«Nehmt eure Rollen ein und sprecht deutlicher!»

Im sechsten Semester ihrer Ausbildung absolvieren Studierende der PH Zürich in einem der Fächer im Bereich der Künste ein sogenanntes Vertiefungsmodul. «Akzente» besuchte an einem Tag drei dieser Lehrveranstaltungen und traf dabei in den experimentellen Labors auf vielfältige Kunstprojekte.

Das erste, was auf dem regennassen Campusplatz der PH Zürich auffällt, ist ein farbiges Etwas, das sich bei näherer Betrachtung als riesiger Stoffhaufen entpuppt. Als durchnässter Riesenpompon, erschaffen von Studentinnen, wie sich später zeigen wird. Doch der Reihe nach: Im Rahmen ihrer Ausbildung wählen Studierende der Kindergartenstufe, des Studiengangs «Kindergarten- und Unterstufe» sowie der Primarstufe jeweils ein Fach im Bereich der Künste aus, in welchem sie sich vertieftes Wissen aneignen möchten und von dem sie sich einen Nutzen für ihren beruflichen Alltag erhoffen. Immer freitags verwandeln sich dann verschiedene Räume im Campus in experimentelle Kreativlabors. So auch an diesem Freitag beim Besuch von Akzente. Im Theatersaal in einem der Untergeschosse ist es morgens um neun Uhr dunkel und ruhig. Die Proben im Modul «Von der Improvisation zur Theaterproduktion» der Kindergarten- und Primarstufe sowie des Studiengangs «Kindergarten- und Unterstufe» sind in vollem Gang. 15 schwarz gekleidete Studierende – sieben Männer, acht Frauen – liegen auf Matten. «Ihr spürt eure Fersen, eure Zehen, eure Unterschenkel», suggeriert Dozentin und Theaterpädagogin Yaël Herz. Dann schreiten alle im Takt zum Hip-House-Song «Alors on danse» kreuz und quer über die Bühne. Beim Spiel «Monster verfolgt Prinzessin» kommt die Gruppendynamik erstmals so richtig auf. Die künftigen Lehrpersonen jagen sich gegenseitig: Sie grölen, fauchen oder rennen kreischend über die Bühne. Später, in der Kaffeepause, wird Yaël Herz erklären: «Beim Theaterspielen ist es wichtig, die Hemmungen zu verlieren. Dies ist für die Studentinnen und Studenten nicht immer ganz einfach.» Aufgewärmt geht es jetzt an die Szenenarbeit. Die Studierenden versuchen den Bandwurmsatz «Arbeit-ist-eine-zielgerichtete-soziale-planmässige-und-bewusste-körperliche-und-geistige-Tätigkeit» so synchron und abgehackt wie möglich zu sprechen. «Jetzt noch härter, kälter, wie eine Maschine!» fordert die Theaterpädagogin. In gleicher Manier probt das Ensemble später die Szene «Essensausgabe in einer Kantine», wobei man an Charly Chaplin in Modern Times denken muss. Alle geben ihr Bestes, aber Yaël Herz ist noch nicht ganz zufrieden: «Lasst eure persönlichen Gesten weg, nehmt eure Rollen ein, sprecht deutlicher!» feuert sie die Gruppe an.
Das Theaterstück, welches Yaël Herz gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanne Vonarburg mit den Studierenden entwickelt, wird am Ende des Semesters aufgeführt. Die Produktion nimmt Bezug auf das literarische Jugendbuch Krabat von Otfried Preussler. «Es geht ums Unterwegssein, um Liebe als Befreiung, um das Gefangensein im Arbeitssystem», umschreibt Herz das Thema. Eine Herausforderung bestehe für die Studierenden darin, die Konzentration auf sich selbst und die Gruppe hochzuhalten. Die Mühe und Anstrengung lohnen sich: «Der ganze Prozess und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Spiel sowie der Improvisationsfähigkeit werden den künftigen Lehrpersonen in ihrem Beruf nützen», ist die Dozentin überzeugt. Die Studierenden würden sich ihres Körpers sowie dessen Einsatz und Wirkung bewusst. Dies, zusammen mit dem sich während des Moduls stark entwickelnden Gruppengefühl, bezeichnet Yaël Herz als Hauptgewinn für die angehenden Lehrpersonen.

Mit mehr Musse arbeiten
Mittlerweile ist es später Vormittag. Während die Theatergruppe weiter probt, werken auf einem anderen Stockwerk elf Studentinnen und zwei Studenten des Vertiefungsmoduls «Werken/Werken Textil: Handwerk? Mode/Design? Kunst?». Unter hellem Licht arbeiten die Studierenden der Primarstufe konzentriert an ihren persönlichen Produkten. «Dieses Modul ermöglicht es den Studierenden, sich fachlich zu vertiefen», erklärt Dozentin Claudia Mörgeli. Denn hier könne man individuell und mit mehr Musse arbeiten als im Rahmen der üblichen Lehrveranstaltungen. Die Studierenden haben die freie Wahl, mit welchen Materialien sie arbeiten möchten. Die Beschreibung des Moduls lautet «Spielerisches Experimentieren mit Werkstoffen und Verfahren aus Design und Technik». So sind Holzdosen entstanden, Tongefässe, Bags aus verschiedenen Stoffen, ein Oberteil aus Jersey oder ein Quilt. Das eigenwilligste Objekt ist die Cervelat-Schneidmaschine eines experimentierfreudigen Studenten, der diese künftig an Partys einsetzen will.
Der weitere Hauptfokus liegt auf einer Teamarbeit: der Kreation einer grossen Installation für den öffentlichen Raum der PH Zürich. Dazu machten sich die Studentinnen und Studenten zur Inspiration in einem ersten Schritt auf die Suche nach «Grossen Zürcher Schaustücken» von Künstlerinnen und Künstlern mit Rang und Namen wie Max Bill, Niki de Saint Phalle oder Henry Moore. Dabei mussten sie sich der «Big Art» auch intellektuell annähern und Antworten auf Fragen finden wie: «Wieso macht ein Künstler überdimensionierte Kunst? Was heisst es, eine künstlerische Arbeit für den öffentlichen Raum zu kreieren?» Claudia Mörgeli: «Es war mir wichtig, dass die Studierenden durch die Auseinandersetzung mit Kunst inspiriert und herausgefordert werden. Sie sollten zudem realisieren, dass jedes Kunstwerk durch sein Material und die Dimension, durch seine Platzierung und Gestaltung eine Aussage beinhaltet.» Schliesslich mussten sich die einzelnen Studierendengruppen auf ein Thema einigen und mit verschiedenen Materialien und Verfahren experimentieren. Zur Aufgabenstellung gehörte weiter, eine Installation zum ausgesuchten Thema anzufertigen und dabei das gewählte Verfahren anzuwenden mit dem Ziel, dieses handwerklich gut zu beherrschen.

Welche Idee kann die ganze Gruppe begeistern?
Die «Bank-Gruppe» schickt sich gerade an, ihre zehn Meter lange Holzbank in den Regen hinaus auf den Campushof zu transportieren. Das Möbel besteht aus vier Elementen à 2.50 Meter Länge. Das Materialbudget war knapp, die Studierenden setzten entsprechend günstiges Holz ein. Da die Zeit zum feinen Abschleifen nicht reichte, flochten sie für die Sitzfläche eine Abdeckung aus Kunststoffbändern. Auch die «Pompon-Gruppe» hatte einige Herausforderungen zu meistern. Die erste Hürde lag darin, eine Idee zu finden, die alle begeistert. Ein erster Vorschlag wurde verworfen. Bei der Idee, einen überdimensionierten Pompon anzufertigen, hatte man hinsichtlich Produktion Bedenken. Nach der Anfertigung eines Prototyps aus Veloschläuchen waren die Zweifel jedoch verflogen und die Studierenden nahmen die Sache an die Hand, suchten nach Material. Sie fanden dieses in Form von Webkantenresten in einer Glarner  Weberei. Die in drei grossen Kehrrichtsäcken abgepackten Bänder von bis zu 60 Metern Länge galt es nun aufzuwickeln. Eine zeitraubende Arbeit. Auch die Herstellung zweier Kartonringe mit einem Durchmesser von 1.80 Meter war eine Herausforderung, ebenso der Versuch, das gewaltige Loch in der Mitte mit den Stoffbändern und Recyclingstoffen restlos auszufüllen. Studentin Serena Spina empfand die Projektarbeit als sehr bereichernd. Sie lobt auch den Einsatz von Claudia Mörgeli, von deren Wissen und Können sie profitiert hätten. Die ausgebildete Schneiderin, Handarbeitslehrerin und Absolventin des Master of Arts in Art Education geht während des Besuchs von Akzente von Studentin zu Studentin und berät sie mit ihrem grossen Know-how. Die Zeit reichte jedoch nicht, das Pomponloch komplett zu füllen. Das Ergebnis fiel zwar kleiner aus als geplant, war aber dennoch zu schwer, als dass es aus eigener Muskelkraft auf den Campusplatz hätte befördert werden können. So musste der Hausdienst Hand anlegen.
Welchen Nutzen bringt das Modul den Studierenden? «Der durchlebte Designprozess mit dem Entwickeln einer Idee bis zum fertigen Produkt, die gesammelten Erfahrungen mit Materialien sowie die Auseinandersetzung mit künstlerischen Verfahren werden die Studierenden in der Praxis unterstützen», erklärt Claudia Mörgeli.
Nach der Mittagspause startet in einem der Musikzimmer das Modul «Szenische Musikprojekte an der Volksschule», das von Studierenden der Primar- und Kindergartenstufe unter der Leitung des Musikpädagogen Marcel Fässler und der Theaterpädagogin Annina Giordano besucht wird. Ziel des Vertiefungsmodules ist es, mit einer Schulklasse ein Musikprojekt zu erarbeiten und aufführen zu können. Zu diesem Zweck arbeiten die Studierenden immer am Morgen in den Schulen «In der Ey» und «Hirzenbach». Dort üben sie jeweils zu zweit mit den Kindergärtlern oder Schülerinnen und Schülern. Das Thema der Ausgabe 2016 lautet «Nacht, Gespenster, Grusel».
Die insgesamt 16 Studentinnen und Studenten sind eben von den Schulen an die PH Zürich zurückgekehrt und tauschen nun ihre Erfahrungen aus. Dozentin Annina Giordano hört ihnen aufmerksam zu, berät, macht Empfehlungen. Das Rüstzeug für die Aufgabe holten sich die angehenden Lehrerinnen und Lehrer zu Beginn des Semesters: Sie schauten verschiedene Theaterformen und -methoden an, besprachen Einsatzmöglichkeiten der einzelnen Musikinstrumente, probierten verschiedene Spiele aus, um die Kinder an die Musik und das Theater heranzuführen. «Die grosse Herausforderung bestand darin, innerhalb von nur drei Vorbereitungstagen die Teilnehmenden zu befähigen, musikalisch-theatralische Impulse setzen und die Schülerinnen und Schüler führen zu können», erklärt die Theaterpädagogin. «Am Anfang brauchten wir ewig, um die Lektionen in der Schule zu planen», erinnert sich Studentin Mirjam Bamert. Sie hätten sich stets gefragt, wie man es am besten hinkriegt, die Kinder einen ganzen Morgen lang «bei der Stange» zu halten. Zum Glück konnten die Studierenden auch auf die Unterstützung der jeweiligen Klassenlehrperson zählen. Annina Giordano lobt die Studentinnen und Studenten: «Sie liessen sich sehr schnell auf ihre Aufgabe ein, schlüpften in die Rolle der Spielleitenden und übernahmen Verantwortung für ihr Projekt.»

Diplomprüfungen gehen vergessen
Inzwischen ist es später Nachmittag geworden. Zurück zur Theatergruppe, die gerade in der Pause ist: Auf die Frage, weshalb sie dieses Modul gewählt hat, antwortet Studentin Alma Mia Rüegg: «Ich habe hobbymässig immer schon Theater gespielt und dachte, dass mir die Arbeit für meine Auftrittskompetenz als Lehrerin nützen kann.» Student Marco Vetterli antwortet auf die gleiche Frage: «Yaël Herz ist als Dozentin, Mensch und Motivatorin top.» In der Gruppe werde viel gelacht, es sei lebendig, die anstehenden Diplomprüfungen gingen für einen Moment vergessen. «Von Montag bis Donnerstag leben wir das gewohnte Studierendenleben. Am Freitag kommt dann der Ausbruch.»

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