Schülerinnen und Schüler gezielt zum Lernerfolg führen

An der Sekundarschule Elsau-Schlatt werden im Mathematikunterricht Lücken aus dem Primarschulstoff je nach individuellem Lernbedarf aufgearbeitet. Die gezielte Förderung ist nicht nur eine unterrichts­organisatorische Herausforderung, sondern erfordert auch eine gute Zusammenarbeit von Fachlehrkräften und Klassenassistenzen, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.

Wie gross ist der Raum zwischen 0 und 100 und in welchem Verhältnis stehen die Zahlen auf diesem Zahlenstrahl? Solche Fragen stehen an diesem Morgen in der 1. Sekundarklasse von Andriu Tambornino im Zentrum. Dazu hat der Mathematiklehrer an eine waagrecht aufgehängte Stange zwei weisse Zettel geklebt, am linken Ende ein Zettel mit einer Null, am rechten Ende einer mit der Ziffer 100. Nun sollen die Schülerinnen und Schüler weitere Zettel mit Zahlen darauf korrekt platzieren. Sofort landet die 50 in der Mitte. Doch wo kommt die 37 genau hin? Gemeinsam wird diskutiert, auf Nachfrage des Lehrers werden Zettel umplatziert und in die richtige Reihenfolge gebracht, die 13 beispielsweise rückt dabei noch ein Stück näher an die 10 heran. Irgendwann hängen alle Zahlen mit der korrekten Distanz zueinander – zumindest geschätzt. Doch wie lässt sich der exakte Abstand zwischen den Zahlen messen? «Wenn die ganze Stange 1.5 Meter lang ist, wie gross ist dann der Abstand zwischen zwei Zehnerzahlen?» fragt Tambornino in die Runde. Nach einer kurzen Austauschrunde machen sich die Schülerinnen und Schüler an eine ähnliche Aufgabe am Pult. Auf einer Linie von 14 cm sollen sie Zehnerzahlen zwischen 0 und 100 einzeichnen, die Abstände werden dafür mit dem Lineal abgemessen.

Der sichere Umgang mit den Zahlen von 0 bis 100 gehört eigentlich zu den Grundkompetenzen, die auf der Primarstufe erarbeitet werden. Doch die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler brachte diesbezüglich Defizite aus der Primarstufe mit. Dies zeigte eine Lernstand­erhebung beim Einstieg in die Sekundarstufe – wie die Repetitionslektion an diesem Morgen wurde sie an der Schule im Rahmen des Pilotprojekts ALLE eingeführt.

Grundlagen der Unterrichtsdiagnose nutzen

Die Sekundarschule Elsau-Schlatt ist eine von neun Sekundarschulen im Kanton Zürich, die am Pilotprojekt ALLE des Volksschulamts des Kantons Zürich teilnehmen. ALLE steht für «Aktive Lernzeit und Lernerfolg für alle». Das Projekt wurde 2015/16 gestartet als Mass­nahme auf Ergebnisse aus den PISA-Studien und der Zürcher Längsschnittstudie, wonach rund 20 Prozent der Jugendlichen am Ende der obligatorischen Schulzeit die erforderlichen Grundkompetenzen in Mathematik und/oder Deutsch nicht erreichen. Im Fach Mathematik ist das Ziel von ALLE, leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler gezielt zu fördern – ohne dass dabei das Lernen von stärkeren Schülerinnen und Schülern beeinträchtigt wird. Dafür werden zu Beginn der Sekundarstufe allfällige Lücken im Primarschulstoff erhoben, die im Laufe des ersten Schuljahrs durch lernförderliche Massnahmen behoben werden sollen. Dazu gehören spezifische Repetitionssequenzen sowie Aufgabenhilfen neben der regulären Unterrichtszeit. Wer an diesen Fördereinheiten teilnimmt, hängt vom erhobenen Lernstand ab. Zusätzlich sieht das Projekt den Einsatz von Klassenassistenzen vor.

So geht an diesem Morgen neben Tambornino auch ein Klassenassistent von Pult zu Pult und bietet individuelle Unterstützung. Die Schülerinnen und Schüler im Raum wurden in das tiefste von drei Mathematik­niveaus eingeteilt – neben der Einteilung in A- und B-­Abteilungen führt die zweiteilige Sekundarschule Elsau-­Schlatt zusätzliche Anforderungsstufen in den Fächern Englisch und Mathematik. Der Zahlenraum von 0 bis 100 wurde an diesem Morgen in der gesamten Klasse wiederholt, weil bei diesem Thema ein Grossteil der Schülerinnen und Schüler in dieser Anforderungsstufe Lücken aufwies. Ergänzend dazu ist auch eine Aufarbeitung der fehlenden Grundkompetenzen im Rahmen der vier wöchentlichen Lernstunden denkbar, die Schülerinnen und Schüler der B-Klassen zusätzlich zum Unterricht besuchen.

Während die Klasse von Andriu Tambornino die positiven Zahlen anhand der Aufgabe aus einem Förderlehrmittel abschliesst und zu den negativen Zahlen übergeht, ist einen Stock höher die Klasse in der Anforderungs­stufe II bereits hier angelangt. Sie arbeitet mit einer Einstiegsaufgabe aus dem regulären Lehrmittel. Die Schülerinnen und Schüler sind mitten drin in einem Würfelspiel. Dabei können Verlustscheine von –1 bis –3 oder Gewinnscheine von 1 bis 3 erwürfelt werden. Ein zweiter Würfel zeigt zudem an, ob man diese Scheine in Empfang nehmen oder weggeben muss. Fachlehrer Peter Diener hat mögliche Würfelkombinationen auf einem Flipchart notiert. «Geben –3» steht da auf einer Zeile. «Was ist bei diesem Wurf geschehen?», fragt er. «Drei Verlustscheine wurden abgegeben», sagt ein Mädchen. Diener will wissen, ob der Spieler oder die Spielerin nach diesem Spielzug mehr oder weniger hat und warum. «Weil man die Schulden weggeben kann, hat man nachher mehr», sagt ein Junge. «Kannst du das noch genauer erklären, damit es alle verstehen?», hakt der Lehrer nach. «Wir versuchen, dass die Schülerinnen und Schüler keine Rechenregeln auswendig lernen, sondern verstehen, was das Rechnen mit negativen Zahlen bedeutet», sagt Diener abschliessend. Aus welcher Kombination von negativen und positiven Zahlen ein Plus beziehungsweise ein Minus resultiert, ist quasi die Quintessenz dieser Stunde.

Herausfordernde Diagnose und Förderung

In Peter Dieners Anforderungsstufe II wird sichtbar, dass drei Schülerinnen und Schüler seiner Klasse Schwierigkeiten mit den Themen Bruchrechnen und Proportionen haben. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern aus der Anforderungsstufe III werden sie sich diese Grundkompetenzen in einer der vier wöchentlichen Lernstunden erarbeiten. Dieser vorbereitende Input ist erst am Ende des ersten Schuljahrs eingeplant, kurz bevor im regulären Unterricht mit den Themen Rationale Zahlen und Funktionale Zusammenhänge auf diesen Kompetenzen aufgebaut wird.

«Unsere Erfahrungen aus dem ersten Jahr zeigen, dass ein isoliertes Aufarbeiten der Lücken an unserer Schule beim Eintritt in die Sekundarstufe wenig wirkungsvoll ist. Die Inputs und Übungssequenzen müssen zeitnäher zur Bearbeitung des Themas im Unterricht stattfinden. Wir sind zuversichtlich, dass wir damit noch mehr Lernerfolge erzielen werden», erklärt Adrian Schär, der dritte Mathematiklehrer. Schär unterrichtet dieses Jahr die Anforderungsstufe I. Dort weisen keine der Schülerinnen und Schüler Lücken auf, die einer spezifischen Förderung bedürfen. Und doch ist Schär wie der Klassenassistent und die Schulleiterin fest in die Umsetzung der ALLE-Massnahmen eingebunden, auch im Sinne der Begabungsförderung der leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler. Denn eine wirkungsvolle Zusammenarbeit und ein Unterrichtsfeedback sind zentral für das Funktionieren des gemeinsamen Unterrichts­entwicklungsprojekts. Nur wenn sich Fachlehrkraft und Klassenassistenz über den Lernstand der einzelnen Schülerinnen und Schüler austauschen, kann eine Förderung fruchten. Dies wird auch an den zweitägigen praxisnahen schulinternen Weiterbildungen betont, welche die PH Zürich in Zusammenarbeit mit der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik für die am Pilotprojekt teilnehmenden Schulen durchführt. Während am ersten Tag fachdidaktische Unterrichtskonzepte, diagnosegeleitete Förderung und geeignete unterrichtsergänzende Lernmaterialien vorgestellt werden, werden am zweiten Weiterbildungstag Erfahrungen diskutiert und die kooperative Organisation der Fördermassnahmen in der Schule thematisiert.

Die Schulen passen die Massnahmen nicht nur auf die Grösse und Struktur der Schule individuell an, sondern stimmen diese jedes Jahr auf die tatsächlichen Bedürfnisse ab. Dieser Entwicklungsprozess ist herausfordernd – schliesslich soll das Aufarbeiten von Lücken keine neuen Lücken generieren und die Anschlussfähigkeit der Schülerinnen und Schüler garantieren. Zudem sollen die Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichen Anforderungsstufen stets an den gleichen Themen arbeiten, damit die Durchlässigkeit erhalten bleibt.

So hat Adrian Schär an diesem Morgen mit seiner Klasse ebenfalls negative Zahlen behandelt, allerdings auf einem fortgeschrittenen Niveau. Nachdem in der ersten Lektion negative Punkte im Koordinatensystem thematisiert wurden, berechneten die Schülerinnen und Schüler in der zweiten Stunde Distanzen auf Landkarten mit verschiedenen Massstäben. Auch hier rechneten die Jugendlichen nicht einfach nach mathematischem Regelwissen, sondern nutzten ihr erarbeitetes Verständnis von Verhältnissen und Grössen, welches heutige kompetenz­orientierte Didaktikkonzepte grossschreiben. So fragte ein Schüler bei einer Diskussion darüber, ob ein Zentimeter auf der Karte einem oder zehn Kilometern entspreche, seinen Banknachbarn: «Die Lösung kann nicht zehn Kilometer lauten. Oder glaubst du wirklich, dass Zug von Cham fünfzig Kilometer entfernt ist?»

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