Die Schule als Oase der Ruhe?

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler - Unter vier Augen

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Ruedi Isler: Im noch gültigen Lehrplan ist Musse eine von zehn Grundhaltungen, die den Unterricht an unseren Schulen bestimmen sollen. Dort steht: «Musse heisst Zeit finden, um auf sich selbst, auf andere, auf die Welt aufmerksam zu werden.» Im Lehrplan 21 habe ich eine solche Formulierung vergeblich gesucht. Habe ich etwas überlesen?Mario Bernet: Du unterschätzt die Autorenschaft des neuen Lehrplans, die an fast alles gedacht hat! Ich wurde fündig.
Isler: Asche auf mein Haupt! Nenne mir die Stelle – und wir schauen, ob Fleisch dran ist!
Bernet: Unter «Grundlagen» steht da immerhin: «Gegenseitige Wertschätzung, Lebensfreude und Musse stellen wichtige Werte dar.» Das wär’s dann aber schon. Fast verstohlen wirkt der Begriff hier, als hätte ihn jemand hineingeschmuggelt. Kostet also die Musse aus, solange sie der alte Lehrplan noch so prominent anpreist: «Aus innerer Ruhe wächst Kraft.» Klingt fast poetisch, ist aber amtlich. Doch Hand aufs Herz: Musse in der Schule? Die Umsetzung ist mir in 16 Jahren selten gelungen.
Isler: Auf einer Wanderung über die Greina-Hochebene hat ein Kollege von mir seine Schüler beauftragt, sich eine halbe Stunde auf den Rücken zu legen, die Augen zu schliessen und die Natur in sich aufzunehmen. Ist sicher nicht die einzige Art, Musse in die Schule zu bringen. Und zugegeben, im Klassenlager ist es einfacher. Aber dass es dir in der Praxis kaum je gelungen ist, kann ich nicht glauben. Zeit ist ja genug da, jede Woche 30 Stunden …
Bernet: Da müsstest du wohl meine ehemaligen Schülerinnen und Schüler fragen. Jedenfalls habe ich immer versucht, mich an die Vorgabe des Lehrplans zu halten: «Die Grobziele sollten in der Regel in etwa drei Viertel der effektiven Unterrichtszeit erreicht werden können.» Aber ich muss gestehen: Als Lehrer an einer QUIMS-Schule habe ich dem Thema «Schulerfolg» eine grössere Bedeutung beigemessen. Es galt immer wieder, verborgene Perlen freizulegen – fast schon das Gegenteil von Musse. Aber wie machst du das eigentlich: Immer wenn ich dich treffe, verzieht sich jegliche Hektik. Woran liegt das?
Isler: Unser Leben ist Hektik, und wer gefragt wird, wie’s ihm geht, beklagt den Stress. Die Auflagen von Zeitschriften, die Langsamkeit, Achtsamkeit und Chillen lobpreisen, gehen durch die Decke. «Live mindfully», «spoil yourself» oder «simplify your life» sind dort die Slogans, und es wird empfohlen: «Überrasche dich selbst mit Ruhe!» So einfach ist es sicher nicht. Aber nur wenn wir selbst einen bewussten Umgang mit den Anforderungen unseres gehetzten Lebens und den nimmersatten Erwartungen unserer Umgebung finden, werden wir Musse auch in die Schule oder in unsere Institution tragen.
Bernet: Bei mir hängt sogar ein ähnlicher Leitsatz zu Hause über dem Bett – mit schwankender Wirkung. Aber zurück in die Bildungslandschaft: Bekanntlich bedeutet das altgriechische «scholé» nichts anderes als «Musse». Dass sich die Musse in den neuen Lehrplan hineingerettet hat, ist demnach nicht ganz zufällig. Wir können darin eine Mahnung sehen, die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs Schule nicht ganz zu vergessen. Oder wie Aristoteles dazu schrieb: «Überall nur das handgreiflich Nützliche zu suchen, passt am allerwenigsten zu gross gesinnten und frei denkenden Menschen.»

Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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