Der Mann mit zwei Gesichtern: Spionagethriller und Migrationsgeschichte

Geschichten über den Vietnamkrieg werden in der Regel aus der Sicht der USA geschrieben. «Der Sympathisant», Viet Thanh Nguyens preisgekrönter Roman, zeigt eine andere Perspektive: Der Erzähler ist ein namenloser Doppelagent, ein kommunistischer Maulwurf, der bei Kriegsende seinem südvietnamesischen General zur Flucht aus Saigon in die USA verhilft. Dort findet er zuerst einen Bürojob an einem College und wird dann «Authentizitätsberater» für einen amerikanischen Vietnamfilm, Anwalt der vietnamesischen Seite. Seine Aufgabe und der Film scheitern auf groteske Art und Weise. Die Hintergrundgeschichten rund um das Making-of zitieren sogenannt kritische Kriegsfilme und zeigen beispielhaft, wie Geschichte durch die mediale Verbreitung des Westens geschrieben wird. Nach diesen Kapiteln sieht man Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now» mit anderen Augen.
Schliesslich hilft der Doppelagent mit, eine revanchistische Guerilla-Truppe aufzubauen, verrät sie bei einem dilettantischen Rückeroberungsversuch in Südvietnam und wird dann selbst Gefangener in einem «Umerziehungslager». Hier wird er verhört, brutal gefoltert – Szenen, die an Stanley Kubricks «A Clockwork Orange»-Verfilmung oder an die Folterbilder aus Abu Ghraib erinnern. Der Kommandant des Lagers zwingt ihn, einen Rechenschaftsbericht zu schreiben und greift so lange korrigierend ein, bis er eine politisch und ideologisch opportune Version der Ereignisse in den Händen hat. Und dieser Bericht ist die Binnengeschichte des Romans.
«Der Sympathisant» ist ein spannender Polit-Thriller und zugleich eine beissende Satire über die westliche Deutungshoheit der Geschichtsschreibung. Der Spionage-Plot mündet wiederholt in brisante Reflexionen des Helden über seine Identität und die US-amerikanische «Leitkultur». In diesen Passagen springt uns die Gegenwart an, das sind Gedanken, die auch heute von Geflüchteten geäussert werden könnten. Und so ist «Der Sympathisant» zwar historisch angelegt, verweist aber durch die Brille der zeitlichen Distanz mit kaltem Finger auf Identitätskonflikte und interkulturelle Debatten der Gegenwart. Diese Distanz wird mit dem Schlussbild definitiv überwunden: Nach der Fertigstellung seines Berichts und der Entlassung aus dem Lager macht der ehemalige Spion sich erneut auf den Weg, als Bootsflüchtling über den Pazifik.
Mit seinem Romandebut gewann Viet Thanh Nguyen den Pulitzerpreis 2016, über vierzig Jahre nachdem er mit seiner Familie aus Saigon nach Kalifornien geflohen war. Heute arbeitet er neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Professor an der University of Southern California in Los Angeles.

 

 

 

Viet Thanh Nguyen.
Der Sympathisant.
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller.
München: Karl Blessing Verlag, 2017. 528 Seiten.

2 thoughts on “Der Mann mit zwei Gesichtern: Spionagethriller und Migrationsgeschichte”

  1. «Sprachlich lässt er es krachen, inhaltlich ist er informiert und sattelfest. Mit seinem Roman Der Sympathisant setzt Viet Thanh Nguyen einen markanten Kontrapunkt zur amerikanischen Sicht auf den Vietnamkrieg», schreibt Katharina Borchardt in der NZZ vom 9.2.2018 über Viet Thanh Nguyens Der Sympathisant.

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