Richtige Fragen, falsche Antworten

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler - Unter vier Augen

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler – Unter vier Augen.

Ruedi Isler: Zum Jahresende hin würde ich gerne einmal die Schule als Ganzes in den Blick nehmen. Auf der ganzen Welt Katastrophenrhetoriker, Miesmacher, Meckerfritzen und Nörgler. Die Volksschule allerdings ist kein Feld für sie, ich gebe ihr fast die Bestnote. Ihre Entwicklung seit 185 Jahren ist eine Erfolgsstory ohne Beispiel. Kannst du mir zustimmen?Mario Bernet: Da widerspreche ich dir nicht. Die Schule ist zu einem prominenten Ort geworden. Politikerinnen beschwören die Bildung als Rohstoff der Zukunft, Eltern fiebern mit ihren Schulkindern mit, die Kinder erfahren in der Schule Prägungen, die ein Leben lang fortbestehen. Und die Wissenschaft beisst sich am unberechenbaren Gegenstand «Kind» die Zähne aus. Kurzum: Alle geben ihr Bestes, wenn es um Kinder und Schule geht. Das war nicht immer so, nicht wahr?
Isler: Die Ausbildung dauert länger als vor 100 Jahren. Die Löhne sind höher als damals. Die Fachdidaktik ist «sophisticated» und die psychologischen Kenntnisse sind differenzierter als vor 50 Jahren. Alles bestens! Das Einzige, was mich in letzter Zeit etwas umtreibt: Ich habe den Eindruck, dass das Zwischenmenschliche eher zu kurz kommt. Wir bräuchten eine neue Initiative in Richtung des alten humanistischen Postulats: Achtung, Wärme, Rücksichtnahme.
Bernet: Einverstanden. Stattdessen werden Leistung und Schulerfolg in den Fokus gerückt. Wenn Leistungen professionell gemessen werden, wird die Schule gerechter, lautet der Anspruch. Das ist nicht falsch. Aber ein Übermass an Leistungsüberprüfung schadet dem Lernen. Siehst du Ansätze für eine Trendwende?
Isler: Als gesamtgesellschaftliche Tendenz sehe ich sie nicht. Entgegen der offiziellen Lehrmeinung, dass die Schule als Subsystem der Gesellschaft deren Merkmale zwingend in sich birgt, denke ich, dass wir Pädagogen eine Wende bewirken könnten. Wir sollten versuchen, unsere Schule mit all ihren Vorzügen mit einem gestärkten Bewusstsein für die zentrale Bedeutung von tragfähigen, warmen Beziehungen im Klassenzimmer zu verbinden.
Bernet: «Wir Pädagogen»: Du meinst wohl die Fachleute in Aus- und Weiterbildung, Forschung und Verwaltung, welche die Lehrpersonen für die Schule vorbereiten und sie dort unterstützen. Was sollen wir ihnen bieten? Was nicht?
Isler: Vielleicht könnten wir die pädagogischen Klassiker wieder hervornehmen! Ihre Antworten passen nicht mehr in unsere Zeit, aber die Fragen, die sie gestellt haben, bleiben aktuell. Welches Menschenbild leitet unser pädagogisches Handeln, wie gestalten wir den pädagogischen Bezug und welches sind sinnvolle Erziehungsmittel? An diesen Themen lässt sich auch die Bedeutung von gelebten humanistischen Werten ins rechte Licht rücken.
Bernet: Das Reizvolle an manchen Klassikern ist, dass sie die richtigen Fragen stellten, mit ihren Antworten aber danebenlagen. So behauptete zum Beispiel Jean-Jacques Rousseau: «Schränken wir also den Wortschatz der Kinder soweit wie möglich ein. Es ist sehr nachteilig, wenn es über mehr Wörter als Begriffe verfügt; wenn es mehr sagen als denken kann.» Wer würde heute noch wagen, so verwegen zu formulieren? Rousseaus Irrtum zu widerlegen, ist attraktiv – und weckt das Interesse für aktuelle Theorien zum Spracherwerb. Von genialen Fehlern ausgehen: ein hübscher Bildungsansatz, nicht wahr?

Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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