«Diesen Beitrag kann nur ein Klassenlager leisten»

Für Lehrpersonen bedeuten Lagerwochen viel Vorbereitungsarbeit, stetige Präsenz und kurze Nächte. In der Studienwoche «Klassenlager» werden die Studierenden der PH Zürich auf diese Herausforderungen vorbereitet. «Akzente» hat zugeschaut.

Es riecht nach Kuhmist, und Fliegen surren durch die warme Luft. Die drei Studierenden Sandrina Glaus, Luki Kindler und Alexandra Kälin haben sich nach draussen an einen rustikalen Holztisch gesetzt. Ihre Haare sind noch nass, sie sind soeben vom Baden im Bichelsee zurückgekehrt. Ihre Aufgabe: Sie müssen den Ausflug vom nächsten Donnerstag mit der 6. Klasse Kollbrunn planen. Vorgesehen sind Bikespiele am Morgen und der Besuch eines Bikeparks am Nachmittag.
Das erste Mal weg von zuhause, das erste Heimweh, der erste Kuss – Klassenlager sind Wochen der Premieren. Die 21 Studierenden der PH Zürich, die in dieser Augustwoche fünf  Tage im Pfadiheim Holzmishus im thurgauischen Eschlikon verbringen, wissen das. Sie kennen die Ämtchenpläne, die Wanderausflüge und die Discoabende, denn sie alle haben in ihrer Schulzeit an einem Skilager, einer Projektwoche oder einer Maturreise teilgenommen. Viele von ihnen waren jedoch noch nie in der Rolle als Lehrperson in einem Lager. In der Studienwoche «Klassenlager», welche die Studierenden der PH Zürich zwischen dem 4. und dem 5. Semester in der Abteilung Primarstufe absolvieren, lernen sie erstmals, wie sie ein Lager selber gestalten können – und erleben damit erneut eine Woche voller neuer Erfahrungen.
Ein Lagerprogramm ist vielfältig. Dies zeigt sich an diesem Dienstagnachmittag auch auf der Wiese vor dem Pfadiheim. In verschiedenen Gruppen haben sich die Studierenden ins Gras gesetzt, um die Projekte vorzubereiten, die sie in dieser Woche durchführen werden. Eine Gruppe bespricht die Wanderung auf das Hörnli, eine andere organisiert die Lagerolympiade im Anschluss. Drei Gruppen planen Programme für den Tag, den die Studierenden mit der 6. Klasse Kollbrunn verbringen werden. Dazu gehören zehn Studentinnen, die sich Spiele und Tänze für den Abend überlegen. Und Luki Kindler, Sandrina Glaus und Alexandra Kälin, welche für das Programm am Vor- und Nachmittag verantwortlich sein werden.
Angeregt diskutieren die drei Studierenden, welche Bikespiele sie am Donnerstag mit den Schülerinnen und Schülern spielen werden. Sieben Posten wollen sie vorbereiten. Die Herausforderung: Die Posten sollen so gestaltet sein, dass ihre Schützlinge stets motiviert bleiben. Die Spiele sollen also weder zu einfach noch zu schwierig sein. Als Inspiration dient ein kleines Büchlein mit Velospiel-Ideen. Und die eigene Erfahrung: Viele der Spiele haben die Studierenden am Vortag selber ausprobiert. «Schnappball ist nicht optimal zum Anfangen», meint Iris Bättig-Welti, die sich zusammen mit Jörg Stähli zu den Studierenden gesetzt hat. Iris Bättig-Welti ist Klassenlehrerin der 6. Klasse Kollbrunn und arbeitet wie der Primarlehrer Jörg Stähli mit einem Teilzeitpensum an der PH Zürich. Die beiden leiten die Studienwoche. «Macht doch ein Lawinenfangis», schlägt Jörg Stähli vor.

Weit mehr als Planung von Spielen
Jörg Stähli und Iris Bättig-Welti unterstützen die Studierenden in dieser Woche nicht nur beim Planen ihrer Gruppenprojekte. Im Rahmen kurzer Input-Referate geben sie ihre Erfahrung und ihr Wissen zur Organisationsstruktur einer Lagerwoche weiter. Denn zur Gestaltung eines Klassenlagers gehört weit mehr als nur die Planung von Spielen. Bereits ein Jahr vor dem Lager muss eine passende Unterkunft gesucht und reserviert werden. In den folgenden zwölf Monaten wird ein Budget aufgestellt, Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden geregelt, ein Programm wird festgelegt, allfällige Notfälle werden durchdacht, Eltern informiert und Anmeldungen entgegengenommen. Ausserdem müssen Lagerhaus, Umgebung und Ausflugziele frühzeitig rekognosziert werden.
Sandrina Glaus, Alexandra Kälin und Luki Kindler kennen ihr Ausflugsziel vom nächsten Donnerstag nicht. Iris Bättig-Welti und Jörg Stähli haben den Sportplatz in Töss bei Winterthur, auf welchem sich der Bikepark befindet, vorab erkundet. «Das macht es schwierig. Wir haben den Park noch nie gesehen», sagt Sandrina Glaus. Die fehlende Rekognoszierung ist nicht die einzige Schwierigkeit. Alexandra Kälin befürchtet, dass das geplante Programm ein bisschen zu viel sein könnte für die Kinder. Man müsse bedenken, dass die Kids am Morgen mit dem Velo von Kollbrunn zum Sportplatz fahren, dann den ganzen Tag spielen und am Ende des Tages wieder zurückfahren werden, argumentiert sie. «Wir müssen bei der Velotour einfach das Tempo anpassen», entgegnet Jörg Stähli.

Einziges Lager mit einer Schulklasse
Zwei Tage später. Bereits am Morgen scheint die Sonne heiss auf die von Wald umgebenen Fussballfelder, den Spielplatz, den Bikepark und den grossen Parkplatz, auf dem die 21 Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse Kollbrunn ihre Runden drehen. Die Kinder und die 21 Studierenden haben den Sportplatz in Töss bei Winterthur eine Viertelstunde früher als geplant erreicht. Um Viertel vor zehn starten sie mit dem Lawinenfangen, dann gehen sie in Dreiergruppen zu den Spielen an den sieben Posten über. Jedes Kind wird von einem Studierenden begleitet.
Luki Kindler bildet zusammen mit zwei Mitstudentinnen und den 6. Klässlern Matthias, Jonas und Severin die «Turbo-Gruppe», wie sie sie hier alle nennen. Auf Empfehlung von Klassenlehrerin Iris Bättig-Welti wurden drei sportliche Kinder diesem Team zugeteilt. Dass sie Übung haben im Velofahren, beweisen die Schüler bereits beim ersten Posten, bei dem es darum geht, eine Ziellinie als Letzter zu überqueren. Im Zeitlupentempo treten die drei in die Pedalen, bremsen immer wieder kurz ab und balancieren so lange wie möglich auf der Stelle. Severin, dessen Mountainbike die dicksten Pneus hat, gewinnt die ersten Runden. Seine Mitschüler sind chancenlos. Jörg Stähli ist dies nicht entgangen. Der geübte Biker fordert den 12-Jährigen zum Duell auf und gewinnt prompt. «Gut gemacht», lobt der Primarlehrer.
Es geht in die erste Pause. Die Mädchen spazieren fröhlich plappernd zum Spielplatz, setzen sich auf die Baumstämme im Schatten und packen ihren Proviant aus. Anders die Jungs, die nicht daran denken, stillzusitzen. Mit Äpfeln und Sandwiches in der Hand stürmen sie auf einen nahegelegenen Fussballplatz und beginnen einen Match. Nach einer Weile gesellen sich ein paar Mädchen dazu. Auch Luki Kindler spielt mit. Der 26-Jährige ist der einzige Student, der sich für das Klassenlager aus dem Fachbereich «Sport und Bewegung» entschieden hat. Seine Mitstudenten haben sich für ein anderes Lager angemeldet – beispielsweise zu den Themen «Unterwegs auf kulturhistorischen Wegen durch die Schweiz» oder «Klanglandschaften kreieren – analog und digital». Für Luki Kindlers Wahl war unter anderem der Praxisbezug massgebend. Denn die Studienwoche in Eschlikon ist die einzige, in der die Studierenden ein Programm für Schülerinnen und Schüler organisieren. In allen anderen Klassenlagern gestalten die Studierenden ein Programm für sich selber. Ab dem nächsten Jahr wird sich dies ändern: Bis zu einem Drittel der Studierenden wird dann am Klassenlager einer Schule teilnehmen können.
Bereits in der aktuellen Form der Studienwoche erhalten die Studierenden eine Idee davon, was es bedeutet, ständig aufmerksam zu sein. Das dichte Programm, zu dem unter anderem die Organisation und Durchführung einer Tageswanderung, eines Fotopostenlauf, einer kleinen Biketour, eines Jöggeliturniers und einer Lagerolympiade gehört, hält die Studierenden fünf Tage lang auf  Trab. Daneben gilt es, seinen Ämtchen nachzukommen, Essen zu kochen und die Gruppenarbeiten zu erledigen – und dies mit nur wenigen Stunden Schlaf. «Ich habe kaum ein Auge zugetan die letzten Nächte», sagt eine Studentin, die sich auf eine Bank neben dem Bikepark gesetzt hat. «Die vielen Mücken im Pfadihaus wecken mich immer wieder auf.» Sie zeigt auf ihre mit roten Punkten übersäten Beine und ergänzt: «Aber ich habe gehört, dass man in einem Lager mit einer Schulklasse noch viel weniger schläft.»

Ein Erfolgserlebnis für alle
Inzwischen ist es Nachmittag geworden auf dem Sportplatz und die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse Kollbrunn fahren die Wellen und Steilwandkurven im Bikepark auf und ab. Trotz Müdigkeit müssen die Studierenden aufmerksam sein. Denn die Kinder fahren in rasantem Tempo umher und springen teilweise wagemutig über die Schanzen des Bikeparks. Besondere Aufmerksamkeit erhält Barbara, die erst seit drei Wochen in der 6. Klasse Kollbrunn ist und den Park das erste Mal besucht. Als sie gleich zu Beginn einen steilen Hang hinunter fahren will, halten ihre Mitschülerinnen sie zurück und zeigen ihr, wie sie am sichersten fährt. Schliesslich führen sie Barbara zu einem flacheren Abschnitt, wo sie problemlos hinunterfährt. Die Situation ist nicht nur ein Erfolgserlebnis für Barbara. Sie zeigt auch, dass Alexandra Kälin, Sandrina Glaus und Luki Kindler mit ihrem Tagesprogramm zum sozialen Lernen beigetragen haben, das – wie Iris Bättig-Welti sagt – zu den grössten Chancen eines Klassenlagers gehört: «Die Kinder machen unglaubliche Fortschritte im rücksichtsvollen Umgang  miteinander. Das ist ein Beitrag, den nur Klassenlager in dieser Deutlichkeit leisten können.»

 

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