«Es braucht eine gemeinsame Haltung der ganzen Schule»

Einen guten Umgang mit dem Thema «sexuelle Übergriffe» zu finden, ist für Schulen eine grosse Herausforderung. Wichtig sei, dass sich Schulen nicht nur dann damit beschäftigen, wenn ein Vorfall an die Öffentlichkeit gelangt, sagt Sexualpädagoge Lukas Geiser von der PH Zürich. Wie dies gelingen kann, erläutert er im Interview.

Lukas Geiser, wissenschaftlicher Mitarbeiter Sexualpädagogik an der PHZH. Foto: Christoph Hotz

Akzente: Lukas Geiser, wann spricht man von einem sexuellen Übergriff?
Geiser: Sexuelle Übergriffe sind physische oder psychische Grenzverletzungen mit einer sexuellen Absicht oder einer sexuellen Viktimisierung, das heisst, wenn jemand zum Opfer gemacht wird. Dabei ist immer eine Person in der Ohnmachtsposition.

Wann handelt es sich um eine Grenzverletzung?
Dies ist genau die Schwierigkeit. Zwar bestimmt letztendlich die betroffene Person, ob sie eine Handlung als Grenzverletzung wahrnimmt oder nicht. Kinder und Jugendliche können dies jedoch nicht immer oder auch gar nicht einordnen. Sie sind oft nicht in der Lage, sich zu wehren. Deshalb erachte ich es als eine wichtige Aufgabe der Schule, die Kinder und auch die Erwachsenen im Umgang mit Grenzverletzungen und sexuellen Übergriffen zu befähigen.

Wie können Schulen dies umsetzen?
Eine wichtige Voraussetzung ist, dass das Thema in der Schule stets präsent ist und beispielsweise nicht bloss im Rahmen eines Präventionstags auf die Agenda rückt oder nur dann aktuell wird, wenn sich ein Vorfall ereignet hat. Vielmehr braucht es eine gemeinsame Haltung der gesamten Schule, welche dauerhaft gelebt wird.

Was heisst das konkret?
Die gemeinsame Haltung muss lauten: Wir tolerieren keine Form von sexuellen Übergriffen. Dies setzt voraus, dass alle im Schulsystem tätigen Personen eine Sensibilität für die Thematik entwickeln. Dabei ist einerseits die Selbstreflexion wichtig. Dass also Lehrpersonen ihr Handeln immer wieder hinterfragen. Andererseits brauchen sie auch ein Sensorium dafür, was um sie herum passiert. Hier ist es wichtig, dass Schulen eine offene Kommunikation pflegen und irritierende Verhaltensweisen von Lehrpersonen gegenüber Kindern angesprochen werden. Lebt eine Schule eine Kultur der Offenheit, können solche Irritationen oft geklärt werden. Neben dieser Enttabuisierung gehört zu einer gemeinsamen Haltung auch, dass die Kinder wissen sollen, dass sie sich entsprechend wehren dürfen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Eine Schwimmlehrerin einer 4. Klasse hat kürzlich ihren Schülern gedroht, dass sie in die Dusche kommt, wenn sie sich nicht schneller umziehen. Dies ist eine klare Grenzverletzung. Dabei geschah diese Äusserung mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht mit einer sexuellen Absicht, sondern aus Unbedarftheit. Hier wäre es wichtig gewesen, dass die Lehrerin ihren Fehler selber bemerkt hätte. Zudem müsste bei den Schülern das Bewusstsein verankert sein, dass sie mit der Klassenlehrperson über den Vorfall sprechen dürfen.

Wie kann eine Schule eine Sensibilität für die Thematik verankern?
Indem sie das Thema in ihr Schulprogramm aufnimmt oder regelmässig in Austauschgefässen zwischen den Lehrpersonen einbringt. Es gibt vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) gute Leitlinien und Checklisten mit Praxisbeispielen, die Schulen dabei nutzen können.

Sie sind häufig in den Schulen unterwegs: Wird das Thema vernachlässigt?
Nein, das würde ich nicht sagen. Das Bewusstsein ist in den letzten Jahren gestiegen und ich nehme bei Lehrpersonen eine hohe Professionalität wahr. Wie bei allen schulischen Themen gibt es auch hier grosse Unterschiede. Einige Schulen geben der Prävention mehr Gewicht und arbeiten zum Beispiel mit einem sexualpädagogischen Konzept, andere machen weniger, da sie andere Themen zum Schwerpunkt machen.

Wir haben bisher ausschliesslich von Verstössen von Lehrpersonen gegenüber Kindern gesprochen. Sexuelle Übergriffe finden aber auch zwischen Schülerinnen und Schülern statt.
Das stimmt. Bei jeglicher Form von sexuellen Übergriffen, sei es von Kindern und Jugendlichen, von Eltern gegenüber Kindern oder auch von Jugendlichen gegenüber Lehrpersonen gilt die gleiche Devise: eine gemeinsam gelebte klare, offene und sensibilisierte Haltung bildet eine bestmögliche Grundlage, damit solche Vorfälle nicht geschehen und Betroffene wissen, wie sie sich verhalten müssen.

Wie fliesst die Thematik in die Ausbildung der Lehrpersonen ein?
Studierende auf der Sekundarstufe I besuchen eine Pflichtveranstaltung zum Thema Sexualpädagogik. Auf der Primarstufe gibt es ein fakultatives Angebot. Dabei ist das Interesse bei den Studierenden sehr gross. So tauchen etwa im Rahmen der Reflexion der Praktika häufig Fragen auf. Trotz der unterschiedlichen Angebote gilt auch für uns, dass wir uns ständig weiterentwickeln müssen. Kürzlich haben wir zum Beispiel eine Podiumsveranstaltung zum Umgang mit Sexualität in der Schule und Hochschule durchgeführt und wir beteiligen uns als Hochschule an einem Projekt gegen Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen.

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