Inklusion ‒ die bisherige Selektivität hinterfragen

Die Schweiz hat 2014 als 144. Staat die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ratifiziert. Diese zielt darauf ab, die Chancengleichheit von Menschen mit Behinderungen zu fördern und die Defizitorientierung zu überwinden. Die PH Zürich baut nun ein «Forum Inklusion» auf, welches sich mit der Umsetzung der Konvention beschäftigt.

Silvia Pool Maag, Professorin für Inklusion und Diversität an der PH Zürich.

Silvia Pool Maag, Professorin für Inklusion und Diversität an der PH Zürich.

Akzente: Silvia Pool Maag, was genau bedeutet Inklusion?
Pool: Im gesellschaftlichen und schulischen Kontext bedeutet Inklusion das Bemühen, nicht auszugrenzen und Partizipation und Teilhabe zu ermöglichen. Schulische Inklusion anerkennt Bildung als ein Menschenrecht und sieht ein Bildungssystem vor, das keine Kinder ausschliesst. Eine inklusive Schule ist eine «Schule für alle». In der pädagogischen Praxis bedeutet soziale Inklusion Zugehörigkeit und Einbeziehung, curriculare Inklusion zielt auf erfolgreiches Lernen für alle. Inklusion schärft den Blick für Diskriminierungsprozesse. Dabei kommt all jenen Gruppen von Schülerinnen und Schülern ein besonderes Augenmerk zu, die von Marginalisierung, Exklusion oder Schulversagen besonders gefährdet sind.

Die Schweiz hat 2014 die Behindertenrechtskonvention (BKR) unterschrieben. Daneben existiert bereits ein Anti-Diskriminierungspassus in der Bundesverfassung. Welche zusätzlichen Aspekte deckt die BKR ab?
Bis jetzt besteht kein Anspruch auf integrative Förderung in einer Regelschule, einschränkende Rahmenbedingungen wie zum Beispiel zu wenig qualifiziertes Personal oder enge Raumverhältnisse können nach wie vor zur Sonderschulung führen. Mit der UN-BRK haben alle Kinder das Recht auf eine ihren Bedürfnissen angemessene Grundschulbildung in einer Regelschule. Ausnahmen müssen nun qualifiziert begründet werden.

Welche Auswirkungen hat die Unterzeichnung der Charta für das Bildungssystem?
Weitreichende, da schulische Inklusion nicht durch die schnelle Erweiterung des Methodenrepertoires für den Umgang mit «schwierigen» Kindern zu erreichen ist. Inklusion hinterfragt die bisherige Selektivität unseres Bildungssystems und erfordert System-, Schul- und Professionsentwicklung. Man muss zum Beispiel die selektive Fokussierung auf einzelne Fächer im Verhältnis zu anderen Bildungszielen überdenken und eine umfassendere Leistungsbeurteilung in Betracht ziehen. Ebenso gilt es, die selektiven Stufenübergänge in der Volksschule und die Gliederung der Oberstufe zugunsten der Inklusion zu überprüfen, denn Inklusion geht in der Berufsbildung weiter. Im Lehrplan 21 sind die dafür notwendige Orientierung an Lernprozessen und die stufenübergreifende Kontinuität vorgesehen.

Was bedeutet Inklusion für die Schul- und Unterrichtsebene?
Schulische Inklusion ist eine professionelle Herausforderung. Es geht um die kontinuierliche Weiterentwicklung der integrativen Schul- und Unterrichtsstrukturen und die Öffnung und Vernetzung der Schulen hin zu inklusiven Bildungsregionen oder -zentren. Dafür müssen wir Schulleitungen und Lehrpersonen gewinnen und die notwendige Zusammenarbeit im Kollegium, mit Fachpersonen, Eltern, Sonderschulen und unterrichtsergänzenden Angeboten stärken. Lehrpersonen müssen ihr Sensorium für Chancenungleichheit im Unterricht weiterentwickeln, indem sie die individuellen Kompetenzen und Lebenserfahrungen sowie die pädagogischen Bedürfnisse der Kinder verstärkt in den Blick nehmen und den Unterricht entsprechend anpassen. Daneben müssen auch Rahmenbedingungen wie Klassengrösse, kooperative Strukturen, Betreuungs- und Raumverhältnisse überdacht werden.

Wie muss Inklusion in die Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen einfliessen?
Inklusive Bildung wird transversal, das heisst als Querschnittthema im Curriculum verankert und gleichzeitig auch disziplinär in den Bildungswissenschaften bearbeitet. Swissuniversities verweist hier auf die Notwendigkeit einer stärkeren Gewichtung sonderpädagogischer Inhalte in den Curricula. Bei der transversalen Perspektive scheint mir eine stärkere Verbindung von Berufspraxis, allgemeiner Didaktik, Fachdidaktik sowie den Bildungswissenschaften notwendig. Inklusion ist kein zusätzliches Fach, sondern eine Haltung und Denkweise gekoppelt mit fachspezifischem Wissen und Können. Auch die Pädagogischen Hochschulen müssen sich die Frage stellen, wie inklusiv sie sind.

Welches sind die nächsten Umsetzungsschritte?
Der Bundesrat und die Räte haben sich mit der Ratifizierung der UN-BRK deutlich für ein inklusives Bildungssystem ausgesprochen. Verglichen mit einigen Nachbarstaaten stehen wir am Anfang dieser Entwicklung. Im Sommer wurde der erste Staatenbericht bei den Vereinten Nationen eingereicht. Darin hält der Bund fest, welche Massnahmen die Schweiz bezüglich Inklusion bereits umsetzt. Der Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen wird in den nächsten zwei, drei Jahren dazu Stellung nehmen, auf Hauptproblembereiche verweisen und Empfehlungen erarbeiten. Die Schweiz wird danach in weiteren Berichten darlegen müssen, wie diese umgesetzt werden.

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Silvia Pool Maag ist Professorin für Inklusion und Diversität an der PH Zürich. Das nächste «Forum Inklusion» zum «Churermodell der Binnendifferenzierung im Unterricht» findet für alle Interessierten am 23. Mai 2017 um 18.15 Uhr an der PH Zürich statt.

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