Unterricht mit Wörterbuch und Zeichensprache

Ethnische Vielfalt gehört in vielen Schulen der USA seit Jahrzehnten zum Alltag. Trotzdem bleibt es eine Herausforderung, in einem Umfeld, in dem nicht alle dieselbe Sprache sprechen und aus unterschiedlichen Kulturen kommen, guten Unterricht zu gestalten. Die Lincoln High School in Los Angeles setzt auf traditionelle und moderne Wege, um Hindernisse zu bezwingen.

Das Klassenzimmer von Barbara Paulson zeugt von ihren 30 Jahren als Biologie- und Astronomielehrerin: Neben Stapeln von Lehrbüchern schwankt ein überdimensionales Molekül-Modell, Totenköpfe liegen zwischen DNA-Spiralen aus Papier, und unter bunten Bannern mit Motivationssprüchen steht ein Klavier. Paulson hat gelernt, ihre Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichsten Mitteln zu motivieren. Dazu gehören auch Pantomime und Übersetzungs-Applikationen vom Smartphone. «Ich habe oft vier oder fünf Schüler in der Klasse, die kein Englisch können. Wir tun, was wir können, um diese Sprachbarriere zu überwinden!»

Zu grosse Klassen, zu wenig Geld
Fast alle 1100 Schülerinnen und Schüler der Lincoln High School in Los Angeles kommen aus Familien mit Einwanderungshintergrund, entweder aus Lateinamerika oder Asien. Für knapp zwanzig Prozent von ihnen ist Englisch eine Fremdsprache. Shu Na Xiao beispielsweise wurde in China geboren. Als sie in die erste Klasse kam, sprach sie kein Englisch. Inzwischen geht sie in Barbara Paulsons Biologie-Klasse für Fortgeschrittene und hilft, für Mitschüler zu übersetzen. «Es ist ganz schön schwierig, gleichzeitig zuzuhören und selber den Stoff zu verstehen», gibt sie zu. Die Sprachprobleme werden aus ihrer Sicht aufgehoben durch die Vorteile, welche die kulturelle Mischung an der Schule mit sich bringt. «Ich kann viel von anderen lernen und habe Gelegenheit, ihnen meine Kultur zu vermitteln», erklärt die Schülerin. «In China sind wir sehr reserviert und haben hohe Achtung vor Älteren. Amerikaner und Latinos sind entspannter. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Lehrern über private Probleme sprechen kann.»
Das Entwickeln von Verständnis und Toleranz ist auch für Lehrerin Paulson der positive Aspekt ihrer Arbeit an der Schule. Zu grosse Klassen und zu wenig Geld für Lehrmaterial erschweren es aus ihrer Sicht aber, den Schülerinnen und Schülern bestmöglichen Unterricht zu erteilen. «Es kostet viel Zeit und Nerven, unter diesen Bedingungen in Klassen von 40 Schülern zu arbeiten. Es ist für alle frustrierend.» Die Biologie-Lehrerin hält ihren Unterricht in Englisch. Sie selbst kam als Zehnjährige mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei in die USA und verstand kein Wort der neuen Sprache. «In der Schule redete niemand Tschechisch mit mir. Das war ein guter Ansporn, Englisch zu lernen.»

Integrationsschule mit gutem Ruf
Die Schulleitung von Lincoln High schreibt Lehrpersonen nicht vor, wie sie ihren Unterricht gestalten, solange die Schülerinnen und Schüler am Jahresende die Prüfungen bestehen. Mathematik-Lehrerin Miriam Cardoza erklärt einer zehnten Klasse ihren Stoff erst auf Englisch und dann auf Spanisch. Die Atmosphäre im Klassenzimmer an diesem Nachmittag beim Besuch von Akzente ist unruhig. In einer Ecke sitzen Schüler aus China zusammen und helfen einander. Zwei Schüler aus Thailand, die weder Englisch noch Spanisch verstehen, versuchen mit Hilfe einer Übersetzungs-Applikation auf ihren Handys dem Unterricht zu folgen. Um diese zwei kümmert sich Cardoza in Einzelunterricht, während der Rest der Klasse Rechenübungen macht. Sie kommunizieren mit Hilfe von Wörterbüchern und Zeichensprache. «Viele Schüler und Lehrpersonen sind überfordert», sagt sie. «Manchmal sehe ich in den Gesichtern der Jugendlichen, dass sie nichts verstehen, und ich habe nicht die Zeit, allen zu helfen.»
Auch die Schülerinnen und Schüler wünschen sich kleinere Klassen und mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sehen sie die Vorteile der kulturellen Mischung. «Wir haben alle Wurzeln in anderen Ländern und müssen miteinander auskommen», sagt Briana Villareal aus Cardozas Klasse. Ihre Familie hat Wurzeln in Mexiko und sie hat Freunde mit kulturellem Hintergrund in El Salvador, Kuba, Vietnam und China. «Es ist gut, in der Schule zu lernen, Rücksicht zu nehmen und Verständnis füreinander aufzubringen. Wenn wir hier Erfolg haben, gelingt uns das später auch.»
Die Lincoln High School hat einen guten Ruf, sie gilt als Integrations-Schule. Misst man den Erfolg in Form von Noten, hat sie noch einiges aufzuholen. In Mathematik, Englisch und Kunst liegt die Schule unterhalb des Durchschnitts von Kalifornien. Das liegt auch daran, dass 85 Prozent der Eltern wenig Geld verdienen und sich Nachhilfeunterricht und Förderprogramme nicht leisten können. Ein ambitioniertes Spezialprogramm für Naturwissenschaften bringt der Lincoln High allerdings zunehmend positive Ergebnisse. Barbara Paulsons Biologie-Klasse ist Teil dieses sogenannten Magnet-Programms. «Aber die guten Ergebnisse kommen nicht von allein», warnt die Lehrerin. Sie selbst nimmt sich ausserhalb des Unterrichts viel Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler. Abends ist sie oft ausgelaugt und geht auch deshalb nach diesem Schuljahr mit 60 Jahren in den Ruhestand – ohne etwas zu bereuen. «Mir war immer wichtig, etwas zu tun, das einen Wert für die Gesellschaft hat. Diese Schüler verdienen kreative und clevere Lehrerinnen und Lehrer! Ich will mich ja nicht selbst loben, aber ich glaube, ich habe dazu beigetragen.» Shu Na Xiao stimmt zu. Die Schülerin ist so inspiriert vom Engagement der Pädagogin, dass sie selbst Lehrerin werden möchte. «Am liebsten an dieser Schule. Dann kann ich ein Vorbild für andere sein.»

Im Rahmen der Serie «Schule in aller Welt» stellen wir an dieser Stelle jeweils exemplarisch eine Schule aus dem Norden, Osten, Süden und Westen der Welt vor. Nach dem Westen in dieser Ausgabe folgt im kommenden Heft der letzte Teil mit einem Beitrag aus Uganda.

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