Dialoge müssen sitzen

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Der Titel des handlichen und ansprechend gestalteten Taschenbuchs lässt aufhorchen. «Schau mir in die Augen, Kleines» – sagt das nicht Humphrey Bogart zu Ingrid Bergmann in «Casablanca»? In seinem Ratgeber zur Dialoggestaltung entlarvt Oliver Schütte den Satz zwar als Falschzitat, als Mythos, der nie in einem Film aufgetaucht sei. (Nach anderen Quellen entstammt der Ausspruch der ersten, ideologisch verstümmelten Synchronversion des Films.) In der deutschen Fassung von 1975 jedenfalls sagt Bogeys deutsche Stimme (Joachim Kemmer): «Ich seh dir in die Augen, Kleines». Wie dem auch sei: Laut Schütte hat der berühmte Ausspruch genau jene Qualitäten, die einen guten Dialogsatz auszeichnen: «Er ist kurz und prägnant. Und er verweist noch auf etwas anderes als das, was an der Oberfläche sichtbar ist.»
Auch wenn sich Schüttes Lektionen in erster Linie an Drehbuchautorinnen und -autoren richten, profitieren all jene, die sich für das Erzählkino oder Literatur begeistern, deren künstlerische und narrative Qualitäten aufspüren, analysieren und beurteilen wollen. Hierfür sind auch Fragenkataloge, praktische Übungen, Literaturempfehlungen und ein Glossar mit zentralen Begriffen im Anhang von Nutzen. Manches, was der Autor über die Kunst der Dialoggestaltung sagt und anhand einschlägiger Beispiele aus Drehbüchern demonstriert, lässt sich nämlich auf andere Textsorten und Kommunikationssituationen übertragen. Was ist wichtig und wie kann diese Information im Dienste des erzählerischen Bogens verpackt und vermittelt werden? Passen Stil und Diktion zu Sprecher und Inhalt?
Die kurzweilige Lektüre bietet nicht nur einen Einblick ins Handwerk des Drehbuchschreibens, sondern spricht zentrale Aspekte filmerzählerischer Dynamik an und lehrt uns so, besser hinzuhören und gutes Storytelling zu goutieren.

 

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Oliver Schütte. «Schau mir in die Augen, Kleines»: Die Kunst der Dialoggestaltung. Konstanz u. München: UVK Verlagsgesellschaft, 2016. 278 Seiten.

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