Filmübersetzung: Zwischen Handwerk und Kulturtransfer

Filmsynchronisation begegnet uns auf Schritt und Tritt, aber sie wirkt im Verbogenen. Nur so kann die Illusion einer filmischen Geschichte aufrechterhalten werden. Wir sollen im Kino oder vor dem Fernsehapparat keine Gedanken daran verschwenden, dass die deutschen Stimmen gar nicht den Schauspielern gehören, die wir sehen. Das klappt auch recht gut, wenn man bedenkt, unter welchen Erschwernissen die eingedeutschten Fassungen in kürzester Zeit hergestellt werden. Synchronisation bleibt aber in jedem Fall ein künstlerischer und kultureller Kompromiss. Umso erstaunlicher ist es, dass die massiven Auswirkungen dieses Eingriffs auf ein Original und den kulturellen Transfer kaum untersucht werden. Sogar die Filmwissenschaft bekunde wenig Interesse an der Thematik, merken die Herausgeber im Vorwort an. Linguisten und Übersetzungsexperten seien da wesentlich neugieriger.
Die breit gefächerten Beiträge und Zugänge im vorliegenden Sammelband demonstrieren an anschaulichen Fallbeispielen, wie anregend und vielseitig die Auseinandersetzung mit Synchrontexten sein kann. Dabei wird schnell klar: Beim Synchronisieren geht es um weit mehr als eine blosse Übersetzung der Filmdialoge. Welche Zugeständnisse an den Herkunftskontext oder die Lippensynchronität sind nötig? Wo darf vom Original abgewichen werden, damit das Zielpublikum der Handlung ungestört folgen oder soziokulturelle Gepflogenheiten richtig einordnen kann?
Nach grundlegenden Überlegungen zu Produktionsabläufen, technischen Verfahren oder vertraglichen Bedingungen zeigen Einblicke in die Praxis und detaillierte Fallanalysen, welche Herausforderungen sich die Synchronarbeit auf ihrer Gratwanderung zwischen Kommerz und Qualitätsansprüchen immer wieder stellt. Das Spektrum reicht von Anredeformen im Film (Wann passiert der Wechsel vom höflichen Sie zu vertrauten Du?) über den Umgang mit Akzenten und Dialekten (die gemeinhin «plattsynchronisiert» werden) bis zu subtilen Unstimmigkeiten in der Übersetzung, inhaltlichen Verzerrungen oder zeitgemässen Neuschöpfungen.
Die Beschäftigung mit fremdsprachigen Filmen und ihren deutschen Synchronfassungen könnte sich auch für (angehende) Lehrpersonen lohnen und nicht nur im Sprachunterricht zu vielfältigen Szenarien und fächerübergreifenden Aktivitäten anregen.

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Thomas Bräutigam, Nils Daniel Peiler (Hrsg.). Film im Transferprozess: Transdisziplinäre Studien zur Filmsynchronisation.
Marburg: Schüren Verlag, 2015. 299 Seiten.

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