«Kunst sollte nicht ein Randdasein führen, sondern Teil des Lebens sein»

Für Simon Maurer, Leiter des Stadtzürcher Museums Helmhaus, bietet die Kunst den Schlüssel zum guten Leben. Kinder und Jugendliche sollten Kunst daher nicht als blosse Ergänzung zum (Schul-)Alltag erleben.

Simon Maurer, Leiter des Stadtzürcher Museums Helmhaus. Foto: Nelly Rodriguez

Simon Maurer, Leiter des Stadtzürcher Museums Helmhaus. Foto: Nelly Rodriguez

Akzente: Simon Maurer, wieso sollen sich Kinder und Jugendliche eigentlich mit Kunst auseinandersetzen?
Maurer: Weil die Kunst das offenste gesellschaftliche Feld ist, das am meisten Freiheit gewährt. In der Kunst ist fast alles möglich, man kann Grenzen erfahren und ausloten. Hier im Helmhaus haben wir schon ziemlich extreme Dinge ausprobiert. Einmal wurde ein Raum völlig unter Wasser gesetzt, in der gleichen Ausstellung haben Künstler das Botschafts-Zimmer in London, in dem Julian Assange seit vier Jahren festsitzt, nachgebildet. Durch ihre Freiheit führt uns die Kunst vor, was Freiheit ist und was wichtig ist im Leben.

Und das wäre?
Wichtig im Leben sind zum Beispiel ein sozialer Umgang und die Einstellung zur Arbeit. In hochentwickelten Gesellschaften versklaven sich Menschen heute freiwillig – opfern ihre Freiheit für die berufliche Karriere. Die Auseinandersetzungen mit solchen Fragen stossen Künstler an. Natürlich sind auch die Inhalte der Kunst wichtig, Umweltprobleme und dass man sich mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen befasst. Für ein gutes Leben sind zudem ästhetische Aspekte zentral, dass man einen Sinn für Schönheit und eine sensorische Feinheit entwickelt. Dieses Sensorium sollte auch in der Schule gefördert werden. Wenn sich Kinder auf Kunst einlassen, können sie in andere Welten eintauchen, im Kopf reisen, erfahren, wie das Leben an anderen Orten ist, das ist eine sehr effiziente Art zu reisen. Mit solchen Dingen kann man sich nicht früh genug auseinandersetzen.

Welche Erinnerungen haben Sie an den eigenen Kunstunterricht?
Kunst fand zu meiner Zeit fast gar nicht statt in der Schule, und das ist eigentlich skandalös. Die Schulfächer haben sich in der letzten Zeit positiv entwickelt, aber Kunst und Kreativität haben immer noch zu wenig Raum und werden zu wenig frei vermittelt. Die Jahresberichte meines ehemaligen Gymnasiums sind immer voller Texte über Orchester, Studienwochen, spezielle Projekte, die, wenn man ehrlich ist, vielleicht zwei Prozent des normalen, normierten Unterrichts ausmachen. Die Schule stellt sich als interessantere Schule dar, als sie es tatsächlich ist.

Wie sollten Kunst und Kreativität vermittelt werden?
Der Kunstunterricht müsste weniger normiert und vorbestimmt sein. Wenn man den Unterricht in bestimmten Rastern hält, ist das jedoch viel besser kontrollierbar. Lehrerinnen und Lehrer sollten mehr ausprobieren. Wichtig ist zum Beispiel, das Schulhaus auch einmal zu verlassen und eine Kunstausstellung zu besuchen. Doch der Museumsbesuch ist für Lehrpersonen mit grossem Aufwand verbunden: Sie müssen sich die Ausstellung vorher bereits einmal anschauen und sich überlegen, wie sie die Inhalte vermitteln wollen. Dabei sollten sie auch mehr Unterstützung von den Museen erhalten. Wir haben im Helmhaus leider nicht so viele Schulklassen, weil uns für die Kunstvermittlung für Kinder und Jugendliche nur sehr wenige Stellenprozente zur Verfügung stehen. Ich würde es sehr befürworten, dass man junge Menschen verstärkt ins Museum zu holen versucht. In Holland beispielsweise erhalten Museen, die keine Angebote für Schulen machen, gar keine finanzielle Unterstützung vom Staat.

Während Kleinkinder Kunst mit grosser Neugierde begegnen, scheinen Jugendliche manchmal nur schwer für den Museumsbesuch zu begeistern zu sein. Wie schafft man es, bei älteren Schülerinnen und Schülern die Lust auf Kunst zu wecken?
Es gibt einen grossen Unterschied zwischen historischer Kunst und Gegenwartskunst. Renaissance-Malereien können abschreckend sein, weil man schon sehr viel wissen muss, um einen Zugang zu dieser Kunst zu erhalten. Bei der Gegenwartskunst ist die Hürde viel kleiner. Sie ist in den letzten 20, 30 Jahren wichtiger geworden, sodass Kinder und Jugendliche heute auch eher mit ihr in Kontakt kommen. Bei einem Museumsbesuch könnte man viel Interessantes über die Hintergründe einer Ausstellung vermitteln, wie diese überhaupt entsteht, welche Probleme und Auseinandersetzungen dabei auftreten. Auch Atelierbesuche und Begegnungen mit Künstlern wären für Kinder und Jugendliche interessant. Für die Kunst-Biennale Manifesta, die diesen Sommer in Zürich gastiert, arbeiten Künstler mit lokalen Berufstätigen zusammen. Zürcher Schülerinnen und Schüler haben diese Paare begleitet und Begegnungen für einen Film moderiert. Jener Schüler, der für einen dieser Filme Zahnarzt und Künstler befragte, wirkte total begeistert. Das sind prägende Momente.

Ist es heute schwieriger, Jugendliche für Kunst zu begeistern?
Durch die Digitalisierung und den exzessiven Handykonsum, die sehr zur Zerstreuung beitragen, wird es generell schwieriger, sich auf nur eine Sache einzulassen. Auf der anderen Seite hat Kunst etwas sehr Spielerisches und ist damit beispielsweise auch sehr nahe am Gamen, viel näher als andere Fächer. Von dem her hätte Kunst es auch nicht so schwer, Jugendliche zu packen. Was ich sehe, wenn Kinder und Jugendliche hier sind, macht mich immer glücklich. Sie setzen sich wirklich auf eine gute Art und Weise mit den Kunstwerken auseinander.

Kann man den Kindern den Zugang zu Kunst und Kreativität auch verbauen?
Das Risiko ist sehr klein. Man muss dem Kunsterlebnis auch Raum lassen, damit Fehler gemacht werden können. Wenn man nur einmal ins Museum geht, dann lastet ein relativ grosser Druck auf diesem Museumsbesuch. Durch regelmässige Besuche ergäbe sich eine gewisse Kontinuität, auf der man etwas aufbauen kann. Im angelsächsischen Raum und wie bereits erwähnt in Holland wird das ernster genommen, auch in Italien oder Spanien gibt es eine Tradition, mit Schulklassen ins Museum zu gehen. Manchmal werden Kinder auch auf nicht gerade ideale Art und Weise ins Museum geschleppt, wenn dieser Besuch Pflicht ist, aber immerhin kommen sie mit Kunst in Berührung. Da haben wir grossen Nachholbedarf. Kunst sollte nicht ein Randdasein führen, sondern viel mehr Teil des Lebens sein. Im Idealfall würde man dann merken, dass die Kunst und unser Leben sehr viel miteinander zu tun haben.

«In der Kunst ist fast alles möglich, man kann Grenzen erfahren und ausloten.» Simon Maurer, Leiter des Museums Helmhaus. Foto: Nelly Rodriguez

«In der Kunst ist fast alles möglich, man kann Grenzen erfahren und ausloten.» Simon Maurer, Leiter des Museums Helmhaus. Foto: Nelly Rodriguez

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Über Simon Maurer

Als Sohn eines Professors für Kunstgeschichte war Kunst für Simon Maurer immer schon Teil des Lebens. Der 1964 in Bern Geborene wollte als Jugendlicher auf keinen Fall Kunst studieren oder Künstler werden. Es kam anders. Nach der Matura kam Maurer über ein Praktikum ans Kunsthaus Zürich, wo er acht Jahre lang an Ausstellungen mitarbeitete. Parallel studierte er Kunstgeschichte und Germanistik und war selbst als Künstler aktiv.

Ab 1991 war er zehn Jahre lang als Kunstkritiker tätig, und ab 1993 parallel als Ausstellungsmacher im Zürcher Helmhaus, wo er 1995 mit einer für jene Zeit zu körperlichen und deshalb abgesagten Ausstellung für einen Skandal sorgte. 2001 übernahm er die Leitung des Hauses. Maurer lebt in Seebach mit seiner Frau und Foxy, einem rumänischen Strassenhund. Dieser begleitet ihn manchmal ins Büro, wo an der Wand ein Wimpel des FCZ von einer anderen Leidenschaft von Maurer zeugt.

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