Dank Mentoring mehr Chancen fürs Leben

Im Rahmen des Programms «Future Kids» unterstützen Studierende Primarschülerinnen und -schüler aus benachteiligten Familien. Darunter sind auch viele Studentinnen und Studenten der PH Zürich. Sie vermitteln den Kindern Techniken zum eigenständigen Lernen – unter anderem anhand von Hausaufgaben. Auf Hausbesuch mit den Studierenden Timothy Parsons und Jasmin Weber.

Ein Töggelikasten, Vorhänge mit dem Emblem des FC Barcelona, auf dem Pult eine Schreibunterlage mit Porträts von Messi und Neymar. Hier wohnt der 6. Klässler Petrit. Er sitzt gerade mit Timothy Parsons am Pult. Sie tauschen keine Fussballbildli aus, sondern Erlebnisse der Woche. Timothy Parsons ist PHZH-Student im 3. Semester und Mentor von Petrit. «Was hast du seit meinem letzten Besuch erlebt?», fragt er den Jungen. Einmal pro Woche und für die Dauer eines Jahres besucht der Student den Zwölfjährigen in dessen Zuhause in Zürich-Oerlikon, um ihn während einer Stunde beim Lernen zu unterstützen und zu fördern. Die zwei machen einen vertrauten Eindruck. Sie sind Teil des 2010 gestarteten Programms «Future Kids» der Zürcher Fachorganisation AOZ. Diese arbeitet mit Deutschschweizer Hochschulen und der PH Zürich zusammen. Ziel des  Programms ist es, Primarschülerinnen und -schüler aus benachteiligten Familien, oft mit Migrationshintergrund, beim schulergänzenden Lernen individuell zu begleiten. Dabei soll auch die Integration gefördert werden.
Mit der Frage nach den Erlebnissen des Buben zielt Timothy nicht allein auf die Schule ab. Fast wie ein grosser Bruder zeigt er Interesse für die privaten Unternehmungen des Jungen. «Freust du dich auf deine Geburtstagsparty?», erkundigt sich der Student. Zwischen den beiden kommt mühelos ein Gespräch in Gang. Das war nicht immer so. Zu Beginn des Mentorings gab es gewisse Schwierigkeiten. «Wir mussten zuerst unsere Erwartungen klären», sagt Timothy Parsons. Petrit wollte Schulstoff lernen, sein Mentor übergeordnet arbeiten. «Erst wollte ich klären, wo er steht, wie er sich organisiert, was er gerne macht und wie ich ihn weiterbringen kann.» Die beiden haben sich darauf geeinigt, dass Petrit jeweils seine konkreten schulischen Bedürfnisse nennt und der Student darauf eingeht. «Unser Treffen soll ihm auch diesen Nutzen bringen.» Dazu gehört auch mal das Lernen auf Prüfungen oder die Unterstützung bei Hausaufgaben. Heute zeigt Timothy Parsons dem Jungen eine Sprach-App, die er für ihn entdeckt hat. Er möchte anschliessend seine Wochenplanung sehen und erkundigt sich nach dem Ausgang eines Englischtests.

Erst die Beziehung ermöglicht die Unterstützung
Der Student arbeitet mit seinem Schützling gezielt auch an der Beziehung. Auf einem sommerlichen Ausflug in einen Park taten sie nichts anderes, als Karten zu spielen. «Petrit fand das schön und es half uns, eine Beziehung aufzubauen.» Für ein gelingendes «Future Kids»-Mentoring ist die Beziehungsgestaltung zwischen dem Kind und dem Mentor oder der Mentorin zentral. Zu diesem Schluss kommt auch die PHZH-Begleitstudie «Lernen mit Spass», welche 2016 das Mentoring-Programm aus Sicht der Kinder untersuchte.
Derzeit beteiligen sich 76 Mentorinnen und Mentoren am Programm: Rund 40 Studierende sind es von der Uni Zürich, ein halbes Dutzend kommen je von ETH und ZHAW. 23 Mentorierende stellt die PH Zürich. Laut Zeliha Aktas von der PHZH absolvieren 19 Studierende das Programm als Modul im Rahmen ihrer Ausbildung. «Future Kids ermöglicht ihnen, bereits während des Studiums ein fremdsprachiges Kind zu unterrichten. Diese Erfahrung ist sehr wertvoll», erklärt die Modulleiterin.
«Wollen wir mit der Agenda weiterfahren?», fragt der Student den 6. Klässler jetzt. Ihm ist es ein wichtiges Anliegen, dem Jungen mehr und mehr die Verantwortung für das Lernen und die Lernorganisation zu übertragen. Er könne, so Timothy Parsons, Petrit lediglich aufzeigen, wie man sich organisiert, einen Lernplan erstellt oder welche Lernstrategien es gibt. «Die Umsetzung liegt an ihm.» Eines der Ziele von «Future Kids» ist es, während der Lernbegleitung die Selbstwirksamkeit und damit auch die Selbstsicherheit und das Selbstvertrauen zu stärken. Die Schüler sollen beim Lernen ihre Fortschritte erkennen können, damit sie ein Gefühl des Erfolges erleben.
Während Petrit und sein Mentor nun auf spielerische Art eine kurze Geschichte erfinden, sitzt Petrits Vater im Wohnzimmer bei einer Tasse Kaffee. Der Albaner ist seit 1993 in der Schweiz und arbeitet im Schichtbetrieb. Seine Frau ist gerade ausser Haus an der Arbeit. Dem Vater ist bewusst, dass die Chancen auf eine Berufslehre besser stehen für Jugendliche mit einer erfolgreichen Schulkarriere. Er will, und das ist spürbar, dass sein Sohn, der in der Freizeit in einem Club Fussball spielt und den Gitarrenunterricht besucht, gut in der Schule ist.

Kinder erleben Druck, in der Schule zu reüssieren
In der PHZH-Begleitstudie erwähnen die befragten Kinder den Druck seitens Eltern, Verwandten, aber auch sich selber, in der Schule zu reüssieren. Petrits Vater kann seinen Sohn zu wenig unterstützen. Damit ist er nicht allein. Laut der Studie ist «allen Kindern der Studie gemein, dass sie zuhause wenig bis keine schulische Unterstützung erhalten.» Nicht, dass die Eltern diese nicht leisten wollten. Doch fehle es ihnen wegen oft grosser Arbeitsbelastung an der Zeit und den Sprachkenntnissen, häufig auch an der erforderlichen Bildung.
Petrits Vater glaubt daran, dass das Mentoring seinem Sohn hilft, auch wenn sich die Unterstützung nicht gleich in besseren Noten niederschlägt. Im Verhalten aber schon. «Petrit ist reifer und sicherer geworden», sagt der Vater. Auch der Lehrer sei zufrieden: «Petrit zeigt mehr Interesse und macht überall mit.» Diese Aussagen decken sich mit der Selbsteinschätzung des Jungen. «Ich lese mehr Bücher, bin besser beim Voci-Lernen und habe vor Tests ein besseres Gefühl», fasst er seine Fortschritte zusammen.

«Horizonterweiterung» für die Mentorierenden
Auch die PHZH-Studentin Jasmin Weber engagiert sich bei «Future Kids». Sie war sofort begeistert, als sie zum ersten Mal von dem Programm erfuhr. «Ein sinnvolles Projekt, hinter dem ich stehen kann», sagt sie. Anstatt irgendeiner Institution Geld zu spenden, helfe sie lieber selber ganz konkret. Jasmin Weber ist wie Timothy Parsons seit Frühjahr 2016 Mentorin. Sie begleitet Lea aus dem Kosovo, die nun in die 3. Klasse geht.
Vor Beginn der Mentoratstätigkeit werden die Studierenden in einer eintägigen Schulung auf ihre Aufgaben vorbereitet. «Themen wie Mehrsprachigkeit und das Vermitteln von Lernstrategien stehen dabei im Vordergrund», sagt Beren Tuna, «Future Kids»-Mitarbeiterin bei der AOZ. Zudem würden die Mentorinnen und Mentoren regelmässig durch erfahrene Fachpersonen gecoacht. Die Studierenden würden insbesondere dadurch profitieren, dass sie sich persönlich mit einer anderen Lebensrealität auseinandersetzen. Das Interesse, am Programm mitzumachen, sei gross und es würden sich relativ einfach geeignete Studierende finden. «Viele zeigen eine grosse Bereitschaft, sich sozial zu engagieren.»
Lea empfängt ihre Mentorin strahlend an der Wohnungstür im zürcherischen Oberglatt und überreicht ihr noch auf der Schwelle ein Geburtstagsgeschenk. Im Wohnzimmer setzen sie sich an den Tisch. Gleich wie ihr Kollege beginnt Jasmin Weber die Stunde mit Fragen zur vergangenen Woche und erklärt der 9-Jährigen, woran sie heute arbeiten werden. Dabei holt sie stets Leas Einverständnis ein oder lässt ihr eine Wahl: «Möchtest du jetzt lieber Mathe und danach Englisch machen?» Das Mädchen wählt Englisch. Die Mentorin gibt Lea Anweisungen in dieser Sprache, die das Mädchen in der Stube ausführen soll. Um mehr Schwung in die Stunde zu bringen, spielen sie ein Pferderennen, galoppieren durch den Raum, springen über imaginäre Hürden. Lachend klatschen sie ab. Es ist offensichtlich: Lea macht die Arbeit in dieser Form Spass.

Beteiligte treffen sich regelmässig zum Austausch
Die Studentin richtet ihr Augenmerk vor allem auch auf die Selbständigkeit und die Sicherheit des Mädchens. «Sie soll keine Angst mehr haben, wenn sie etwas nicht weiss, sondern lernen, sich selber zu helfen.» Laut der PHZH-Studie schafft die Eins-zu-eins-Betreuung einen idealen Rahmen, in welchem sich die Kinder weder schämen noch ängstigen müssen, etwas falsch zu machen. Ihre Mutter, eine Albanerin, kann Lea aufgrund der fehlenden Deutschkenntnisse nicht unterstützen. Deshalb erhielt die Primarschülerin bereits vor dem Mentorat Hilfe von einer Nachbarin. «Diese Unterstützung brauchen wir jetzt nicht mehr», zeigt sich die Mutter glücklich. Leas Deutsch habe sich verbessert, und sie gehe nun gerne in die Schule. Inzwischen naht das Ende der Stunde. Die Studentin prüft zum Schluss das Leseverständnis des Mädchens, indem es einige Fragen schriftlich beantworten soll. Lea wirkt nun etwas unkonzentriert, lenkt ab, spielt mit dem Radiergummi. «Den letzten Satz schaffst du noch», motiviert Jasmin.
Für die Studentin geht ein langer Tag zu Ende. Eine Pendenz ist noch zu erledigen. Wie alle Mentoren muss sie den Begleitprozess nach den Besuchen jeweils in einem Lernjournal festhalten. Dieses ist auf einer Onlineplattform gespeichert, auf die auch die AOZ-Coaches und Klassenlehrpersonen der begleiteten Kinder Zugriff haben. Lehrerinnen und Lehrer hinterlegen dort die Lernziele, an denen sich die Studierenden orientieren. Einmal jährlich treffen sich Mentor, AOZ-Coach, die Lehrperson, das Kind und ein Elternteil zu einem Auswertungsgespräch. «Mir macht diese Arbeit Freude», resümiert Jasmin Weber.
«Future Kids» arbeitet aktuell mit fünf Primarschulen im Kanton Zürich zusammen, von denen vier QUIMS-Schulen sind. Bei «Future Kids» verläuft der Zugang zu den Kindern über die Schule bezieungsweise über die Klassenlehrerinnen und -lehrer. Eine Vereinbarung zwischen der AOZ und der jeweiligen Schule hält die gegenseitigen Verpflichtungen fest. Laut Thomas Schmutz, Kommunikationsbeauftragter der AOZ, bezahlen die Schulen einen relativ geringen Beitrag pro Kind. «Den Grossteil der Kosten trugen bisher Stiftungen, die Stadt Zürich sowie vom Kanton Zürich der Lotteriefonds und das Volksschulamt.» Seit dem Start von «Future Kids» im Jahr 2010 wurden bislang rund 190 Kinder betreut. «Schätzungen gehen davon aus, dass im ganzen Kanton Zürich rund 3500 benachteiligte Primarschüler und -schülerinnen sinnvoll von einem Mentoring profitieren könnten.» Dafür reichen die heutigen Ressourcen natürlich nicht aus. Aber: Laut Thomas Schmutz wird 2017 mit dem Volksschulamt geklärt, wie ein weiteres Wachstum in die Wege geleitet werden kann.

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