Vom einstigen Vorbild zum Problemfall

Uganda galt in Afrika einmal als Vorbildnation in Sachen kostenlose Bildung. Doch heute fehlt es in den Staatsschulen an Schülern und an Lehrern, denn es werden aus Geldmangel versteckte Gebühren erhoben und die Lehrer dennoch miserabel bezahlt. Ugandas Präsident hat jetzt seine Frau zur Bildungsministerin ernannt, um den Kollaps zu verhindern.

Aus den Klassenzimmern hallen Stimmen: A, B, C, D … singen die Erstklässler der Kampala Pupils Grundschule. 35 Jungen und Mädchen sitzen in rot-weißen Uniformen auf den Bänken. Die staatliche Grundschule liegt am Stadtrand von Ugandas Hauptstadt Kampala inmitten eines Armenviertels. Die Kinder sind voller Eifer dabei. «Doch die meisten von ihnen werden bald nicht mehr kommen können», klagt Schuldirektor Edward Ssekandi. Ein Großteil sei zu arm, für all die notwendigen Materialien aufzukommen: «Das ist für die Kinder eine schmerzhafte Erfahrung».
Uganda war in Sachen Bildung stets Vorbild in Afrika. Bereits 1997 wurde die kostenlose Grundschulbildung eingeführt. Für Millionen von Kindern ging ein Traum in Erfüllung. Von rund drei Millionen 1998 wuchs die Zahl der Schüler auf 8,4 im Jahr 2013 an. Mittlerweile werden 90 Prozent der Kinder eingeschult. Damit erfüllt das Land die von den Vereinten Nationen aufgestellten Milleniumsziele. Seit 2011 nimmt es teil am Weltbankprogramm zur Globalen Partnerschaft für Bildung. Dafür bekam die Regierung 100 Millionen Dollar für den Zeitraum 2014 bis 2018: für Lehrmaterialien, für Fortbildung von 2600 Lehrern und zum Bau von 200 Schulen. Doch noch immer ist keine einzige neue Schule errichtet worden.

Monatslohn unter 100 Franken
Ugandas Erfolgsgeschichte ist damit zu Ende. Obwohl die Regierung 17 Prozent ihres Jahresbudgets in Bildung investiert, schließen laut UNESCO-Angaben fast 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler nie die 7-jährige Grundschule ab. Höhere Abbruch-Raten gibt es nur im Tschad: Mit 72 Prozent ist sie dort die höchste in Afrika. Besonders hoch ist der Anteil an Mädchen. Sie können sich keine Hygienebinden leisten oder werden schwanger. Sexualunterricht ist tabu.
In einer Evaluation kam jetzt zutage: Acht von zehn Grundschullehrern können weder ausreichend lesen noch einfache Mathematikaufgaben lösen. Die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer hat gar keine pädagogische Ausbildung. Der amtierende Vizedekan von Ugandas staatlicher Universität Makerere, immerhin auf Platz drei der besten Hochschulen Afrikas, sagt: «Ugandas Bildungssystem steht kurz vor dem Kollaps».
Der Monatslohn von Lehrpersonen beträgt nicht einmal 100 Franken. Aus diesem Grund bevorzugen sie es, an Privatschulen zu unterrichten, die deutlich mehr Gehalt bezahlen und wo die Grundausstattung besser ist: von den Schulmaterialien bis hin zu den Toiletten. Margaret Rwabushaija, Vorsitzende des Lehrerverbandes, fordert, den Haushalt der staatlichen Schulen zu erhöhen. Pro Kind erhält eine Schule zurzeit umgerechnet rund drei Franken. «Wie kann man von einem Schuldirektor verlangen, mit so wenig Geld eine Schule zu leiten?»
Edward Ssekandi, der Direktor der Kampala Pupils Grundschule, beispielsweise sieht sich deshalb gezwungen, versteckt Gebühren zu erheben. Zu Schuljahresanfang verteilt er Listen, was jedes Kind mitbringen muss, um die Schule zu unterhalten: einen Besen, vier Rollen Klopapier, fünf Kilo Zucker, drei Stück Seife, fünf Stück Tafelkreide. Wenn Renovierungen am Gebäude anstehen, verlangt er Zement oder Wandfarbe. So verkauft der Schulleiter dann teilweise Zucker auf dem Markt, um die miesen Gehälter aufzustocken. Wenn er das nicht tut, müssen Lehrerinnen und Lehrer einem zweiten Job nachgehen, um ihre eigenen Kinder zur Schule schicken zu können.
Für viele Eltern ist das zu teuer. Und wer Geld hat, schickt seinen Nachwuchs lieber auf eine Privatschule, wo nach britischem Curriculum gelehrt wird, es gibt Computer mit Internetverbindung, Sportanlagen und Schachmeisterschaften. Zwischen Privat- und Staatsschulen liegen Welten.

Bildung als Weg aus der Armut
Vor wenigen Jahren ließ sich die Regierung auf eine Private Public Partnership (PPP) ein, um die Bildungslücke zu schließen. Der US-Konzern Bridge International Academies baut seit 2009 in Afrika Schulen: in Kenia, Liberia, Uganda. Angestellten, die keine Lehrerausbildung haben, verlesen von einem Tablet Unterrichtseinheiten – das soll billige Bildung garantieren. In Uganda haben Schulinspektionen ergeben, dass an den 63 Bridge-Schulen schlimme hygienische Bedingungen herrschen. Sie sollen jetzt dichtgemacht werden.
Um den Bildungssektor grundlegend zu reformieren, hat Präsident Museveni seine Ehefrau, Janet Museveni, zur Bildungsministerin erkoren. Der Sektor, so der Präsident, sei geprägt von Misswirtschaft. Doch Bildung sei wichtig, um die Ölförderung anzugehen, mit welcher er sein Land nach 30 Jahren an der Macht endlich aus der Armut heraus retten will. Die frisch gebackene Bildungsministerin hat selbst erst im Alter von 67 Jahren ihren Master nachgeholt. Im Mai wurde sie Ministerin. Im August lud sie ins Luxushotel am Golfplatz ein. In ihrer Rede versprach sie den Lehrerinnen und Lehrern Lohnerhöhungen von 50 Prozent, verlangte dafür aber stetige Anwesenheitspflicht. Den Eltern versprach sie, dass es bald in jeder Gemeinde eine staatliche Grundschule gibt, in jedem Landkreis eine Sekundarschule. Den Schülerinnen und Schülern versprach sie Computer in den Klassenzimmern. Für die Kinder in der Kampala Pupils Grundschule klingt dies wie ein ferner Traum: Da gibt es keinen Stromanschluss, ja nicht einmal eine Glühbirne.

Im Rahmen der Serie «Schule in aller Welt» haben wir an dieser Stelle jeweils exemplarisch eine Schule aus dem Norden, Osten, Süden und Westen der Welt vorgestellt. Dieser Beitrag bildet den Abschluss der Serie.

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