«Wir wollen den Kindern auf Augenhöhe begegnen»

Partizipation ist der praktische Teil der politischen Bildung. Zu Besuch im Schulhaus Steiacher in Brüttisellen, wo demokratische Prozesse lustvoll eingeübt werden.

Rege Diskussion: Die Kinder haben die Ideen an der Wandtafel aufgehängt – links bedeutet wichtig, rechts unwichtig. Fotos: Alessandro Della Bella, zVg

Hey, darf man sich denn selbst wählen?», ruft Eren nach der Präsidentschaftswahl erstaunt in die Runde. «Das wusste ich nicht», sagt der Sechstklässler mit den kurzen schwarzen Haaren, «sonst hätte ich natürlich auch für mich gestimmt.» Zusammen mit acht anderen Schülerinnen und Schülern sitzt er an einem ovalen Tisch im Primarschulhaus Steiacher in Brüttisellen.
Die neun Kinder bilden ein «Kinder-Organisationskomitee», das in den kommenden Wochen Vorschläge der Schülerinnen und Schüler sammeln soll. Das OK wird die gesammelten Ideen besprechen, eine davon auswählen und der Schulkonferenz zur Realisierung vorschlagen. Am Schluss soll dann in der Schulhaus-Turnhalle die «Just-Community»-Versammlung – eine Art Gemeindeversammlung des Schulhauses – darüber diskutieren und entscheiden, wie die Idee umgesetzt wird.
An diesem Montag im September findet statt, was die Erwachsenen «konstituierende Sitzung» des OKs nennen würden: Als Erstes haben die vier Mädchen und fünf Buben eine Traktandenliste erstellt. Dann haben sie mit Noah aus der dritten Klasse einen Zeitwächter gewählt. Zeitwächter? Das ist jemand, der auf die Uhr schaut und der Gruppe ab und zu meldet, wie viel Zeit schon vergangen ist, damit die Sitzung auch zügig vorankommt. «Eine brillante Idee», denkt sich insgeheim der Reporter, der schon manche Sitzung erlebt hat, die ihm endlos erschien.
Nun macht sich das Kinder-OK an die Präsidentschaftswahl, die Eren erstaunen wird. Drei Kinder würden das Amt gerne übernehmen und halten je eine kleine Wahlrede. Eren sagt, er wäre ein guter Präsident, «weil ich nicht scheu bin und Sitzungen leiten kann». «Wählt mich», preist sich Immanuel an, ein Sechstklässler in einem kanariengelben Pullover, «ich habe das schon ein paar Mal im Sport gemacht und kann das gut.» Viola aus der sechsten Klasse schliesslich meint: «Ich probiere gerne Neues aus und kann Dinge gut vorstellen.»
Es folgt eine offene Wahl durch Handaufheben. Zwei Hände gehen für Viola hoch, drei für Eren, der sich seiner Stimme enthält, und ebenfalls drei für Immanuel, seine eigene mit eingeschlossen. Das ist der Moment, in dem Eren erstaunt ruft: «Hey, darf man sich denn selbst wählen?»

Eren, Präsident, 12-jährig «Ich wurde von der Klasse als Präsident fürs Organisationskomitee nominiert, darum bin ich dabei. Dass jetzt die Kinder entscheiden können, finde ich sehr gut. Die Vorschläge der Lehrpersonen kamen nämlich nicht so gut an. Was ich an der Schule ändern würde? Ich kann früh am Morgen nicht so gut arbeiten, darum würde ich mir in der ersten Stunde nur lockeren Unterricht wünschen.»

Die Kinder sind ein Vorbild für Erwachsene
Die Kinder diskutieren, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Die Wahl wiederholen? Das Los entscheiden lassen? Erens Stimme nachträglich für ihn zählen lassen? Die Diskussion ist ruhig, ein Konsens schnell gefunden: Eren erhält eine Stimme mehr und wird darum Präsident. Das finden auch Immanuel und Viola fair, schliesslich hat Eren ja das Recht, sich selbst zu wählen. Alle klatschen in die Hände und lachen. «Mancher Erwachsene», sagt Urs Wäckerlin, der Schulleiter des Schulhauses Steiacher, nach der Sitzung, «könnte sich eine Scheibe davon abschneiden, wie ruhig und ernsthaft die Kinder miteinander diskutieren – und einander auch wirklich zuhören.»
Das Steiacher ist ein Schulhaus, das die Mitbestimmung der Kinder mit grosser Ernsthaftigkeit und mit noch grösserer Leidenschaft lebt. «Kinder reden mit», heisst sein Konzept zur Schülerinnen- und Schülerpartizipation. Es geht vom Gedanken aus, dass die Kinder ihre ganz eigene Sichtweise auf ihren Schulalltag, auf ihr Leben und Lernen haben. «Wir wollen die Kinder ernst nehmen und ihnen, wo es möglich und sinnvoll ist, auf Augenhöhe begegnen», sagt Urs Wäckerlin. Darum heisse die Vollversammlung der Schülerinnen und Schüler auch «Just Community»: gerechte Gemeinschaft. «Wenn wir die Kinder in Entscheide einbeziehen, erlernen sie ganz praktisch, wie demokratische Prozesse ablaufen, und sie erleben, dass Mitsprache und Mitgestaltung auch Mitverantwortung bedeutet.»
Wenn die Kinder zum Beispiel bei der Ausarbeitung der Hausordnung einbezogen sind, verstehen und akzeptieren sie Regeln oder Vorschriften besser. Wenn sie mitentscheiden können, wann und wo auf dem Pausenplatz Fussball gespielt oder Schneebälle geworfen werden dürfen, dann lernen sie, verschiedene Interessen abzuwägen und Entscheide mitzutragen, die sie persönlich vielleicht anders getroffen hätten. Wenn sie Ideen für die Schule einbringen, lernen sie hinzustehen und eine eigene Meinung zu vertreten. Und vielleicht am wichtigsten ist, dass sie durch die Partizipation erleben: «Wir können die Realität verändern!»

Noah, Zeitwächter, 9-jährig: «Ich wurde Mitglied des Organisationskomitees, weil der Name spannend klang. Ich dachte mir: Das könnte etwas für mich sein, ich will mal schauen, wie das ist. Ich bespreche mich gerne mit anderen Kindern. Im OK bin ich Zeitwächter. Meine Aufgabe ist es, zu sagen, wann die Zeit um ist. Mir gefällt die Schule so, wie sie ist. Darum würde ich eigentlich nichts ändern.»

«Aktiv am öffentlichen Leben teilhaben können»
«Es stärkt ihr Selbstbewusstsein, wenn sie sehen, dass ihre Meinung zählt und sie Einfluss nehmen können», sagt Enikö Zala-Mezö, die Leiterin des Zentrums für Schulentwicklung der Pädagogischen Hochschule Zürich. «Das Ziel der politischen Bildung, aktiv am öffentlichen Leben teilhaben zu können, ist eng mit Partizipation verbunden.» Der Grundsatz der Partizipation ist seit 2005 im Kanton Zürich explizit im Volksschulgesetz verankert. «Die Schülerinnen und Schüler», lautet Paragraph 50, «werden an den sie betreffenden Entscheiden beteiligt, soweit nicht ihr Alter oder andere wichtige Gründe dagegen sprechen.» Die Grundlage dafür bildet die UN-Kinderrechtskonvention, die seit 1989 die Rechte von Kindern regelt und 1997 von der Schweiz unterzeichnet wurde.
Enikö Zala-Mezö untersucht derzeit in einem Forschungsprojekt, wie die Zürcher Schulen konkret Partizipationsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche schaffen. Erste Resultate zeigen, dass es in allen Schulen gute und spannende Beispiele für Partizipation gibt. Aus der Perspektive der Schulentwicklung aber, sagt Zala-Mezö, gebe es noch ein grosses Defizit: «Die Lehrpersonen kennen diese guten Beispiele voneinander nicht, sie tauschen sich zu wenig über ihre Erfahrungen aus. So können diese sich in der Schule nicht verbreiten, sondern bleiben Einzelfälle. Das Wissen im Team ist eine wichtige Ressource, die die Schulen bestimmt besser nutzen könnten.» Was auch auffällt: Institutionalisierte Partizipationsformen wie Klassenräte oder die Mitbestimmung bei einem Ausflug kommen häufig vor. Im Unterricht selber aber gibt es weniger Partizipationsmöglichkeiten. «Wenn wir berücksichtigen, dass der Unterricht einen wesentlichen Teil der Schule ausmacht, bedeutet das, dass Partizipation eher auf den Nebenschauplätzen stattfindet», gibt Enikö Zala-Mezö zu bedenken.

Viola, Protokollführerin, 12-jährig: «Ich finde es sehr gut, dass wir Schülerinnen und Schüler im Steiacher mitbestimmen können. Schliesslich geht es in der Schule ja vor allem um uns. Wir sind auch phantasievoller als die Lehrpersonen, haben mehr Ideen und können besser nachvollziehen, was die Kinder vorschlagen. Im OK schreibe ich als Protokollführerin in Stichworten auf, was wir diskutieren und entscheiden.»

«Wir wissen noch nicht, wo wir wieder auftauchen»
Einen Monat nach der Präsidentenwahl, an einem Montag im Oktober, kommen die vier Mädchen und fünf Buben des Organisationskomitees wieder zusammen. Eren leitet die Sitzung wie ein erfahrener Profi. Vor ihm liegt ein Haufen oranger Zettel. Darauf stehen die Ideen, die das OK in der Zwischenzeit in den Klassen  gesammelt hat. «Wir teilen die Ideen zuerst in wichtig und unwichtig auf», erklärt Eren das weitere Vorgehen, «die unwichtigen diskutieren wir gar nicht. Die wichtigen teilen wir dann in realistisch und unrealistisch auf. Wissen alle, was das heisst?» Alle nicken.
«Die Kinder müssen auch berücksichtigen, was bei den Lehrpersonen mehrheitsfähig ist», sagt Fabienne Böhler, die Schulsozialarbeiterin, die das Kinder-OK unterstützt. Die Schulkonferenz könnte eine nicht praktikable Idee nämlich auch ablehnen. Dann müssten die Schülerinnen und Schüler ein neues Thema finden und die Just-Community-Versammlung verschieben. Auch Rückschläge gehören zu einem demokratischen Prozess.
Die Kinder hängen die orangen Zettel an die Wandtafel in ein entsprechendes Raster: Links bedeutet wichtig, rechts unwichtig. Von den gut dreissig Vorschlägen landet die grosse Mehrheit rechts. «In der Schule schlafen» zum Beispiel oder «1 Mal pro Monat Musik in der Pause». Acht Ideen dagegen schaffen es in die Diskussionsrunde. «Keine Schlägereien» zum Beispiel. «Eh unrealistisch», schüttelt Eren den Kopf, «oder?» Alle stimmen zu und der orange Zettel wird in die untere Hälfte verschoben, denn: unten ist unrealistisch, oben ist realistisch. Am Schluss bleiben oben zwei Themen hängen: «Neue Ideen für den Schulsilvester» und «Integration Aufnahmeklasse». Beim Thema Aufnahmeklasse geht es um rund 25 Flüchtlingskinder aus dem Durchgangszentrum Brüttisellen, die im Steiacher in zwei separaten Klassen vor allem einmal Deutsch lernen. Wie die Diskussion der Kinder erahnen lässt, ist die Beziehung zu den Flüchtlingskindern mitunter etwas getrübt. Diese kommen zurzeit vor allem aus den Kriegsgebieten in Syrien, dem Irak und Afghanistan, haben zum Teil Schreckliches erlebt und können kein Deutsch, wenn sie hier ankommen. So bleiben sie unter sich und reden in ihrer Sprache. Manche Schülerinnen und Schüler erleben sie als aggressiv. Umgekehrt wurden Flüchtlingskinder auch schon gemein behandelt, wie selbstkritisch eingeräumt wird. Allen am Tisch ist klar, dass man etwas tun muss, um besser miteinander auszukommen. Strahinja, ein aufgeweckter Fünftklässler, fasst es so zusammen: «Wir müssen aufmerksamer sein, wie wir uns ihnen gegenüber benehmen. Und die Flüchtlingskinder müssen sich fragen, was sie beitragen können, damit wir uns besser verstehen.»
«Biip, Biip, Biip», ruft in diesem Moment Noah, der Zeitwächter, in die Runde und klopft auf den Tisch: «D’Ziit isch gli verbii.» Präsident Eren beendet die Diskussion und lässt abstimmen. Das Resultat ist eindeutig: 6 Kinder sprechen sich für die bessere Integration der Aufnahmeklassen aus. Eine Delegation des Organisationskomitees wird nun das Thema allen Lehrpersonen vorstellen. Wenn es Gefallen findet, woran heute niemand zweifelt, wird es das OK in die Just-Community-Versammlung bringen, wo die Schülerinnen und Schüler dann konkrete Massnahmen diskutieren werden. «Wir sind gespannt, auf was für Ideen die Kinder kommen», sagt Schulleiter Wäckerlin. Er sieht das Konzept der Just Community – und der Partizipation generell – als dynamischen Prozess, dessen Ergebnis auch für die Lehrpersonen offen ist, ja offen sein muss, wenn die Mitbestimmung ernst gemeint ist. «Wir tauchen da jetzt ein und wissen selber noch nicht, wo wir dann wieder auftauchen werden», sagt er und lächelt verschmitzt.

Die Vollversammlung der Schülerinnen und Schüler diskutiert die Ideen des Kinder-OKs. Auf dem Bild sieht man die Versammlung im letzten Jahr in der Turnhalle.

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