Kernfamilie und Bettgeschichte

Katja Brunners Stück «von den beinen zu kurz» handelt von einer vordergründig idyllischen Kleinfamilie, in der Vater und Tochter ein inzestuöses Verhältnis haben. Die beiden erkennen in ihrem Tun nichts Abwegiges. Darin verbirgt sich die Sprengkraft des Stücks. In der Hörspieladaption spitzt Regisseur Erik Altorfer den mit dem Mühlheimer Dramatikerpreis ausgezeichneten und ohnehin schon radikalen Text von Katja Brunner weiter zu. Das Produkt präsentiert ein intensives Hörereignis, das einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht.
Eine zentrale Stelle im Hörspiel ist diese: Vater und Tochter liegen an einem warmen Nachmittag nackt zusammen im Ehebett. Die Mutter kommt unverhofft nach Hause. Sie hört Geräusche aus dem Schlafzimmer, öffnet die Türe einen Spalt breit und sieht das Treiben der beiden. Die Mutter ist entsetzt, beschämt und voller Hass. Sie ist aber nicht in der Lage, zu handeln, und lässt die beiden gewähren. Sie schafft es nicht, ihren Ehemann zur Rede zu stellen. Stattdessen cremt sie der Tochter die eingerissenen Mundwinkel ein und fährt sie zum Arzt, weil es sie zwischen den Beinen juckt.

Hörprobe:

Solches ist mitunter schwer erträglich. Doch der Hörspielproduktion gelingt es, sowohl die Untätigkeit der Mutter als auch den Missbrauch des Vaters und das Empfinden der Tochter als plausibel und als unumgänglichen Verlauf der Dinge darzustellen. Dies geschieht durch Figurenrede. Einen Erzähler gibt es nicht. Zu hören sind Tochter, Vater, Mutter sowie ein Chor bestehend aus vielen Stimmen, die das Geschehen kommentieren und mitkonstruieren. Diese Echokammer aus Stimmen wertet nicht, sucht aber Erklärungen für das Handeln der Figuren. In dieser Polyphonie klingen viele mögliche Wahrheiten an. Das Stück erhebt den Inzest als solchen nicht zum Skandal, sondern erörtert dessen Entstehung und Auswirkungen. Der eigentliche Tabubruch im Stück ist nicht die Erotik zwischen Vater und Tochter: Er besteht in der Haltung der Tochter, die nichts Verwerfliches im «körperlich lockeren Verhältnis» zu ihrem Vater sieht. Erst das soziale Umfeld und die Therapie machen die Tochter zum Opfer und treiben sie in den Wahnsinn. Dadurch sägt das Stück am gesellschaftlichen Wertekanon.
In die Chronologie der Handlung werden geschickt Montagen eingeflochten. Es sind Versatzstücke aus Märchen oder Geburtsszenen, die als Allegorien verstanden werden können. Die Musik von Martin Schütz verschärft die Dringlichkeit der Worte zusätzlich.

Das Hörbuch ist nichts für Zartbesaitete. Es ist eine sprachliche Macht. Das Hörerlebnis ist eine beinahe körperliche Erfahrung. Die Produktion ist unbequem und wühlt auf. Das überaus empfehlenswerte Hörspiel trägt die Handschrift des Regisseurs und Dramaturgen Erik Altorfer, dem es mit seinen Produktionen gelingt, allen Staub von der Gattung Hörspiel wegzufegen und sie zu einer brisanten literarischen Spielart der Gegenwart zu machen.

Katja Brunner.
von den beinen zu kurz. Hörspiel.
Mit: Judith Engel, Marion Breckwoldt, Stephan Bissmeier, Carolin Conrad, Sebastian Rudolph Roxana Samadi, Josephine Banik. Hörspielfassung und Regie: Erik Altorfer. Musik: Martin Schütz. Illustration, Layout: Luca Schenardi.
Produktion WDR 2014.
Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2015.
Audio-CD, 52 Minuten.

2 thoughts on “Kernfamilie und Bettgeschichte”

  1. Katja Brunners «Texte sind Hörstücke, Hörspiele, und der Regisseur Erik Altorfer zum Beispiel schafft es immer wieder, für sie eine Radiofassung zu finden, die das Potenzial der Sprachwucht zum Klingen bringt», doppelt Daniele Muscionico in der NZZ vom 12. Dezember 2017 (S. 34) nach.

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