Das Fenster zur Schule

Hausaufgaben bergen grosses Konfliktpotential, aber auch Möglichkeiten, die der Unterricht nicht bieten kann. Zu Selbständigkeit und Motivation leiten aber nur herausfordernde Aufgaben an, die mehr als Restprodukte des Unterrichts sind.

Man könnte meinen, im Kanton Schwyz sei 1993 für viele ein Traum wahr geworden, als die Bildungsdirektion die Hausaufgaben auf der Primarstufe abschaffte. Plötzlich hatten Kinder mehr Zeit zum Spielen, Lehrpersonen mussten nicht mehr mit Diskussionen um leere Aufgabenblätter in den Morgen starten, abgeschafft war auch der Streit im Elternhaus über Aufgaben, die vor dem Freizeitprogramm zu lösen waren. Und in Untersuchungen wiesen die von den Hausaufgaben befreiten Kinder erst noch keine Leistungseinbusse auf. Schnell zeigte sich jedoch, dass die Schule ohne Hausaufgaben keiner weit geteilten Wunschvorstellung entsprach. Die Regelung wurde nach einiger Zeit an vielen Schulen unterlaufen und nach drei Jahren verlangten nicht nur Lehrpersonen, sondern auch Kinder und Eltern die Hausaufgaben zurück. «Hurra, wieder Hausaufgaben!», titelte der Tagesanzeiger, als die Bildungsdirektion die Hausaufgaben 1996 wieder einführte.

Umstrittene pädagogische Konstante
Die Schwyzer Regelung bildet historisch gesehen eine Ausnahme. Der ausgebliebene Leistungseinbruch der Schwyzer Schülerinnen und Schüler stimmt aber voll und ganz mit den Forschungsergebnissen zum Nutzen von Hausaufgaben überein. Bisher wurden keine oder nur moderate positive Auswirkungen der Hausaufgaben auf die Schulleistung gemessen. Dennoch sind Hausaufgaben nach wie vor kaum aus der Schule wegzudenken. «Die Hausaufgaben gehören zur Schule wie das Amen zur Kirche», sagt PHZH-Dozent Martin Keller, der sich seit Jahren mit dem Thema Hausaufgaben beschäftigt. «Will sich eine Lehrperson in die Nesseln setzen, erteilt sie am besten keine Hausaufgaben», verdeutlicht er die Unantastbarkeit der Hausaufgaben, die auf einer langen Tradition beruht. Bereits im 15. Jahrhundert werden Hausaufgaben in Schulordnungen erwähnt, im 18. Jahrhundert gelten sie weitgehend zu einem selbstverständlichen Teil des Unterrichts, und mit der Etablierung der eidgenössischen Volksschule finden sie Ende des 19. Jahrhunderts Eingang in die Schulgesetzgebung.
Trotz aller Kontinuität in der Praxis sind Hausaufgaben keineswegs unumstritten. Entsprechend wird das Thema immer wieder von kritischen Stimmen aufgegriffen. So äusserte sich etwa der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz unlängst kritisch zur gängigen Hausaufgabenpraxis. Im Zentrum standen dabei fehlende Chancengerechtigkeit und Konflikte im Elternhaus. Auch diese kritischen Stimmen können auf eine lange Tradition zurückblicken: Bereits Ende des 19. Jahrhunderts plädierten Pädagogen für die Abschaffung der Hausaufgaben, die zu viel Zeit in Anspruch nahmen. «Manchem haben sie Krankheit und Tod gebracht, unzählige in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung gehemmt», wetterte 1914 ein Autor im Schweizerischen Schulblatt gegen eine auf Drill und Repetition ausgerichtete Hausaufgabenpraxis. So überrissen der Ton, so treffend ist die Kritik an als Disziplinierungsmassnahme erteilten Hausaufgaben.
«Mit Hausaufgaben sollten Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiss und damit die Kardinaltugenden des industriellen Zeitalters gefördert werden», sagt Keller. Während die Förderung der Selbständigkeit ein wichtiges Ziel und damit auch eine zentrale Legitimationsquelle für das Fortbestehen der Hausaufgaben darstellt, darf eine Disziplinierung nicht als Zweck der Hausaufgaben verstanden werden. Gerade zeitintensive Übungsaufgaben, die ohne Aufsicht der Lehrperson gelöst werden, schaden Kindern nämlich. «Je mehr Zeit ein Kind für die Hausaufgaben braucht, desto schlechtere Leistungen erbringt es», fasst Keller frühe Studien zur Quantität von Hausaufgaben zusammen. Der negative Zusammenhang von Aufgabendauer und Leistung ergibt sich dabei nicht nur aus der Tatsache, dass leistungsschwächere Kinder mehr Zeit für die Hausaufgaben brauchen. Sitzt ein Kind sehr lange an Hausaufgaben, kann dies nicht nur zu Überlastungen und Einbussen der Motivation führen, auch die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Fehler eingeübt und damit verstärkt werden. «Wenn das Üben und Repetieren auf die Hausaufgaben ausgelagert wird, kann die Lehrperson gerade nicht eingreifen, wenn ein Kind Fehler macht», erklärt Keller.
Punkto Quantität gilt für die Hausaufgabenerteilung, dass alle Schülerinnen und Schüler, ob leistungsschwach oder leistungsstark, etwa gleich viel Zeit für ihre Aufgaben aufwenden sollten. Dies kann durch ein Aufgabenangebot mit fixem Zeitlimit oder binnendifferenzierten Aufgaben erreicht werden. Zudem sind Übungsaufgaben, abgesehen von Fremdsprachenfächern, grundsätzlich zu vermeiden. Der Repetition von Gelerntem sind stattdessen vorbereitende Aufgaben mit einem lebensweltlichen Bezug vorzuziehen. Werden Masse in der Mathematik eingeführt, können Kinder als Vorbereitung beispielsweise ihren Schulweg messen. Wird ein historisches Thema aufgegriffen, ist ein Interview mit einer älteren Person aus der Familie oder Bekanntschaft denkbar. «Lehrpersonen müssen die Aufgaben zurück in die Schule holen», sagt Keller. Erst wenn Aufgaben nicht einfach nur korrigiert retourniert werden, sondern im Unterricht aufgegriffen und weiterverwendet werden, tragen sie wirklich zum Lernprozess bei. Damit verbunden ist allerdings eine intelligente Planung. Denn herausfordernde, motivierende und somit gute Hausaufgaben sind nie Restprodukte des Unterrichts, die am Ende einer Lektion erteilt werden.

Mittel zur Selbstkontrolle
Einen ungewöhnlichen Weg der Hausaufgabenkontrolle ging Felix Haas, langjähriger Lehrer auf der Sekundarstufe B und heute Mentor an der PH Zürich. Statt fehlende Hausaufgaben auf den nächsten Tag einzufordern, übergab er den Schülerinnen und Schülern die Verantwortung für das selbständige Arbeiten zuhause bis zu einem Abgabetag vor den Ferien. An den Freitagen vor den Ferien mussten sämtliche Absenzen entschuldigt und Prüfungen unterschrieben sein, Aufgabenblätter und Hefte vollständig und verbessert vorliegen. Wer alles abgegeben hatte, durfte in die Ferien, der Rest arbeitete weiter, auch einmal bis um 22 Uhr mit einem Unterbruch durch den Pizzakurier. «Weil das Verlangte wirklich eingefordert wurde, entstand eine echte Verbindlichkeit», erklärt Haas. Während Schülerinnen und Schüler unerledigte Hausaufgaben mit einem Eintrag ins Kontaktheft meist für erledigt hielten, hätten sie die Konsequenzen am Abgabetag zu spüren gekriegt. Haas’ Methode rührt daher, dass er Hausaufgaben als wichtiges Mittel zur Förderung von Selbstkontrolle und Selbstregulation betrachtet. Insbesondere bei Jugendlichen, wo der Druck bei der Lehrstellensuche zunehme, während die Peer Group wichtiger als die Schule ist, werde Impulskontrolle zum zentralen Thema. «Ohne Hausaufgaben findet keine Auseinandersetzung mit der Organisation von Freizeit und Lernen statt», sagt Haas. Oder positiv ausgedrückt, lernen Kinder und Jugendliche über Hausaufgaben, etwas Gefordertes zu tun, auch wenn sie lieber etwas anderes machen würden und auch tatsächlich etwas anderes machen könnten. Dazu brauchen einige Jugendliche Unterstützung durch die Lehrperson oder ihre Peers. Viele von Haas‘ Schülerinnen und Schüler meldeten sich nach ersten frustrierend langen Abgabetagen vor den Ferien für ein Coachinggespräch, bei dem sie sich über eigene Wunschvorstellungen eines perfekten Umgangs mit Hausaufgaben individuelle Strategien zur Selbstmotivation und -organisation erarbeiteten. Bisweilen gaben auch ehemalige Schülerinnen und Schüler, die am Abgabeabend vorbeikamen, bewährte Strategien weiter.

Schaufenster zur Schule
Neben der Förderung von Selbständigkeit und Motivation haben Hausaufgaben eine wichtige Funktion als Verbindung zwischen Schule und Elternhaus. Barbara Zumsteg, Dozentin für Bildung und Erziehung an der PH Zürich, beschreibt Hausaufgaben auch als Schaufenster, durch das Eltern einen Einblick in den Unterricht erhalten. Einen Einblick, der allerdings auch trügerisch sein kann. «Viele Eltern verstehen die Hausaufgaben ihrer Kinder nicht richtig», sagt Zumsteg. Dass sie ihren Kindern in diesem Fall mit ihrer Unterstützung bei den Hausaufgaben nicht helfen, versteht sich von selbst. Ohnehin ist eine starke Einmischung bei den Hausaufgaben von Seiten der Eltern nicht förderlich. «Emotionale Unterstützung und ein Interesse der Schule gegenüber sind generell positiv für die schulische Entwicklung», sagt Zumsteg. Ungefragt Hilfe anzubieten oder das Kind bei den Hausaufgaben zu kontrollieren, verhindere aber das selbständige Lernen. Wenn ein Kind nicht mehr weiterkomme und nach Hilfe verlange, könne man es aber durchaus unterstützen.
Gemäss Lehrplan müssen Hausaufgaben «ohne fachliche Hilfe der Eltern lösbar» sein. In der Praxis benötigen dennoch viele Kinder Unterstützung bei den Hausaufgaben. Da diese qualitativ sehr unterschiedlich ausfällt, können Hausaufgaben gemäss Zumsteg bestehende Chancenungleichheiten tendenziell eher verstärken. Auch können Ungleichheiten dadurch verstärkt werden, dass nicht allen Kindern ein ruhiger Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Hausaufgabenstunden, die von immer mehr Schulen angeboten werden, wirken dem ein Stück weit entgegen. «Viele Eltern empfinden ein solches Angebot auch als entlastend», sagt Zumsteg in Hinsicht auf Konflikte im Elternhaus.
Um Ungerechtigkeiten zu vermeiden, müssen Lehrpersonen auch sicherstellen, dass den Kindern für die Lösung der Aufgaben alle nötigen Mittel zur Verfügung stehen. Denn nicht nur Computer, sondern auch Bücher oder Bastelmaterial sind keineswegs selbstverständliche Teile jedes Haushalts. Zumsteg erwähnt das Beispiel eines Kindes, das in Tränen ausbrach, weil es keine Joghurtbecher mitbringen konnte, wie dies seine Lehrerin verlangt hatte. Grundsätzlich rät Zumsteg Lehrpersonen, sich mit der eigenen Klasse explizit über Hausaufgaben und wie diese gemacht werden sollen, auszutauschen. So profitieren Schülerinnen und Schüler gegenseitig von Lernstrategien, und Lehrpersonen können Umfang und Niveau besser abschätzen.

Aufgabenfreier Monat
Einen Schritt weiter ging die Schulleitung der Primarschule Andelfingen: Sie holte nicht nur die Meinung von Schülerinnen und Schülern zu Art und Menge der Hausaufgaben ein, sondern auch jene von Eltern und Lehrpersonen. Ausschlaggebend waren verunsichernde Rückmeldungen von Eltern: Beklagten sich die einen bei der Klassenlehrerin über zu wenig Hausaufgaben, meldeten andere, ihr Kind sei überlastet. Eltern mit mehreren Kindern an derselben Schule beschwerten sich wegen unterschiedlicher Aufgabenpensen ihrer Kinder. Diese Verunsicherungen, vor allem auf Elternseite, wollte man so nicht stehenlassen. So nahm die Andelfinger Schulleitung das Thema im Rahmen der Schulentwicklung auf. Mit einer einfachen Regelung fand sie eine konstruktive Antwort auf die Bedürfnisse aller Beteiligten: Der Mittwochnachmittag wurde für die Unterstufe als Hausaufgaben-frei erklärt, und im Dezember, der für manche Familien ein eher stressiger Monat ist, wurden auf allen Stufen keine Hausaufgaben erteilt – nur das Wörterlernen wurde dabei ausgeklammert. «Wir erhielten sehr gutes Feedback, besonders von Eltern, die mit ihren Kindern wegen der Aufgaben grosse Probleme haben», erklärt Karin Wolfer, Co-Schulleiterin. Die Regelung sei auch ein Signal an die Eltern gewesen, dass die Schule das Thema ernst nehme. Laut Wolfer fehlen die gestrichenen Aufgaben im Unterricht überhaupt nicht. Dafür bleibt den Kindern neben den zum Teil dichten Freizeitprogrammen freie Zeit. Wenn weniger Hausaufgaben verteilt werden, kommt es laut Wolfer auch weniger vor, dass sich Lehrpersonen Hausaufgaben aus den Fingern saugen müssen. Täglich gute Hausaufgaben auszudenken, braucht nämlich nicht nur viel Zeit, sondern auch Ideen. Ihr Team, dem der gemeinsame Rahmen Sicherheit gibt, tauscht sich daher auch vermehrt über gute Hausaufgaben aus.
Letztlich unterscheidet sich eine gute Hausauf-gabe auch gar nicht so stark von einer guten, kompetenzorientierten Aufgabe im Unterricht. An der PH Zürich gehören in der Ausbildung Hausaufgaben deshalb wie die Auseinandersetzung mit der Frage nach der guten Aufgabe für den Unterricht zu jenen Querschnittsthemen, die in verschiedenen Modulen und in unterschiedlichen Zusammenhängen Eingang finden.

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