«Fritz, auch du!»

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler - Unter vier Augen

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Ruedi Isler: In einer Lektionsbesprechung mit Studierenden kamen wir kürzlich auf die Disziplin im Schulzimmer zu sprechen. Da sagte die Praktikumslehrerin den Dreiwortsatz: «Klassenführung ist Beziehungsarbeit!» Kannst du meine grosse Freude darüber verstehen?
Mario Bernet: Ja. Und doch: Wenn junge Lehrpersonen scheitern, dann liegt es nicht an der mangelnden Bereitschaft, Beziehungsarbeit zu leisten, sondern an Banalerem. Das Unterrichten ist immer mit erheblicher Unruhe verbunden, und es braucht neben dem pädagogischen Ethos ein Handwerk, um diese Unruhe fruchtbar zu machen. Da hilft der Dreiwortsatz wenig.
Isler: Ich muss die Erklärung für mein gutes Gefühl noch etwas erläutern. Immer stärker stelle ich in den letzten Jahren zweierlei fest: Zuerst einmal glauben viele Studierende, Klassenführung bestehe aus kurzen, harschen Zwischenrufen wie «Fritz, auch du!». Dazu kommt, dass diese angehenden Kolleginnen und Kollegen heute nicht mehr über sich selbst erschrecken, wenn sie schroff dreinfahren. Da sind wir in der Pflicht, ihnen ein bisschen mehr beizubringen als ein paar technische Ablaufdetails von Unterricht.
Bernet: Klassenführung hatte ich immer so verstanden: Es braucht eine Technik des Unterrichtens – also Didaktik –, damit die lauten Töne nicht nötig werden. Die Kinder merken, dass sie ernstgenommen werden, dass der Gegenstand nützlich oder gar interessant ist – und sie wissen, was zu tun ist. Konstatierst du tatsächlich unter den Lehrpersonen eine «neue Schroffheit»?
Isler: Ja, und einen fatalen Glauben daran, dass Didaktik für eine ruhige Lernatmosphäre im Klassenzimmer verantwortlich ist: Wenn ich nur das Niveau treffe, die richtige Aufgabe stelle, einen kognitiven Konflikt erzeuge – dann läuft’s rund. Pädagogik: eigentlich unnötig! Dass es in der Schule um einen Bezug zwischen Menschen geht, um soziale Prozesse, um einen Dialog, der letztlich eine beziehungsbasierte Lernatmosphäre erzeugt, gerät aus dem Blick. Wieder mehr «Ich und Du», würde ich mit Martin Buber, dem für die Pädagogik des 20. Jahrhunderts so bedeutenden Philosophen, sagen!
Bernet: Dass ich mit Martin Buber im Rucksack den Draht zur Jugend finden würde, fand ich damals auch, als ich mich zum Lehrer ausbilden liess. Ich sträubte mich gegen die technischen Aspekte der Klassenführung. Der Berufseinstieg liess mich pragmatischer werden: Wenn ich den Unterricht gut organisiere, kann auch mehr durchscheinen von dem, was du mit «Ich und Du» ansprichst.
Isler: Da liegst du voll im Trend! Organisation von Unterricht, methodische Varianten, didaktische Analysen und kognitionspsychologische Raffinessen beherrschen das Feld der Lehrerbildung. Wie ich eine tragfähige Beziehung zu meiner Klasse und den einzelnen jungen Menschen in ihr aufbaue, müsste als Antwort auf diesen Trend mehr Gewicht bekommen. Carl Rogers? Nie gehört, oder was?
Bernet: Was du «Trend» nennst, sehe ich eher als Notwendigkeit. Ich gebe dir aber Recht: Die Kinder wollen – und sollen – den Menschen in der Lehrperson erfahren. Alles Didaktische ist dieser Tatsache untergeordnet. Doch erst wenn ich das didaktische Werkzeug kenne, kann ich zu Wesentlicherem fortschreiten – und damit zum Aufbau tragfähiger Beziehungen.

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Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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