To be continued – TV-Serien im Grossformat

TV-Serien seien die neuen Gesellschaftsromane, lässt das Feuilleton verlauten. Dicke Bücher mit epochalen Geschichten wird es weiterhin geben. Aber das Fernsehen hat dazugelernt und erschliesst im digitalen Zeitalter neue Märkte und Zielpublika. Dank DVD, mobilem Internet, Streamingdiensten und zeitversetztem Fernsehen können Programme so flexibel genutzt werden wie das gedruckte Buch. Nicht nur die Technik hat sich gewandelt, auch Inhalte und Vielfalt der Angebote haben zugelegt. Die episodischen Sitcoms mit aufdringlichem Konserven-Gelächter, die sich in den Sechziger- und Siebzigerjahre als ureigenes TV-Format etabliert haben, erfreuen sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Ihre Titel lauten heute «Two and a Half Men», «The Big Bang Theory» oder «How I Met Your Mother».
Imposante Umwälzungen sind vor allem bei den epischen Serien auszumachen. Die neue Ära serieller TV-Unterhaltung besticht durch cineastischen Appeal und erzählerische Qualität. Weiträumige Handlungen und facettenreiche Figuren können sich über mehrere Staffeln entwickeln und eine ausgeklügelte Zopfdramaturgie mit Cliffhangern hält das Publikum in Atem wie dereinst die Fortsetzungsromane eines Charles Dickens. Dies wiederum macht das neue Qualitätsfernsehen sowohl für Leinwandgrössen wie für renommierte Regisseure attraktiv. Neben erstklassigen Besetzungen warten die detailreichen Inszenierungen zudem mit geschliffenen Dialogen und innovativen Erzählkniffen auf oder experimentieren geschickt mit Genrebezügen und unkonventioneller Bildsprache.
Herausragende Politserien wie «Borgen» oder «House of Cards», quasihistorische Nahaufnahmen wie «Rome» (über das Ende der Römischen Republik) oder «The Tudors» (über Kabale und Liebe am Hof Heinrich VIII.) und zeitgeschichtliche Milieustudien wie «Downton Abbey» (über den Niedergang des britischen Adelssystem) oder «Boardwalk Empire» (über den Aufstieg des organisierten Verbrechens während der amerikanischen Prohibition) können dem anspruchsvollen Theater und erst recht dem kommerziellen Konfektionskino durchaus das Wasser reichen.
Der grossformatige von Jürgen Müller herausgegebene Band wird dem gewichtigen Thema mit stattlichen 4 Kilogramm mehr als gerecht und präsentiert in 68 Artikeln fundierte Einblicke in die besten TV-Serien der letzten 25 Jahre. Ergänzt werden die opulent bebilderten Beiträge jeweils durch weiterführende Glossareinträge zu ausgewählten Themenaspekten und Personen. Schade, dass diese Schlaglichter weder im Inhaltsverzeichnis noch über ein Register erschlossen werden.
Keine Sorge: Von «Akte X», «Breaking Bad» und «CSI» über «Game of Thrones», «Homeland» oder «Lost» bis zu den «Simpsons», den «Sopranos» und «The Wire» ist alles vorhanden, auch wenn man da und dort vielleicht einen persönlichen Favoriten vermisst. Bleibt zu hoffen, dass der Verlag für die nächste Auswahl keine weiteren 25 Jahre zuwartet, um uns schon bald mit Hintergrundinformationen zu «The Affair», «Broadchurch», «Fargo» oder «Sherlock» versorgt.

Jürgen Müller (Hrsg.). Die besten TV-Serien: TASCHENs Auswahl der letzten 25 Jahre.
Köln: Taschen-Verlag, 2015. 744 Seiten.

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