie provozieren, um herauszufinden, weshalb jemand einen solchen Aufstand macht. Wenn eine Person Enttäuschungen oder Verletzungen in der Verhandlung artikulieren kann und ein Dritter diese wahrnimmt, reicht dies oft schon aus, damit sich bei ihr etwas löst. Wenn ich diesen negativen Gefühlen Raum geben kann, können die Menschen endlich loslassen. Der Mechanismus der Konfliktlösung ist hier nicht anders als im Alltag. Nur ist das Einlenken oft einfacher, weil die Parteien im Normalfall nachher nicht mehr viel miteinander zu tun haben.

Was ist Ihre Aufgabe in der Verhandlung?
Oft schauen beide Parteien die ganze Zeit nur mich an. Dabei ist es ihr Streit, sie müssen eine Lösung finden. Meine Aufgabe ist es, ihnen auf die Sprünge zu helfen, damit sie sich annähern können. Ich muss beiden Parteien das Vertrauen geben, dass es Sinn macht mitzuziehen. Ich versuche ihnen klar zu machen, dass es für sie ein Vorteil ist, nicht zu prozessieren, weil das enorme Kosten mit sich bringt und langwierig und aufreibend ist. Um nicht selbst in den Konflikt zu geraten, muss ich stets Distanz wahren und zeigen, dass ich unparteiisch bin. Ich glaube, das gelingt mir, indem ich sehr transparent auftrete und beide Standpunkte immer wieder spiegle. Bei einem Gewerbler verheimliche ich also nicht, dass ich als linker Politiker die Arbeitnehmerrechte hochhalte. Wenn dieser aber merkt, dass ich auch seine Rolle verstehe und seine Anliegen ernst nehme, macht er mit.

Wie sieht eine gute Lösung aus?
Ein guter Ausgang einer Verhandlung ist schlicht und einfach, wenn der Streit gelöst ist und man wieder zum Tagesgeschäft übergehen kann. Manchmal sind beide Parteien etwas wütend, weil sie nicht genau das erhalten haben, was sie wollten. Das sind oft die besten Vergleiche, weil wirklich beide einen Schritt aufeinander zu machen mussten. Dass beide glücklich sind, wäre zwar schön, ist aber eine seltene Situation. Oft danken mir Personen am Ende dafür, dass der Streitfall nun endlich erledigt ist. Als mir die Stelle als Friedensrichter angeboten wurde, fand ich den Namen verlockend. Wer will schon nicht Frieden stiften? Tatsächlich hat sich meine Arbeit als sehr befriedigend herausgestellt.

In der Schweiz muss man als Friedensrichter kein Jusstudium mitbringen. Was aber sind wichtige Voraussetzungen?
Man muss zielstrebig und ehrgeizig sein und gleichzeitig auch eine gewisse Lockerheit aufweisen. Das ist wie beim Boxen. Von dort habe ich die mentale Stärke, etwas durchzuziehen. Dies ist bei diesen Verhandlungen sehr wichtig. Man darf keine Angst haben, dass die Leute nicht einlenken wollen, sondern muss immer das Ziel vor Augen haben, den Streit beizulegen. Hier hilft mir meine Erfahrung. Ich weiss, dass es klappen wird. Als Friedensrichter brauche ich eine gewisse Flexibilität. Wie im Boxkampf muss ich meinen Plan anpassen, wenn mein Gegenüber anders handelt als erwartet. Ich bin auch nicht so perfektionistisch und pedantisch, sondern eher grosszügig. Wenn ich von meinen Konfliktparteien einfordere, einander entgegenzukommen, ist das ehrlich gemeint, weil ich selbst nicht so kleinlich bin.

Als Vater von vier Kindern haben Sie bestimmt auch Erfahrung mit Konflikten in der Schule. Wie erleben sie die Konfliktlösung in der Schule?
Ich hatte immer Glück mit den Lehrern meiner vier Kinder. Wie gut Konflikte in der Schule gelöst werden, steht und fällt ja mit der Lehrperson im Raum. Für meine Kinder war es sicher etwas schwierig, dass ich die Position ihrer Lehrer oft etwas zu gut verstanden habe. Sie haben sich von mir wahrscheinlich teilweise etwas verraten gefühlt. Ich war aber immer darauf bedacht, dass sie ihre Konflikte selbst lösen können. Mein Eindruck ist, dass Konflikte in den Schulen relativ gut, das heisst niederschwellig gelöst werden. Das ist auch wichtig, weil Lernen nur in einem positiven Umfeld mit guten Konfliktlösungsmechanismen möglich ist.

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Über Thomas Marthaler

Thomas Marthaler wurde 1961 in Zürich geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre brach er mit 19 nach London auf. Dort konnte er neben einem Job bei einer Logistikfirma seiner Leidenschaft, dem Boxen, noch ambitiöser als zuvor nachgehen.

Zurück in der Schweiz absolvierte er nach verschiedenen Stellen im sozialen Bereich die Erwachsenenmatur und studierte Jurisprudenz. 2001 wurde er als Stadtammann Leiter des Zürcher Betreibungsamts für die Stadtkreise 3 und 9, 2003 erlangte er sein Anwaltspatent. Seit 2009 ist er als Friedensrichter für die Kreise 3 und 9 tätig. Als Mitglied der SP sass er ab 1998 im Zürcher Gemeinderat, seit 2011 ist er Kantonsrat. Seine erfolgreiche Boxkarriere ging mit 35 und zehn Schweizermeistertiteln im Schwergewicht zu Ende, danach folgten zahlreiche Einsätze als Ring- und Punkterichter.

Heute sucht Marthaler im Marathonlauf den sportlichen Ausgleich. Der Vater von vier Kindern lebt mit seiner Frau im Zürcher Quartier Friesenberg.

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