Lernen für die Berufe von morgen

Da sich Technologien und damit Berufsbilder heute immer schneller verändern, werden überfachliche Kompetenzen in der Schweizer Berufsbildung grossgeschrieben. Diese werden durch ein Zusammenrücken der drei Lernorte Betrieb, Schule und überbetriebliche Kurse gestärkt.

Wenn Manfred Pfiffner, Professor für Berufsbildung an der PH Zürich, an Bildungskonferenzen im Ausland auftritt, so ist ihm der Exoten-Status fast sicher. Ausserhalb von Deutschland und Österreich, wo die duale Berufsbildung ebenfalls eine lange Tradition hat, wird auf seine Berufsbezeichnung oft mit Erstaunen reagiert. Ein Professor für Berufsbildung? Dass es so etwas gibt! «In vielen Ländern ist kein Verständnis vorhanden für den Berufsstolz unserer Lernenden und die Wertschätzung gegenüber der Berufslehre, die wir in der Schweiz kennen», sagt Pfiffner. Die Vorzüge des dualen Bildungsmodells, das durch die Kombination von Lernen in der Schule und im Betrieb gekennzeichnet ist, kann er mit schlagkräftigen Beispielen untermauern: Als Beweis, dass sich mit einer Berufslehre Karriere machen lässt, nennt er jeweils einige Namen bekannter Schweizer Führungskräfte, die ursprünglich eine Lehre absolvierten. Und um die volkswirtschaftlichen Vorteile des Modells aufzuzeigen, greift er auf das hohe Bruttoinlandprodukt und die tiefe Arbeitslosenquote der Schweiz zurück.
Pfiffner bezeichnet das Ansehen der Berufsbildung als notwendige Bedingung für den Erfolg unseres dualen Bildungssystems. Deshalb setzt er in seinen Erläuterungen jeweils bei diesem Punkt an. Wenn nur die akademische Bildung einen gesellschaftlichen Wert habe, sei es schwierig, Jugendliche oder Betriebe für das Modell der Berufslehre zu gewinnen, so Pfiffner. Gleichzeitig weist er auf die positive Eigendynamik eines gut funktionierenden dualen Bildungssystems hin: Wenn Schweizer Berufslernende beispielsweise an internationalen Berufsmeisterschaften gewinnen, wirkt sich dies positiv auf das Ansehen und die Qualität der Ausbildungen aus. Zum einen stärken sichtbare Erfolge die Attraktivität der Berufslehre, wodurch Talente angezogen werden, zum andern bieten sie Lernenden wie Ausbildenden einen Anreiz für Höchstleistungen.
Die Wertschätzung für das Konzept der Berufslehre ist allerdings nur eine von zahlreichen Bedingungen eines funktionierenden Berufsbildungssystems. Unabdingbar ist auch die Bereitschaft der Betriebe, Lernende auszubilden. Dies setzt jedoch ein intaktes Wirtschaftssystem voraus, das wiederum auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen ist. Nicht zuletzt ist die Durchlässigkeit des Berufsbildungssystems ein wichtiger Erfolgsfaktor. Da sich heute Produktions- und Arbeitsprozesse und damit auch Berufsbilder durch neue Technologien konstant und zum Teil rasant verändern, wird die Strategie «Kein Abschluss ohne Anschluss» immer wichtiger. «Die Berufsbildung ist ein hoch komplexes System, in welchem verschiedene Rädchen präzise ineinandergreifen müssen, damit es funktioniert», fasst Pfiffner zusammen. Wie eng die Mechanismen auf Seiten der Schule und Wirtschaft verknüpft sind, sich gegenseitig bedingen, aber auch verstärken, zeigt sich am deutlichsten dort, wo keine solche Dynamik spielt. Pfiffner nennt als Beispiel ein Berufsbildungsprojekt in Timor-Leste (Osttimor), an dem er massgeblich beteiligt ist. Neben der äusserst herausfordernden wirtschaftlichen und sozialen Lage erschweren eine schwach ausgebaute Bildungsstruktur und ein Mangel an ausgebildeten Fachkräften für die Berufsfachschule den Aufbau eines trag- und wettbewerbsfähigen Berufsbildungssystems. Wie Erfahrungen aus der Schweizer Berufsbildung im Ausland genutzt werden können, untersucht auch das Zentrum International Projects in Education (IPE) der PH Zürich. In Projekten zur Berufswahlorientierung, beispielsweise in Rumänien und der Republik Moldau, zeigte sich, dass überfachliche Kompetenzen wie Problemlösungskompetenzen oder Selbstreflexion immer wichtiger werden, wenn das Stellenangebot knapp ist.

Praxisorientierter Unterricht
Heute verbringen Jugendliche, die eine reguläre Lehre ohne Berufsmaturität absolvieren, in der Regel vier Tage im Betrieb und einen Tag an der Berufsfachschule. Zusätzlich besuchen die Jugendlichen überbetriebliche Kurse (ÜK) in regionalen Ausbildungszentren, die die Umsetzung der praktischen Vorgaben der Bildungsverordnungen garantieren: In den Blockkursen werden alle erforderten Arbeitsschritte eingeübt, weil dafür nicht in allen Lehrbetrieben genügend Raum, Werkzeug oder Kompetenzen vorhanden sind.
Der Tag an der Berufsfachschule setzt sich aus fünf Lektionen Berufskundeunterricht (BK), drei Lektionen allgemeinbildendem Unterricht (ABU) und einer Lektion Sport zusammen. Neben dieser Einteilung existiert an der Berufsfachschule keine weitere Feingliederung, bis auf wenige technische Berufe und die kaufmännische Ausbildung folgt der Unterricht keiner Fächerlogik. «Ein Beruf ist nicht nach Fächern strukturiert, sondern setzt sich aus konkreten Situationen zusammen», erklärt Peter Gautschi, der an der PH Zürich Berufskundelehrpersonen ausbildet. Der Berufskundeunterricht setze deshalb stets bei einer Situation aus dem Berufsalltag an, aufgrund derer die Lernenden sich die theoretischen Grundlagen erarbeiteten, so Gautschi. Wenn sich Schreinerlernende mit den Eigenschaften verschiedener Holzarten beschäftigen, referiert die Lehrperson nicht über Materialkunde, sondern holt erst das Vorwissen der Lernenden ab und lässt sie anschliessend das nötige Wissen mittels verschiedener Experimente zu Festigkeit und Flexibilität des Holzes selbständig erarbeiten. «Ziel des Berufskundeunterrichts ist es, die Lernenden zum selbständigen Lernen anzuleiten», sagt Gautschi. Nur wer lernt, neues Wissen eigenständig zu erarbeiten, kann im Berufsleben angemessen und rasch auf unbekannte Situationen und technologische Entwicklungen reagieren. Nach wie vor lernen die Lernenden im Berufskundeunterricht und im Betrieb sehr konkrete Technologien und Arbeitsschritte kennen, da die Praxis ohne Hard Skills nicht denkbar ist. Obwohl die von Berufs- und Branchenverbänden entwickelten Bildungspläne heute alle fünf Jahre überarbeitet werden, besteht trotzdem die Möglichkeit, dass erlernte Technologien beim Lehrabschluss bereits überholt sind. Solange Lernende eine Haltung des lebenslangen Lernens entwickeln und fächerübergreifende Kompetenzen gestärkt werden, bleibt dies allerdings unproblematisch. Weil sich Berufsbilder durch neue Technologien rasant verändern, werden im Berufskundeunterricht neben den Fach- und Methodenkompetenzen deshalb bewusst Sozial- und Selbstkompetenzen gestärkt. Aufgrund dieser fächerübergreifenden Kompetenzen gelingt es eher, beruflich umzusatteln. Kann beispielsweise eine Polymechanikerin während einer Berufslehre mit Berufsmaturität ihre Sozial- und Kommunikationskompetenzen stärken, so wird damit auch ein Einstieg in einen sozialen Beruf über ein Sozialarbeits-Studium denkbar.
Neben dem Berufskundeunterricht bilden der allgemeinbildende Unterricht und der optionale Berufsmaturitätsunterricht, der an einem zusätzlichen Schultag stattfindet, wichtige Elemente der schulischen Ausbildung, welche auch die Durchlässigkeit des Berufsbildungssystems erhöhen. Im Zentrum des allgemeinbildenden Unterrichts stehen gesellschaftlich relevante Themen sowie Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten. Seit über 20 Jahren ist der Unterricht nach Themen organisiert, die die Berufsfachschulen in ihren Schullehrplänen festlegen. Themen wie Globalisierung, Zusammenleben, Sicherheit oder Migration werden im Unterricht unter acht durch den eidgenössischen Rahmenlehrplan definierten Aspekten betrachtet: Ethik, Identität/Sozialisation, Kultur, Ökologie, Politik, Recht, Technologie und Wirtschaft. Sind im allgemeinbildenden Unterricht beispielsweise Ehe und Scheidung Thema, können rechtliche, politische, wirtschaftliche, kulturelle oder auch genderspezifische Aspekte besprochen werden. «Ziel des allgemeinbildenden Unterrichts ist es, unsere Lernenden zu mündigen, selbständig denkenden Erwachsenen zu machen», sagt Saskia Sterel, die an der PH Zürich Lehrpersonen für den allgemeinbildenden Unterricht ausbildet und selbst an einer Berufsfachschule unterrichtet.
Wie im Berufskundeunterricht wird im allgemeinbildenden Unterricht stets ein Bezug zur Lebenswelt der Lernenden geschaffen, mitunter werden auch sehr konkrete Alltagssituationen einbezogen: Geht es um Arbeitsrecht, nehmen die Lernenden etwa den eigenen Lehrvertrag unter die Lupe, wird der Staatshaushalt behandelt, füllen sie ihre Steuerklärung aus. Der allgemeinbildende Unterricht ist erst seit 1996 kompetenz- und handlungsorientiert, die Neuorientierung mit entsprechenden Weiterbildungen ist wie in der Volksschule nach wie vor im Gang. «Der allgemeinbildende Unterricht weist eine junge Geschichte auf», sagt Saskia Sterel. «Dies bringt Vorteile, denn ohne starke Traditionen gelingt ein Umdenken leichter.»
Der Unterricht in der Berufsfachschule unterscheidet sich nicht nur durch die starke Praxisorientierung vom Unterricht in der Volksschule. Da Lehrpersonen ihre Klassen nur einmal pro Woche sehen und der Berufsbildner oder die Berufsbildnerin wichtigste Bezugsperson ist, verändert sich auch das Verhältnis zwischen Lehrpersonen und Lernenden. «Die Arbeit an der Beziehung zu den Lernenden ist in der Berufsfachschule deshalb nicht weniger wichtig. Denn Lernen ist auch Beziehungsarbeit», so Sterel. Im Gegensatz zur Sekundarstufe I sind in der Berufsfachschule nicht mehr die Eltern Ansprechpartner der Lehrpersonen, sondern die Berufsbildenden im Betrieb. Ab dem 18. Altersjahr der Lernenden dürfen Berufsfachschullehrpersonen sogar nur noch mit der schriftlichen Einwilligung der Lernenden Kontakt mit deren Eltern aufnehmen.
Auch spielen Noten häufig eine etwas andere Rolle. Lernende können ihre Lehre in einigen Berufen mit ausschliesslich ungenügenden Schulnoten im allgemeinbildenden Unterricht abschliessen, solange sie diese mit guten praktischen Leistungen kompensieren. Da die Berufsfachschulklassen nicht nach Leistungsniveau, sondern nach Berufen gebildet werden, sind Lehrpersonen bisweilen mit grossen Leistungsunterschieden konfrontiert, gerade was Sprachkompetenzen betrifft. Für den Umgang mit dieser Heterogenität müssen die Berufsfachschulen eigene Wege finden, wobei klassischer Stützunterricht mit einem fixen Programm eher von neuen Formen wie Lernfoyers mit individueller Betreuung abgelöst wird.

Lernorte näherbringen
Für eine hohe Qualität der Berufsbildung müssen nicht nur die Lernbedingungen an den drei Lernorten Betrieb, Berufsfachschule und ÜK stimmen, auch sollten die jeweiligen Lernprozesse optimal aufeinander abgestimmt sein. Deshalb sollen in Zukunft die drei Lernorte noch näher zusammenrücken, indem der Austausch zwischen Berufsbildenden im Betrieb und Lehrpersonen stärker institutionalisiert wird. Auch die Zusammenarbeit zwischen ABU- und BK-Lehrpersonen soll künftig gestärkt werden. Früher verlief deren Unterricht oft ohne grosse Berührungspunkte. An vielen Schulen lag die Hoheit für die Ausbildung der Sprachkompetenzen beim ABU, obwohl diese als überfachliche Kompetenzen auch im BK-Unterricht und im Betrieb gefördert werden sollten.
Während sich an Berufsfachschulen allmählich schulübergreifende Projekte etablieren, wird der Forderung nach einer engeren Zusammenarbeit der Lehrpersonen auch in der Ausbildung an der PH Zürich Rechnung getragen. Seit gut zehn Jahren bildet die PH Zürich BK- und ABU-Lehrpersonen aus, traditionell in zwei separaten, berufsbegleitenden Studiengängen. Im Herbst 2016 startete neben den klassischen Lehrgängen nun ein erster gemeinsamer Lehrgang, der dem Umstand gerecht wird, dass in ABU und BK im Prinzip dieselben für das 21. Jahrhundert zentralen Schlüsselkompetenzen ausgebildet werden sollen. Gemäss dem an der PH Zürich neu entwickelten sogenannten «4K-Modell» sind dies kritisches Denken und Problemlösen, Kommunikation, Kooperation sowie Kreativität und Innovation. Konkret setzt sich dieser Studiengang aus Erziehungswissenschafts- und Fachdidaktikmodulen zusammen, angehende ABU-Lehrpersonen eignen sich zudem Wissen aus den Bereichen Wirtschaft, Recht, Sprach- und Sozialwissenschaften an. Eine Besonderheit der Fachdidaktik-Module ist es, dass diese auf einer fächerübergreifenden Grundlage basieren. BK-Studierende transferieren das Gelernte anschliessend auf ihren Beruf und entwickeln so ihre berufsspezifischen Fachdidaktiken. Auch hier wird vermehrt auf eine Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen gesetzt.
Die Ausbildung für Berufsfachschullehrpersonen an der PH Zürich ist auch in Bezug auf die Aufnahmebedingungen im Umbruch: Früher war eine feste Anstellung an einer Berufsfachschule Bedingung für ein Studium. Heute können ABU-Studierende ohne Anstellung die Unterrichtserfahrung in berufsbegleitenden Praktika sammeln. Für BK-Studierende soll die Anstellung an einer Berufsfachschule als Aufnahmebedingung ebenfalls aufgehoben werden. Die frühere Bindung an eine Anstellung sollte verhindern, dass Lehrpersonen ausgebildet werden, die keine Stelle finden. Die Aufhebung der Beschränkung rührt daher, dass sich im Kanton Zürich in den kommenden fünf Jahren eine grosse Pensionierungswelle an den Berufsfachschulen abzeichnet. Die Lockerung der Aufnahmebedingungen bietet Chancen hinsichtlich der Qualität der Ausbildung. Werden erste Unterrichtserfahrungen nicht nur an einer Schule, sondern in verschiedenen Praktika gesammelt, wird auch das fachdidaktische Repertoire breiter.

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