Falsche Bescheidenheit

Unter vier Augen

Mario Bernet (l.) und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Mario Bernet: ‹Das Studium an der PH Zürich ist etwas für Unentschlossene, die halbherzig einen Studiengang zweiter Klasse absolvieren, dem die Praxisorientierung abgeht. Wenn Studierende nützliche Themen einfordern, stossen sie bei Dozierenden auf taube Ohren.› Diese Selbstdiagnose stellen zwei Autoren in RePHlex Nr.19, der Zeitschrift der Studierenden der PH Zürich. Der Artikel endet mit der Einladung «Also liebe PH, reflektiert mal!». Magst du diese Einladung mit mir annehmen?
Ruedi Isler: Gerne – reflektieren ist meine Lieblingsbeschäftigung! Für mich ist zuerst einmal interessant, dass diese beiden angehenden Kolleginnen und Kollegen punkto Berufsstolz rein gar nichts erkennen lassen. Das widerspricht allen Umfragen, die ein zusehends besseres Prestige vom Lehrberuf belegen.
Bernet: Zum Prestige vielleicht dies: Als ich kürzlich einen Fussballmatch meines Sohnes besuchte, stellte sich am Spielfeldrand ein Vater vor und fragte mich nach meinem Beruf. «Du Glücklicher, du machst etwas Wichtiges», seufzte er darauf. Er stelle sich jeden Morgen die Sinnfrage, wenn er an die Dossiers in seiner Anwaltskanzlei denke. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, in dem sich herausstellte, wie ernst sein Schulterklopfen gemeint war. Ich würde meinen, die Prestigefrage des Lehrberufs ist definitiv vom Tisch. Aber wie steht es um den Vorwurf der Praxisferne?
Isler: Ich plädiere geradezu für eine gewisse Praxisferne! Gerade lese ich die Bachelor-Arbeit einer Studentin über Pädagogik im Nationalsozialismus. Auffallendstes Merkmal der Lehrerbildung damals: nur keine Theorie! Stattdessen: körperliche Ertüchtigung, Kameradschaft und Praxis, Praxis, Praxis! Nun möchte ich natürlich in keiner Weise eine Analogie zu heute ziehen, das wäre eine gar kräftige Keule. Aber dass die Freude an intellektueller Auseinandersetzung in unserer Ausbildung zurzeit eine marginale Rolle spielt, dass die Vorstellung einer umfassend gebildeten Lehrer-Persönlichkeit kaum Verfechter hat, dass bei Studierenden vor allem zu zählen scheint, was direkt umsetzbar ist – all das ist mir bei der Lektüre natürlich in den Sinn gekommen.
Bernet: Müssen wir das so düster sehen? Mit 20 Jahren sagte ich mir: «Nie wieder Schule!» – und studierte Erziehungswissenschaften, um mit 13 Schuljahren abzurechnen. Fünf-zehn Jahre später entschied ich mich für die Ausbildung zum Lehrer, geläutert und voller  Tatendrang. Meine Studienkollegen staunten belustigt über meinen Lerneifer, und ich stritt mit ihnen, wenn sie lieber Werkstattposten laminierten, statt einige Zeilen von Montaigne im Original zu lesen. Was ich damit sagen will: Manche Studierende sind vielleicht etwas unentschlossen, wenn sie sich an der PH Zürich einschreiben. Aber im Mentorat erlebe ich, wie sie in den Beruf hineinwachsen – herausgefordert durch das Praxisfeld, aber auch mit grossem Interesse an pädagogischen Grundfragen und fachdidak-tischen Anregungen.
Isler: Dein persönliches Beispiel ist bestechend, aber vielleicht steht es eher für die Ausnahme. Ermutigend finde ich es, wenn Studierende ein Interesse an theoretischen Fragen durch ihre praktische Arbeit im Schulzimmer entwickeln. Diesen idealen Fall sollten wir anstreben. Düster würde es für mich übrigens erst, wenn stattdessen die Dozierenden keine klare Vorstellung mehr über den Wert von Theorie und pädagogischer Allgemeinbildung hätten!

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Mario Bernet (links) war 15 Jahre Primarlehrer und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der PH Zürich, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Sie unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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