Gemeinsam zur gesunden Schule

Der Lehrberuf birgt besonders viele Belastungsrisiken. Mit einer gesunden Gelassenheit und der Unterstützung durch ein starkes Team können Überlastungen verhindert werden. Denn Gesundheit im Berufsalltag ist weitgehend eine gemeinsame Aufgabe.

Ein Drittel der Schweizer Lehrpersonen ist burnout-gefährdet. Zu diesem Schluss kam 2014 eine Nationalfondsstudie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Ungeachtet der Frage, ob tatsächlich so viele Lehrpersonen vor einer beruflichen Überforderung stehen oder ob es sogar noch mehr sind – Tatsache ist, dass Stress, Überbelastung und Burnout im Schulfeld so präsent sind wie in kaum einem anderen Beruf. Doch weshalb sind gerade Lehrpersonen besonders oft von einer beruflichen Überlastung betroffen?
«Die Aufgabe der Lehrperson ist eigentlich grenzenlos. Man kann sich immer noch etwas besser auf die nächste Stunde vorbereiten, immer noch eine Weiterbildung besuchen», beschreibt Jürg Frick, langjähriger Berater an der PH Zürich, ein zentrales Belastungsrisiko des Lehrberufs. Aus der Forschung sei bekannt, dass viele Lehrpersonen sehr idealistische, zum Teil überhöhte Ziele verfolgten und sich im Beruf zu stark verausgabten, so Frick. Doch mit einer solchen Einstellung kann die Gestaltungsfreiheit im Schulalltag schnell zur Überforderung werden. Das hohe Mass an Selbstverantwortung ist jedoch nur eines der spezifischen Belastungsrisiken des Lehrberufs. So birgt das System Schule auch die Gefahr des sogenannten Präsentismus; dass Arbeitnehmende selbst dann zur Arbeit gehen, wenn sie krank sind. Schliesslich steht der Grippe der Lehrperson bei mangelnden Aushilfekräften der Unterrichtsausfall einer gesamten Klasse gegenüber. Zudem erfordert das Unterrichten stets die volle Präsenz der Lehrperson. Ist diese nicht bei der Sache, merkt das die Klasse sofort. Und während in anderen Berufsfeldern Arbeitskollegen bei persönlichen Schwierigkeiten Unterstützung bieten können, kann man von Kindern kein Verständnis für die familiären Probleme ihrer Lehrperson verlangen.
Als weiteren Risikofaktor nennt Frick die schwierigen Erfahrungen, die Kinder mit in die Schule bringen. «Wenn ein Kind zu Hause geschlagen wird, beschäftigt einen das auch nach Schulschluss», weiss er aus eigener Unterrichtserfahrung. Wie in anderen Sozialberufen müssen Lehrpersonen sich abgrenzen können, damit der Beruf nicht zur untragbaren Belastung wird. Kräftezehrend können zudem die öffentliche Exponiertheit sein und die vielen Bewertungen der Arbeit von Aussenstehenden aufgrund eigener, manchmal Jahrzehnte zurückliegender Schulerfahrungen. Während Lehrpersonen von Kindern bisweilen besonders wertvolle Formen der Wertschätzung erfahren, etwa durch ein «Schön, dass die Ferien zu Ende sind», dringt von Seiten der Eltern oft nur negatives Feedback durch.

Gesunder Ungehorsam
Die Zusammenarbeit mit Eltern ist einer der Faktoren, die in den letzten Jahren zu einer erhöhten Belastung im Lehrberuf führten. In den Beratungsgesprächen an der PH Zürich sind Konflikte mit Eltern immer wieder ein Thema. Vermehrt berichten Lehrpersonen sogar von Eltern, die bei Unstimmigkeiten mit dem Anwalt drohen. «Die Eltern stehen selbst unter einem hohen Druck und ziehen bisweilen alle Register», sagt Frick. Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten und einem daraus folgenden gesellschaftlichen Druck, beruflich zu reüssieren, komme der Schule heute eine viel grössere Bedeutung zu als noch vor 30 Jahren. Die Kehrseite der scheinbar positiven Entwicklung ist bekannt. Mit der wachsenden Bedeutung von Bildung wachsen die Ansprüche an die Schule und damit der Druck auf die Lehrpersonen.
Zu den erhöhten Ansprüchen gehören neben der Erwartungshaltung der Eltern die Forderungen zahlreicher Reformen sowie zusätzliche Themenfelder und Kompetenzen, die laufend Eingang in den Lehrplan finden. Frick bestreitet die Richtigkeit von Neuerungen wie der Integration aller Schülerinnen und Schüler, dem Vermitteln von Medienkompetenzen oder von Themen wie Nachhaltigkeit selbstverständlich nicht. Doch ist er überzeugt, dass die Schule schlicht nicht alle gesellschaftlichen Ansprüche bewirtschaften kann. «Damit man im Beruf gesund bleibt, muss man sich wehren können und auch einmal Nein sagen», so der Autor des Handbuchs Gesund bleiben im Lehrberuf (siehe Seite 15). Von den oftmals sehr pflichtbewussten Lehrpersonen wünscht er sich, dass diese sich auch einmal weigerten, Weisungen umzusetzen, wenn diese zu viel fordern. So konnten Lehrpersonen mit dem Schritt vor die Schulpflege schon zusätzliche Ressourcen erwirken, die zur Umsetzung einer geforderten Massnahme nötig waren. Das Streben nach Best Practice bezeichnet Frick denn auch als besten Weg ins Unglück. Würde vermehrt Good Practice angestrebt, resultierte daraus der bessere Unterricht.
In seinen Beratungsgesprächen kämpft er zum Teil richtiggehend mit betroffenen Lehrpersonen, damit diese unrealistische Ideale als solche erkennen. Ob sie auch gerne arbeite, wenn jemand in ihrer Familie gestorben sei, fragte er schon provokativ eine Lehrerin mit dem überhöhten Anspruch, immer gerne zur Arbeit zu gehen. Die Suche nach Entlastungsmöglichkeiten führt oft ins Privatleben. Lastet man sich dort ebenfalls zu viel auf? Übernimmt man in der Familie oder einem Verein zu viel Verantwortung? Zu einem gesunden Berufsalltag tragen neben bekannten Grössen wie körperlicher Betätigung, Entspannung und Genuss ein tragfähiges Sozialnetz und der Fokus auf Erfolge statt auf Misserfolge bei. Dieser Blick auf das Positive ermöglicht erst, Sinn in der eigenen Arbeit zu sehen. Und wer sein Tun als sinnhaft erfährt, kann selbst hohe Belastungen gut ertragen.

Zusammenspiel vieler Faktoren
So zahlreich die Gesundheitsfaktoren und Belastungsrisiken, so vielfältig sind auch die möglichen Auslöser für eine Überlastung. Oftmals bringt ein solcher Auslöser wie beispielsweise eine neue Zusammensetzung des Lehrpersonenteams oder eine schwierige Klasse lediglich bereits bestehende Belastungsfaktoren zum Explodieren.
Ob eine Lehrperson in eine Überlastungssituation gerät, hängt wenig von ihrem Alter und ihrer Erfahrung ab. Zwar wachsen mit der Zeit das Handlungsrepertoire und die Selbstmanagementstrategien, doch treten in den oft sehr langen Berufsbiografien immer neue Herausforderungen auf. So kann eine gestandene Lehrperson durch die Betreuung der eigenen Eltern oder in einer persönlichen Krise ihren Beruf plötzlich als sehr belastend empfinden oder durch neue Unterrichtsmethoden ihre Sicherheit verlieren.
Dagegen nehmen jüngere Lehrpersonen ihren Beruf heute zunehmend nicht mehr als Berufung wahr, sondern als Job, den man kündigen kann wie jeden andern. Und dies kann eine gesunde Gelassenheit verleihen, die vor der Überlastung schützt. Der Umgang mit Belastungen ist denn auch eines von fünf Kriterien der Berufseignung im ersten Studienjahr an der PH Zürich und hin und wieder mit ein Grund für einen Studienabbruch. Während die Thematik in der Ausbildung immer wieder angeschnitten wird, wird der Umgang mit Belastung in den die Berufspraktika begleitenden Mentoraten explizit thematisiert. Dennoch bleibt der Berufseinstieg eine sensible Phase, weil viele konkrete Belastungssituationen erst mit der Übernahme einer eigenen Klasse erfahren werden können. Dem wird mit der zweijährigen Fachbegleitung durch eine erfahrene Lehrperson am Arbeitsort Rechnung getragen sowie mit einem grossen Beratungs- und Kursangebot an der PH Zürich.
Einer besonders hohen Belastung sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ausgesetzt, wie Thomas Jenny, Co-Leiter des Quereinsteiger-Studiengangs für die Sekundarstufe, bestätigt. Zum dichten Programm in der verkürzten Studienzeit kämen bei vielen Studierenden familiäre Verpflichtungen und ein hohes Arbeitspensum dazu, doch zeigten die meisten Quereinsteigenden einen deutlichen Erfahrungsvorsprung gegenüber Regelstudierenden. «Eine ehemalige Abteilungsleiterin hat oft schon gute Strategien, um mit Stress und Belastung umzugehen und weiss besser, wo Hilfe holen», so Jenny.

Begleitung statt Diagnose
Für den Fall einer Überlastung bietet die PH Zürich eine breite Palette an Beratungsangeboten an. Diese reichen vom Beratungstelefon über Supervisionsgruppen bis hin zur Einzelberatung. Bevor externe Hilfe in Anspruch genommen wird, muss die Problematik jedoch erst einmal erkannt werden. Oftmals erkennen Betroffene nicht selbst, dass sie überlastet sind, oder wollen sich dies nicht eingestehen. Hinweise auf eine Überlastung können Symptome wie das Vernachlässigen von Hobbys, Schlafprobleme oder die Kompensation durch noch mehr Arbeit geben.
So werden viele Lehrpersonen von der Schulleitung für eine Beratung angemeldet, wobei oftmals Scham und das Gefühl aufkommt, nicht zu genügen. «Gerade ältere Lehrpersonen erleben die Anmeldung für eine Beratung zum Teil als grosse Kränkung», sagt Hansjörg Hophan. Der Dozent und Berater, der an der PH Zürich neben Lehrpersonen auch Schulleitungen berät und ausbildet, weist auf die Verantwortung der Schulleitung in der Belastungsproblematik hin. Mit dem Aufdecken einer Überlastung habe diese den richtigen Zeitpunkt eigentlich schon verpasst, so Hophan. Dies nicht zuletzt, weil der Erfolg einer Beratung weniger vom Grad der Überlastung abhängt als von der Bereitschaft der betroffenen Person, externe Hilfe anzunehmen.
Nicht Diagnosefähigkeit, sondern eine gute Begleitung der Lehrpersonen bezeichnet Hophan als Merkmal einer guten Schulleitung. «Die Schulleitung muss in einer engen Beziehung zu den Mitarbeitenden stehen», sagt Hophan. Dadurch können Probleme nicht nur frühzeitig aufgedeckt werden, ebenso wird auch das nötige Vertrauen für Krisensituationen geschaffen. Statt nur zu fragen, wie es mit der Klasse oder den Eltern läuft, gilt es, Interesse für das persönliche Befinden der Lehrpersonen zu zeigen und diese in ihren Stärken gezielt zu fördern, etwa durch gut geplante Weiterbildungen. In der aufrichtigen Anteilnahme und einer aktiven Personalentwicklung drückt sich letztlich eine Wertschätzung aus, die das Selbstwertgefühl stärkt und Belastungen leichter ertragen lässt.
Neben der Prävention auf persönlicher Ebene ist Gesundheitsförderung im Lehrberuf weitgehend ein gemeinsames Projekt. Wenn auch die heutige enge Zusammenarbeit unter Lehr- und Betreuungskräften an vielen Schulen als zusätzliche Belastung empfunden wird, könnte gerade eine enge Teamarbeit vielen Belastungen entgegenwirken. Wenn Lehrpersonen sich statt als Einzelkämpfer als Teil eines Ganzen verstehen und Schwierigkeiten gemeinsam besprochen werden können, ist die Gefahr einer Überlastung kleiner. «Lehrpersonen gehen in ihrer Denkweise oftmals vom Lerninhalt oder dem Kind aus, statt mögliche Ressourcen einer Zusammenarbeit zu klären», sagt Hophan. So können beispielsweise die Erfahrungen eines Arbeitskollegen bei Problemen mit einer schwierigen Klasse helfen oder die Arbeit einer Kollegin bei der Vorbereitung der eigenen Lektion.

Gesundheit planen
«In einer erfolgreichen Schule wird Gesundheit nicht dem Zufall überlassen», sagt Hophan. Was er als «Kultur des Miteinanders» bezeichnet, soll von der Schulleitung durch geeignete Strukturen wie Intervisionsgruppen und konkrete Massnahmen wie dem Thematisieren von gegenseitigen Erwartungen gefördert werden. Auch symbolischen Handlungen kommt eine grosse Bedeutung zu. Wenn Sitzungen von der Schulleitung bewusst nicht über Mittag geplant werden, ist dies auch ein Bekenntnis für eine Kultur der gesunden Grenzen. Eine Kultur, die Gesundheit in den Vordergrund stellt, setzt sich in der Auswahl der Mitarbeitenden fort, da die Passung von Lehrperson und Schule die Grundlage eines guten Arbeitsklimas bildet. Angesichts des Lehrkräftemangels können zwar nur Schulen mit einem guten Ruf ihre Mitarbeitenden auswählen, doch resultiert dieser Ruf wiederum meist aus einem klaren Profil und einer bewussten Personalpolitik.
Gesundheitsmanagement und Personalführung bilden zentrale Elemente der Schulleitungsausbildung an der PH Zürich. Viele Anforderungen an eine gute Schulleitung wie ein feines Sensorium und Motivationsfähigkeit sind jedoch Persönlichkeitseigenschaften oder Soft Skills, die nur beschränkt in einer Ausbildung vermittelt werden können, sondern durch Erfahrung wachsen. Während Schulleiterinnen und -leiter für gesunde Arbeitsbedingungen sorgen, geht gerne vergessen, dass sie selbst einer hohen Belastung ausgesetzt sind. Laut Hophan sind belastungsbedingte Ausfälle in den Schulleitungen so häufig, dass sich bereits ein Markt für temporäre Aushilfekräfte entwickelt hat. Die gehäuft auftretenden Überlastungsfälle lassen sich einerseits durch das relativ junge Berufsbild erklären, andererseits durch die schwierige Scharnierstelle der Schulleitung zwischen Behörden und Lehrpersonenteam. Die Bedingungen für einen gesunden Berufsalltag sind für Schulleitungen dieselben wie für Lehrpersonen. «Schulleitungen müssen genauso darauf achten, dass sie nicht alleine sind und genügend Unterstützung erhalten», sagt Hophan. Entlasten kann sowohl eine erweiterte Schulleitung als auch das regelmässige Feedback der Lehrpersonen. Die negativen Belastungserfahrungen von Schulleitungen bestätigen letztlich, wie wichtig die Einbettung in ein Ganzes ist – unabhängig von Position und Erfahrung.

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