Die eigene Forschung in der Praxis umsetzen

Im Rahmen ihrer Ausbildung setzen sich Studierende der PH Zürich auch mit Aspekten aus dem Bereich der Forschung auseinander. Das Beispiel der Lehrveranstaltung «Teacher Inquiry» zeigt eine Möglichkeit, wie bei Studentinnen und Studenten das Interesse an forschendem Lernen geweckt werden kann.Das Ziel der Lehrveranstaltungen im Bereich «Forschung und Entwicklung» liegt darin, den Studierenden das Verständnis einer «forschenden Haltung» näherzubringen ‒ eine Haltung, die über das Studium hinaus als zentrales Element der eigenen Professionalität Bestand haben sollte. Die Veranstaltungen finden auf allen Ausbildungsstufen der Volksschule statt, und die Studierenden können aus einem grösseren Angebot auswählen.
Anders als in diesen Veranstaltungen arbeiten die Studierenden in der Veranstaltung «Teacher Inquiry» (to inquire: nachforschen, erkunden) an eigenen Fragestellungen, erforschen so ihr eigenes Handeln. Sie wurde in diesem Jahr zum ersten Mal durchgeführt und umfasste mehrere Phasen. Im ersten Teil stand die Auseinandersetzung mit der eigenen Person sowie grundlegenden Fragen zum Lehrberuf im Zentrum: «Welche Verantwortung habe ich als Lehrperson?», «Wie treffe und begründe ich Entscheidungen?» oder «Was ist wünschenswert im Rahmen von Schule, Unterricht und Erziehung?». Die Studierenden formulierten ihre Gedanken in einem Blog, der Austausch erfolgte in Kleingruppen.
Im nächsten Schritt ging es darum, eine persönlich relevante Fragestellung zu finden (das sogenannte «Wondering») mit dem Ziel, den eigenen Unterricht zu verbessern. Grundsätzlich gilt: je präziser die Fragestellung, desto einfacher der weitere Forschungsverlauf. Die Studierenden formulierten beispielsweise folgende Fragestellungen: «Wie begegne ich Hemmungen im Musikunterricht auf der Oberstufe?», «Wie kann ich im Praktikum eine gute Beziehung zu den Kindern aufbauen?», «Was sind pädagogisch sinnvolle Sanktionen in der Schule?».
In der anschliessenden Recherche wurde nach Textmaterial gesucht ‒ beispielsweise nach Forschungsergebnissen ‒, das in Zusammenhang steht mit der Fragestellung und Antworten auf die Frage ermöglicht. Daraus entwickelten die Studierenden umsetzbare Strategien und Instrumente für die bevorstehenden Praktika. Dieser Prozess umfasste wiederum Blogeinträge, Austausch in den Gruppen und mit Lehrpersonen aus den Zielstufen. Dann wählten die Studierenden die Methode, mit der sie die Frage überprüfen wollten ‒ beispielsweise Interview, Fragebogen oder Videobeobachtung. Nach dem Praxiseinsatz wurde überprüft, ob oder inwieweit das gewählte Vorgehen zu den gewünschten Veränderungen des Unterrichts geführt hatte.
Der Rückblick auf die Veranstaltung zeigt, dass die Auseinandersetzung mit persönlichen Fragestellungen in den Studierenden eine grosse forschende Neugier weckte. Die Aufgabe, mögliche Ideen für die Praxis formulieren, umsetzen und überprüfen zu können, wirkte motivierend. Die Studierenden erkannten, dass Lösungen nicht basierend auf alltagstheoretischen Überlegungen gesucht werden können, sondern ein Literaturstudium vorangehen muss. Der forschende Prozess erschliesst sich den Studierenden nach und nach. Es werden sich weitere Fragen anschliessen, welche den Prozess von Neuem in Gang bringen und so als forschender Zyklus zu einem normalen Element des Berufsalltags werden. Im Herbstsemester 2016 wird die Veranstaltung wieder durchgeführt.

Theorie und Praxis sinnvoll verbinden
«Teacher Inquriy» bezieht sich auf Aristoteles, der in seiner Schrift «Nikomachische Ethik» fünf Seelenzustände beschreibt. In dem hier erläuterten Zusammenhang von Bedeutung sind die Elemente «epistéme», «techné» und «phronesis» oder übersetzt: Theorie, Praxis und Klugheit (in «Teacher Inquiry» auch als «Practical Wisdom» bezeichnet). Während «epistéme» und «techné» eher auf allgemeingültiges Wissen fokussieren, richtet sich «phronesis», also die Klugheit, auf den einzelnen konkreten Fall mit der Absicht, in ethischer Hinsicht das Gute zu erreichen. Es ist die Klugheit, welche eine sinnvolle Verbindung zwischen Theorie und Praxis herstellt, ohne dem einen oder anderen mehr Bedeutung zu geben. In British Columbia wird «Teacher Inquiry» seit Jahren in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen erfolgreich eingesetzt.

Bettina Diethelm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Sekundarstufe 1 der PH Zürich.

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