«Es ist wichtig zu wissen, wie es zu Hause aussieht, wo das Kind lernt»

Andrea Lanfranchi, Leiter Forschung an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, weist auf die Bedeutung einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrpersonen hin. Ziele und Differenzen müssen geklärt sein, damit zu Hause gute Bedingungen für das Lernen und somit auch für die Hausaufgaben geschaffen werden können.

Andrea Lanfranchi, Leiter Forschung an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik.

Andrea Lanfranchi, Leiter Forschung an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Alle Fotos: Nelly Rodriguez

Akzente: Welchen Einfluss hat das Zuhause auf den Schulerfolg der Kinder?
Lanfranchi: Einflussfaktoren für den Erfolg der Kinder sind in erster Linie Intelligenz, Begabung und Motivation, schon an zweiter Stelle kommen die Ressourcen der Familie, an dritter Stelle die Qualität des Unterrichts. Die Familie als Bildungsort hat also eine zentrale Bedeutung. Das ist einer der Gründe, weshalb wir so viele Schwierigkeiten in Bezug auf eine gleiche Verteilung von Bildungschancen haben.

Was drückt der Begriff «Bildungsort Familie» genau aus?
Er drückt aus, dass das Kind schon sehr früh, noch vor und gleich nach der Geburt, zu lernen beginnt, und dass Impulse der Eltern sehr wichtig sind. Kinder lernen nicht automatisch, sondern durch vermittelte Lernerfahrungen, wenn man mit ihnen in den Wald geht oder andere Kinder einlädt. Wenn ein Vater dem Kind sagt, es solle auftischen, bringt das fünfjährige Kind Gabeln und Messer und macht somit erste wichtige Erfahrungen im pränumerischen Bereich. Eltern müssen nicht Schule geben, aber die Schule geht davon aus, dass Eltern Dinge wie Zeichnen, Schneiden oder Zählen vermitteln.

Was braucht es für gutes Lernen zu Hause?
Die zentrale Frage ist, ob Eltern ein Bewusstsein haben, dass ihr Handeln und Sprechen mit dem Kind für sein Lernen wichtig ist. Manche Eltern glauben, sie müssten nicht so viel mit ihrem Kind sprechen, wenn es noch klein ist und nicht sprechen kann. Eine gute sprachliche Basis ist aber enorm wichtig. Dabei ist unwichtig, welche Sprache das ist. Ein solches Denkmodell, dass die Schule für die Bildung zuständig ist, ist nicht förderlich für das Lernen. Zudem gibt es auch Eltern mit grossen Belastungen wie Armut, gekoppelt mit Niedergeschlagenheit, die keine Zeit oder Kraft für Lern- und Beziehungszeit mit dem Kind haben und nicht in dem Masse Unterstützung leisten können wie andere Familien. Wir schätzen diesen Teil auf 10 bis 15 Prozent.

Welche Auswirkungen hat das erwähnte Denkmodell?
Das hat zuerst einmal Auswirkungen auf das Selbstvertrauen des Kindes. Wenn Eltern selbst kein Vertrauen haben, dass sie durch ihr Tun etwas bewirken, können sie dieses auch schlecht weitergeben. Zudem vermittelt man durch Erziehung auch die Kompetenz, zu warten und nicht impulsiv zu reagieren. Da gibt es grosse Unterschiede, und diese wirken sich direkt auf den Schulerfolg aus.

Wie kann die Schule solche Chancen- ungleichheiten minimieren?
Ungleichheiten entstehen dadurch, dass gewisse Kinder von der Geburt an bei den Eltern oder extern ein wirksames Unterstützungssystem haben und andere nicht. Präventive Massnahmen wie Hausbesuchsprogramme von der Geburt bis zum Alter von drei Jahren oder gute Kindertagesstätten vor dem Kindergarten sind nicht Aufgabe der Schule, sondern der politischen Verantwortlichen in Kanton und Gemeinden. Die Schweiz investiert etwa 0.2 Prozent des Bruttoinlandprodukts in Massnahmen der frühen Bildung für Kleinkinder, die OECD spricht von einem Minimum von einem Prozent.

Dennoch, was kann die Schule tun?
Die Lehrperson muss in der Lage sein, mit allen Eltern offen und konstruktiv zu kommunizieren. Dafür sind ein fallbezogenes Vorgehen und eine kultursensible Haltung nötig. Zudem braucht es massgeschneiderte Formen und Tools des institutionalisierten Austausches. Bei gewissen Eltern reicht ein Elternabend, bei anderen braucht es einen Hausbesuch und bei einer dritten Familie kann man mit einem Berater etwas in Bewegung setzen. Im Gespräch versucht man herauszufinden, was die Erwartungen auf beiden Seiten sind. Wo sich Differenzen zeigen, benennt man diese. Eine Lehrerin darf ruhig fragen: «Könnte es sein, dass Sie eine ganz andere Vorstellung von Erziehung haben?» Sie muss nicht mit allem einverstanden sein, was zuhause passiert, aber Vertrauen haben, dass Eltern das Beste für das Kind wollen, und klarstellen, dass in der Schule eigene Regeln gelten. Familie und Schule sind zwei verschieden funktionierende Systeme. Diese Trennung muss man akzeptieren können.

Sind Hausaufgaben für Lehrerinnen und Lehrer ein gutes Mittel, um einen Kontakt zu den Eltern zu schaffen, oder vergrössern sie bestehende Ungleichheiten?
Hausaufgaben können beides sein, eine Möglichkeit, sich über Ziele der Lehrperson zu verständigen oder eine Quelle von Konflikten. Es ist gut, wenn Eltern über Hausaufgaben einen Einblick in die Schule erhalten. Ich sehe einen positiven erzieherischen Wert von Hausaufgaben, sofern Kinder und Eltern nicht überfordert werden. Die Schule darf nicht voraussetzen, dass zu Hause ein Dienstleistungsbetrieb vorhanden ist. Ein Teil der Eltern kann diese volle Unterstützung beim Lernen nicht leisten. Da muss die Schule sich überlegen, inwiefern sie sich an diese Schülerschaft anpassen kann. Eine einfache Variante sind Hausaufgaben, die Kinder wirklich selbst lösen können, oder Hausaufgabenstunden an der Schule. Tagesschulen oder schulergänzende Betreuung von guter Qualität sind eine kostenneutrale Möglichkeit, um Bildungsungleichheiten zu reduzieren. Oder die Lehrperson sucht mit Unterstützung der Schulsozialarbeiterin oder eines Schulpsychologen nach Unterstützungsmöglichkeiten zu Hause. Wichtig ist, dass die Lehrperson weiss, wie es zu Hause aussieht, wo das Kind arbeitet. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher auf Lehrstellensuche zu Hause keinen Computer hat, erhält er Zugang zu einem Schulcomputer nach dem Unterricht oder vielleicht einen von einem Sozialzentrum finanzierten Laptop.

Welche Rolle spielen Deutschkenntnisse der Eltern für die Unterstützung der Kinder?
Wenn Eltern aufgrund fehlender Deutschkenntnisse keine Unterstützung bei den Hausaufgaben bieten können, könnten sie in einem Hausaufgaben-Heft ankreuzen, ob Kinder die Hausaufgaben gemacht haben. Hausaufgaben müssen nicht so gestellt werden, dass Eltern sie auch verstehen. Es gibt Kinder, die ihre Eltern schon in der dritten Klasse übertreffen. Der springende Punkt ist, dass die Lehrperson ihre Vorstellungen von Kooperation transparent macht und klar kommuniziert, wie Hausaufgaben gelöst werden sollen. Und dann sorgt sie für unterstützende Massnahmen, wo es nötig ist.

Kennen Sie besonders gute Beispiele einer institutionell geregelten Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule bezüglich Hausaufgaben?
Wir haben Tagesschulen in Schweden besucht, an denen die Hausaufgaben in der Schule erledigt werden. Die Kinder können sich nach der Schule wirklich entspannen und müssen mit den Eltern nicht über Aufgaben streiten. Die Eltern werden dadurch integriert, dass das Schulhaus jeden Freitagnachmittag ab 15 Uhr geöffnet wird. Dann gibt es Kaffee und Kuchen, Tanz- und Sprachkurse. Man holt die Eltern auf eine andere Art und Weise in die Schule.

«Die Schule geht davon aus, dass Eltern Dinge wie Zeichnen, Schneiden oder Zählen vermitteln.»

Andrea Lanfranchi: «Die Schule geht davon aus, dass Eltern Dinge wie Zeichnen, Schneiden oder Zählen vermitteln.»

Über Andrea Lanfranchi

Andrea Lanfranchi verliess das Elternhaus in Poschiavo mit 16 Jahren für die Lehrerausbildung in Chur. Nach einem Jahr als Realschullehrer folgte ein Studium der Psychologie und Sonderpädagogik an der Universität Zürich. Anschliessend war Lanfranchi zehn Jahre als Schulpsychologe bei der Stadt Zürich tätig. Parallel absolvierte er eine Ausbildung zum Psychotherapeuten und promovierte an der Universität Zürich mit der Studie «Immigranten und Schule». 2002 wechselte Lanfranchi an die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH), wo er heute als Leiter der Forschung tätig ist. Er forscht im Bereich Migration, Schule und frühe Bildung. Lanfranchi leitete die viel beachtete ZEPPELIN-Studie zur Frühförderung ab Geburt.

Der 59-Jährige ist Vater von zwei erwachsenen Kindern, lebt mit seiner Frau in Meilen und geniesst in der Freizeit Langlauf, Rennrad und Jazz-Piano.

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