«Die Führung im Fussball ist einfacher, weil alle freiwillig kommen»

Heinz Russheim ist für die Trainings von rund 500 Fussballerinnen und Fussballern zwischen acht und 21 Jahren verantwortlich. Der Nachwuchschef der FCZ Academy bezeichnet Kreativität, Geduld und Konsequenz als wesentliche Merkmale von guter Führung im Nachwuchsbereich.

Heinz Russheim, Leiter der FCZ Academy, auf der Sportanlage Heerenschürli in Zürich Schwamendingen. Fotos: Nelly Rodriguez

Akzente: Im Teamsport gilt es, die Balance zwischen brillanten Einzelspielern und -spielerinnen und dem starken Teamplayer zu finden. Ist es bei Kindern und Jugendlichen schwieriger als im Erwachsenenalter, Einzelne zum Team zusammenzubringen?
Russheim: Im Gegenteil. Es ist einfacher, aus den Kindern eine funktionierende Gruppe zu bilden, weil sie einfach nur Fussball spielen wollen. Natürlich gibt es solche, die grosse Träume haben, das gehört dazu. Doch es wollen überhaupt nicht alle berühmte Stürmer werden, die Kinder spielen auch gerne als Verteidiger. Die Verklärung des Torschützen ist ein mediales Problem. Vielleicht hört man in den Medien noch von jenem Spieler, der den Pass zum Tor gespielt hat, aber dass die entscheidende Aktion drei Stationen vorher stattfand, davon vernimmt man nichts. Als Coach muss ich deshalb die Wertigkeit aller Positionen immer wieder unterstreichen und auch den Verteidiger für ein erzieltes Tor mitverantwortlich machen.

Was sind die Kriterien für eine gute Führung von Kindern und Jugendlichen im Fussball?
Das ist stark altersabhängig. Je jünger die Kinder sind, desto mehr muss die Freude im Zentrum stehen. Das Spielen ist dabei zentral, weil es implizites Lernen ermöglicht. Bei kleinen Kindern, die sich nicht lange auf eine taktische Aufgabe konzentrieren können, muss ich diese Aufgabe clever in ein Spiel verpacken. Um die Orientierung zu schulen, stellen Trainerinnen und Trainer beispielsweise auch einmal vier Tore auf den Platz. So müssen sie den Kindern nicht erklären, dass sie sich umzusehen haben, sondern sie lernen dies automatisch. Spielformen müssen mit viel Kreativität der Gruppe der Situation entsprechend weiterentwickelt werden, damit sich die Spielkompetenzen der Kinder verbessern, während die Freude am Spiel aufrecht bleibt.

Inwiefern verändert sich die Führungsaufgabe, wenn die Kinder älter werden?
Je mehr sich die Jugendlichen der Pubertät nähern, desto mehr Verständnis braucht es für grosse Leistungs- und Stimmungsschwankungen. Ab dem 13. Altersjahr wird die Führung schwieriger, klare Regeln und Konsequenz werden wichtiger. Ein banales Beispiel: Wenn ich einen Top-Spieler im Team habe, der aber immer nur 70 Prozent seiner möglichen Leistung erbringt, dann gehört er auf die Bank. Viele Trainer werden hier schwach, weil sie gewinnen wollen. Dabei geht es nicht nur um Fairness den anderen Teammitgliedern gegenüber, die sich immer voll einsetzen, sondern auch um Erziehung und Förderung. Nur wenn wir eine Leistung in Relation zum Potenzial belohnen, können wir das Beste aus dem Einzelnen herausholen.

Was zeichnet einen guten Coach aus?
Auf der Kinder- und Jugendstufe sind dies Kreativität und das Verständnis, dass es an bestimmten Tagen einfach nicht läuft. Die Einstellung, dass man nur genug hart üben muss, bringt nichts bei Kindern. Wenn die Kinder etwas nach 100 Mal üben zwei Prozent besser können, aber zehn Prozent frustrierter sind, habe ich als Trainer verloren. Läuft es im Training einmal nicht wie es sollte, muss man Geduld haben, statt etwas erzwingen zu wollen.

Sie haben fast 30 Jahre parallel als Lehrer und Fussballtrainer gearbeitet. Inwiefern unterscheidet sich die Führung auf dem Platz von der Führung einer Schulklasse?
Die Gruppenführung ist im Fussball einfacher, weil alle freiwillig kommen und deshalb im Gegensatz zur Schule immer die Option besteht, dass ein Kind aufhört. Im Teamsport besteht dafür die Gefahr, dass die Gruppe zu stark in den Blick gerät. In der Schule erhalten die Kinder und Jugendlichen mit Prüfungen immer ein individuelles Feedback. Im Fussball gibt es jedoch nur Teamresultate. Während der Tennisspieler stets weiss, wer schuld ist, hat der Fussballspieler immer zehn andere mögliche Schuldige. Die Schwierigkeit liegt im Fussball also darin, den Fokus auf die individuelle Entwicklung nicht zu verlieren und den Kindern verständlich zu machen, dass nur sie für ihre Leistung auf dem Platz verantwortlich sind.

In der Schule haben Kinder teilweise zunehmend Schwierigkeiten, sich in Gruppen zu integrieren. Zeigen sich solche Folgen der Individualisierung unserer Gesellschaft auch im Fussball?
Im Fussball ist auch eine zunehmende Individualisierung zu spüren, doch hängt diese mehr mit einer veränderten Ausbildungsphilosophie zusammen und ist damit hausgemacht. Zuerst haben die Torhüter ein separates Training erhalten, dann kamen das Stürmertraining und die Verteidigungsausbildung, auch im Konditionstraining und in den Morgentrainings trainieren die Spieler heute individuell. Durch die Spezialisierung wird der Einzelne zwar besser, das Team aber nicht unbedingt gestärkt. Der Preis der Individualisierung ist, dass wir über weniger Leadertypen verfügen, die in einer Mannschaft Führungsfunktionen übernehmen können. Weil die Spieler häufiger getrennt nach Positionen trainieren und weniger im Team um Hierarchien kämpfen müssen, bilden sich keine Teamleader mehr heraus, die die Gruppe wachrütteln. Hier hat sich das Pendel etwas zu stark in Richtung der Individualisierung bewegt, dies muss nun korrigiert werden. Solche Korrekturen kann man auch nach Schulreformen, die sich zu stark in eine bestimmte Richtung entwickelt haben, beobachten.

Die zunehmende Heterogenität wirkt sich erschwerend auf die Klassenführung aus. Beobachten Sie dies auch im Fussball?
Im Hinblick auf die kulturellen Hintergründe besteht im Fussball heute eine sehr grosse Heterogenität. Dies beeinflusst die Führungsaufgabe aber weitgehend nicht. Wenn jedoch in Krisensituationen Jugendliche mit verschiedenen kulturellen Hintergründen aufeinanderprallen, kann dies den Problemlösungsfindungsprozess erschweren. Solche Diskrepanzen treten im Spitzenfussball aber weniger auf als im Breitenfussball, weil bei uns mehr auf dem Spiel steht. Können Jugendliche aus religiösen Gründen wie beispielsweise während des Ramadans nur limitiert trainieren, unterstützen wir sie ganz klar. Gleichzeitig zeigen wir ihnen aber auch die Auswirkungen auf ihre Leistung auf. Wenn diese sinkt, können wir ihnen bei der Zusammenstellung des Kaders nicht entgegenkommen.

Spüren Sie auch eine erhöhte Erwartungshaltung von Seiten der Eltern?
Was im Fussball neu ist, sind die finanziellen Erwartungen. Als noch keine grossen Geldsummen im Spiel waren, war Erfolg lediglich eine Prestigefrage. Heute erleben wir, wie wirtschaftlich schlechter gestellte Familien sich vom Erfolg des Sohnes finanzielle Absicherung erhoffen. Ab dem 16. Altersjahr ist es beim FCZ möglich, einen Vertrag zu erhalten mit einem Lohn, der vergleichbar ist mit dem Lohn in einer Berufslehre. Manche Familien rechnen fest mit diesem Einkommen, was zu Schwierigkeiten führen kann. Verheerend ist auch, wenn Eltern von ihrem Kind etwas erwarten, das sie selbst nicht erreicht haben. Die Orientierung vieler Eltern ist von kurzfristigem Denken geprägt. Verfügt ein Jugendlicher beispielsweise über Talent, ist aber körperlich noch weniger weit entwickelt als seine gleichaltrigen Kollegen, kann ein Wechsel zu einem Partnerclub mit tieferen Leistungsanforderungen eine Chance darstellen. Dies ermöglicht dem Jugendlichen, allfällige Defizite aufzuholen. In solchen Situationen protestieren die Eltern jedoch häufig.

In den Kinder- und Jugendteams des FCZ trainieren auch Mädchen. Sind durchmischte Teams einfacher oder schwieriger zu führen?
Durchmischte Teams sind das Beste, was einem Club passieren kann. Werden Jungen- und Mädchenteams gemischt, ergibt sich ein ganz anderer sozialer Umgang. Die Persönlichkeitsentwicklung der Mädchen ist in der Regel weiter fortgeschritten. Sie sagen den Jungs, wo es langgeht. Sobald Mädchen in der Gruppe sind, wird der Umgang untereinander respektvoller und das Macho-Verhalten gewaltig abgeschwächt. Mit reinen Frauenteams habe ich als Trainer selber keine Erfahrung. Wer jedoch ein wirklich konzentriertes Training erleben will, schaut am besten einmal bei der Nationalliga A der Frauen zu. Die Trainingsqualität ist im Frauenfussball enorm hoch. Das liegt auch daran, dass Mädchen nicht aus Prestigegründen oder wegen des Geldes Fussball spielen, sondern nur wegen des Spiels und der Gruppe. Über Frauenfussball wird immer noch selten berichtet, dadurch entwickeln sich bei den Spielerinnen kaum Starallüren.

Heinz Russheim: «Die grosse Heterogenität beeinflusst im Fussball die Führungsaufgabe weitgehend nicht.»

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Über Heinz Russheim
Heinz Russheim, Jahrgang 1962, wuchs in Unterkulm (AG) auf und spielte bereits mit 17 in der Nationalliga B beim FC Aarau. Das Highlight seiner Spielerkarriere war ein Nationalmannschaftsspiel gegen Deutschland 1980, in dem er ein Tor erzielte. Ein Jahr später begann Russheim die Ausbildung zum Sportlehrer an der ETH Zürich, nach dem Abschluss folgte die Ausbildung zum Berufsschullehrer.

Jahrelang fuhr Russheim beruflich zweigleisig. Er unterrichtete gleichzeitig an der Berufsschule Rüti und arbeitete als Juniorentrainer. 2009 folgte mit dem Angebot für eine Vollzeitstelle als Technischer Leiter bei GC Zürich der schmerzliche Abschied von der Berufsschule. Seit 2011 coacht Russheim die Junioren des FC Zürich, seit 2013 als Nachwuchschef der FCZ Academy.

Der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter spielt nur noch clubintern Fussball und ist oft mit seiner Frau auf dem Motorrad unterwegs.

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