Den Umgang mit Konflikten praxisnah trainieren

In der Schule treffen unterschiedliche Menschen aufeinander: Jugendliche, Lehrpersonen und auch Eltern. Sie alle haben eigene Ansichten und Bedürfnisse. Dies birgt einiges Konfliktpotenzial. Im Konflikttraining lernen Studierende der Sekundarstufe 1 verschiedene Vorgehensweisen, mit Konflikten umzugehen. «Akzente» hat das Modul besucht.

Es ist kurz vor den Sommerferien. Die Studierenden im Modul «Training Konfliktmanagement» haben soeben das Lernvikariat abgeschlossen. Sie sind alle im 8. Semester und unterrichteten zum ersten Mal drei Wochen alleine in einem Praktikum ohne unterstützende Lehrperson im Klassenzimmer. Nun sitzen sie im Kreis und erzählen ihre Konfliktbeispiele aus dem Schulalltag. Die Studierenden erlebten die Konflikte als Herausforderung und teilweise als belastend. Modulleiterin Martina Funke sagt: «Konflikte sind auch eine Chance. Etwa für Schülerinnen und Schüler, eigene Kompetenzen aufzubauen oder um sich besser zu verstehen, um Werte und Bedürfnisse zu formulieren oder um Grenzen im Zusammenleben aufzuzeigen und einzufordern.» Konflikte konstruktiv zu bearbeiten sei aufwändig, fährt sie fort. «Aber noch zermürbender ist es, nicht oder schlecht gelöste Konflikte auszuhalten.»

Vor dem Unterricht hat Martina Funke auf dem Flipchart das Unterrichtsprogramm notiert. Im Zentrum der heutigen Veranstaltung stehen der Austausch und die Reflexion eigener Fallbeispiele aus dem Lernvikariat. Dazu verteilt sie in einem ersten Schritt ein Blatt Papier. Darauf ist eine Skizze aufgezeichnet, das sogenannte «Thomann-Schema». Dieses eignet sich, Konflikte strukturiert und professionell anzugehen. Die Konfliktsituation wird mit vier Feldern dargestellt: Wer ist involviert? Was sind die Anliegen? Welches ist die konkrete Schlüsselsituation? Wie fühle ich mich im Konflikt? Die Studierenden reflektieren ihre Fälle mit Hilfe des Schemas für die anschliessende Besprechung.

Vielfältige Konflikte im Schulalltag

Das Modul dauert insgesamt vier Tage und gliedert sich in zwei Teile. Vor dem Lernvikariat wurde während zwei Tagen das Basiswissen zur Analyse von Konfliktsituationen erarbeitet. In den kommenden zwei Tagen wird dieses Wissen mit konkreten Situationen aus dem Lernvikariat vernetzt und aufgezeigt, wie Konflikten begegnet werden kann. «Ziel des Moduls ist es, Kompetenzen aufzubauen, damit die Studierenden lernen, mit Konflikten konstruktiv umzugehen», sagt Martina Funke. Das Basiswissen ermögliche es den Studierenden, ein differenziertes Verständnis von Konflikten zu entwickeln und auch deren Vielfalt im Schulalltag zu analysieren. Als Hilfe dienen verschiedene Methoden und Techniken, die anhand von Übungen und Rollenspiel ausprobiert werden können: Wie konfrontiere ich mein Gegenüber, ohne die Situation eskalieren zu lassen? Wie wird ein Konflikt lösungsorientiert angegangen? Wie führe ich ein Konfliktgespräch mit Eltern?

Martina Funke vergleicht das Vorgehen mit dem einer Ärztin oder eines Arztes, die nach einer differenzierten Analyse eine Diagnose stellen und entsprechende Massnahmen zur Heilung einleiten. So hofft sie, mit ihren Methoden und Techniken den Studierenden den «Doktorkoffer» zu füllen. Wichtig sei, nicht nur die passende Methode oder Technik zu erlernen, sondern auch eine verstehens- und lösungsorientierte Haltung zu entwickeln. Auch sollen sie erkennen, wann für die Lehrperson weitere Hilfe zur Konfliktbewältigung beigezogen werden muss, beispielsweise die Schulsozialarbeiterin.

Die Studierenden haben das Schema inzwischen ausgefüllt und stellen es sich gegenseitig vor. Ein Ereignis erregt dabei besonders viel Interesse. Eine Studentin erhielt eine anonyme Drohung eines Schülers oder einer Schülerin. Die Studierenden hören der genauen Schilderung zu. Dieses «pubertäre Geschwätz» dürfe man nicht ernst nehmen, sonst gebe man ihm noch mehr Raum, sagt schliesslich eine Studentin. Einer würde Anzeige gegen unbekannt erstatten und die Polizei einschalten. Ein letzter Vorschlag ist, den Vorfall im Klassenrat zu thematisieren. Die Debatte ist emotional und kontrovers.

Martina Funke fasst die Schilderungen zusammen und bettet den erläuterten Vorfall theoretisch ein. Sie verweist dabei auf den österreichischen Konfliktforscher Friedrich Glasl. Sein Theoriegerüst gehört zum Standardrepertoire der Konfliktbewältigung. Er hat neun Stufen der Eskalation formuliert und zehn Regeln für fruchtbare Konfliktverläufe aufgelistet. Im geschilderten Beispiel sei eine hohe Stufe der Eskalation erreicht. Für Bedrohungen von Lehrpersonen durch Jugendliche gebe es eine klare Vorgehensweise. Auf jeden Fall müsse klargemacht werden, dass dieses destruktive Verhalten nicht toleriert und, falls die Drohungen weitergingen, die Polizei eingeschaltet werde. Glücklicherweise komme dies jedoch sehr selten vor.

«Geben Sie mir das Handy zurück.»

Nach der Pause bearbeiten die Studierenden weitere Konfliktbeispiele. Dazu verwendet die Dozentin die sogenannte «Szene-Stopp-Reaktion»-Methode. Dabei müssen die angehenden Lehrpersonen spontan auf eine ihnen nicht bekannte Situation in einem Rollenspiel reagieren. Zwei Studenten und eine Studentin erklären sich bereit, mitzumachen und die Lehrperson zu spielen. Dazu müssen sie den Raum jetzt verlassen. Die Dozentin informiert nun die anderen Studentinnen und Studenten über die von ihr vorgegebene Situation: Es ist Schulunterricht. Ein Schüler, gespielt von einem Studierenden, verschickt während des Unterrichts eine «wichtige» SMS. Der Lehrer soll reagieren. Der Schüler muss stur bleiben und das Handy nicht zur Seite legen. Falls ihm der Lehrer das Handy wegnimmt, muss der Schüler drohen: «Geben Sie mir das Handy zurück. Sonst hole ich meinen Vater.»

Die Studierenden werden nun nacheinander in den Raum gebeten. Ein Student nimmt dem Schüler das Handy weg und erwidert auf dessen Drohung: «Das interessiert mich nicht.» Ein anderer geht hin und wiederholt permanent die Forderung, das Handy abzugeben. Die letzte Studierende diskutiert und formuliert schliesslich einen Kompromiss. Die Studierenden sind sich in der Nachbesprechung einig. Man müsse wissen, ob Regeln in der entsprechenden Schule bestehen. Wenn ja, müssten diese auch durchgesetzt werden. Auf keinen Fall dürften Kompromisse gemacht werden, sonst verliere die Lehrperson ihre Autorität. Es reiche, wenn die Lehrperson die Regeln wiederholt und mit ruhiger, bestimmter Stimme das korrekte Verhalten einfordert.

Anschliessend folgt die zweite Situation, drei andere Studierende gehen aus dem Raum: Ein Elternpaar will mit dem Lehrer ein Gespräch. Der Vater sagt zu Beginn des Gespräches: «Meine Tochter war immer gut im Englisch. Seit sie bei Ihnen ist, hat sie miserable Noten. Daran sind Sie und der schlechte Unterricht schuld.» Eine der drei Studierenden erwidert mit einer Rechtfertigung, dass sich die Schülerin mangelhaft am Unterricht beteilige und sehr unruhig sei. Der zweite Student reagiert mit einer Gegenfrage: Wie erleben Sie Ihre Tochter in letzter Zeit? Der dritte hört aktiv zu und lädt die Eltern ein, seinen Unterricht zu besuchen. Die Klasse findet in der Nachbesprechung, der dritte Studierende habe gut reagiert. Er habe die Führung des Gespräches bei sich behalten, die Eltern mit ihrem Anliegen ernst genommen, sei offen geblieben und habe Raum gegeben, den Unmut auch zu schildern. Die Technik, aktiv zuzuhören haben die Studierenden schon in einem früheren Trainingsmodul zum Thema Kommunikation gelernt. Neu ist im Konflikttraining, geeignete Fragen zu stellen, um dem Problem auf die Spur zu kommen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Auch aus einem weiteren bereits besuchten Modul zur Gewaltprävention werden Themen nochmals aufgenommen, bevor die Studierenden später erarbeiten, wie die Schüler und Schülerinnen lernen, ein Problem selber anzugehen. Im Zentrum steht dabei die «Peer-Mediation», mit der Gleichaltrige die Konflikte unter sich lösen. Dafür werden Schülerinnen und Schüler zu «Streitschlichtern» ausgebildet.

Am Ende des Vormittags spricht die Studentin nochmals über das Beispiel der anonymen Drohung. Sie sagt, der Mentor an der PH Zürich habe ihr sehr geholfen. Und das Modul Konflikttraining helfe ihr, «indem wir über konkrete Fälle diskutieren». Aber der Konflikt sei nicht gelöst. Ein ungelöster Konflikt sei nicht erstrebenswert, sagt Martina Funke dazu, aber manchmal unvermeidlich. Wenn nötig müsse man das Erlebte mit einer Supervision aufarbeiten. Ebenso müssten Lehrpersonen wissen, dass sie nicht jeden Konflikt zu einer befriedigenden Lösung führen können. «Gesellschaftliche Probleme drängen auch in die Schule und diese können nicht alleine von den Lehrpersonen gelöst werden.» Ob es mehr oder weniger Konflikte geworden sind in den letzten Jahren, sei schwierig einzuschätzen. Sicherlich habe sich aber die Wahrnehmung und der Umgang damit verändert. So gestaltet sich die Lösungsfindung bei Widerständen und Verweigerungen anders als früher. Auch stelle sich die Frage, wann und wie stark die Lehrperson bei Konflikten zwischen Schülerinnen und Schülern intervenieren soll. Bei Gewalt und Mobbing hätten die Lehrpersonen jedoch Nulltoleranz und würden sofort intervenieren.

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