Herumtollen statt auswendig lernen

Um ihren Kindern ein Studium an den besten Universitäten des Landes zu ermöglichen, setzen viele Eltern in Japan auf so genannte Jukus. Traditionell wird dort der Schulstoff nachgepaukt und auf die Übertrittsprüfungen gedrillt. Doch es gibt auch Jukus, die neue Lernmethoden ausprobieren, um aus der Mühle des Auswendiglernens auszubrechen. 

Auf einmal kommt Aufregung in die Klasse. Die Mädchen kreischen, die Buben staunen. Denn auf dem grossen Flachbildschirm, der hinter dem Lehrer an der Wand hängt, sind drei nackte Damen zu sehen. Das Gemälde von Rubens – «Das Urteil des Paris» – zeigt den Jüngling Paris, der entscheiden soll, welche der drei Göttinnen Aphrodite, Athene oder Hera die Schönste ist. Es handelt sich um eine der berühmtesten Szenen der griechischen Mythologie. Diese ist Thema der heutigen Unterrichtsstunde.
Die Szene spielt sich in einer der zahlreichen Jukus in Tokio ab. Jukus sind japanische Nachhilfeschulen, wo üblicherweise der Schulstoff nachgepaukt wird. Doch von Pauken kann hier, in der Tankyu-Gakusya-Juku, keine Rede sein. Die drei Mädchen und acht Buben, alle im Alter von neun oder zehn Jahren, rufen wild durcheinander. Sie entdecken gerade, dass hinter den griechischen Mythen eine historische Wirklichkeit steht.
Die griechische Mythologie steht in den meisten japanischen Primarschulen nicht auf dem Lehrplan. Dort liegt der Fokus auf Japanisch und Mathematik. Dass es beim Erlernen der Schriftzeichen viel Geduld und unendliche Repetitionen braucht, mag einleuchten. Doch der Hang zum auswendig Büffeln zieht sich durch alle Fächer. Beim Übertritt zur Mittelschule (7. bis 9. Schuljahr), Oberschule (9. bis 12. Schuljahr) und zu den Universitäten stehen standardisierte Tests an. Jukus sind vor allem dazu da, Kinder auf diese Tests zu drillen.

Was ist besser – Film oder Comicbuch?
Japans Bildungssystem ist stark hierarchisiert. Zuoberst steht die Universität von Tokio, kurz Todai. Dieser nationalen Hochschule folgen die Privatuniversitäten Keio und Waseda in der Rangliste. Insgesamt gibt es gut 600 Universitäten im ganzen Land. Je angesehener eine Uni, desto schwieriger sind die Aufnahmeprüfungen. Die besten Chancen, diese zu bestehen, bieten die Elite-Oberschulen. Und auf diese wiederum kommt man nur nach einem Test, auf den die besten Mittelschulen vorbereiten. So beginnt der Leistungsdruck schon im Kindergarten. Das System führt dazu, dass die Jukus florieren: 50 000 gibt es im ganzen Land, rund 3,5 Millionen Schülerinnen und Schüler besuchen sie regelmässig.
In der Tankyu-Gakusya-Juku geht der Unterricht an diesem Mittwochabend weiter. Es ist schon dunkel draussen, als die Kinder einen Ausschnitt aus dem Film «Troja» mit Brad Pitt schauen. Die meisten haben sich auf den Boden vor den Bildschirm gesetzt. Der neunjährige Kota hingegen wälzt sich auf dem Tisch herum. Die gleichaltrige Honoka kann sich nicht recht zwischen dem Film und ihrem Comicbuch entscheiden. Die Kinder sollten selber entdecken, was ihnen Spass macht, sagt Yasunobu Hohtsuki, der Gründer und Direktor der Tankyu-Gakusya-Juku: «Wir wollen die Kinder nicht kontrollieren, wie es die normale Schule tut.» Dass es dadurch im Klassenzimmer laut und etwas chaotisch werde, das gehöre halt dazu.

Einstellung zur Schule ändert nach einiger Zeit
Emiko Shina bezahlt monatlich rund 100 Franken, damit ihr Sohn Kota einmal die Woche auf dem Tisch lümmeln darf. «Kota war so gelangweilt in der Schule und bei den Hausaufgaben, dass ich Angst hatte, dass er komplett abschaltet», erklärt sie. Eine normale Juku kommt für die Mutter daher nicht in Frage, der Drill würde Kota erst recht die Lust aufs Lernen verderben. Darum schickt sie ihn seit einem halben Jahr in die Tankyu-Gakusya-Juku. Emiko Shina glaubt an das Zitat von Albert Einstein, das an der Fensterscheibe steht: «Imagination is more important than knowledge» – die Juku soll Kotas Fantasie anregen und ihn nicht mit Wissen bombardieren.
Er komme gern her, sagt der Junge. Hat sich Kotas Einstellung zur regulären Schule geändert? «Bisher nicht wirklich», gesteht die Mutter ein, «doch er zeigt viel mehr Interesse im Alltag, etwa wenn er in einem Film einen historischen Hintergrund erkennt.» Juku-Leiter Hohtsuki beobachtet, dass viele Kinder in seiner Juku in einer ersten Reaktion die normale Schule noch langweiliger finden als eh schon. Doch nach einiger Zeit ändere sich bei den meisten die Einstellung. Kotas Mutter gibt sich überzeugt, dass ihr Sohn noch merken wird, dass es auch in der Schule einiges zu entdecken gibt. Emiko Shina versucht, Eltern von Kotas Klassenkollegen von der Tankyu-Gakusya-Juku zu überzeugen. Doch sie stösst auf wenig Interesse: «Die schicken ihre Kinder lieber in traditionelle Jukus, um sie auf die Tests zu drillen». Frau Shina hat sich für einen anderen Weg entschieden: Kota soll weiterhin in die lokale Schule gehen. Die Tests für die Eliteschulen wird er nicht absolvieren.
Dass es auch ohne auswendig Büffeln geht, davon ist Juku-Gründer Hohtsuki überzeugt. Er selber wurde von seinem Vater zu Hause unterrichtet – nach den Methoden, die er nun in seiner Juku anwendet. Obwohl er die reguläre Oberschule nicht besuchte, schaffte er den Eintrittstest zur Universität Kyoto. Diese zählt zu den besten Japans.
 

Patrick Zoll ist Ostasien-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Serie «Schule in aller Welt»
Im Rahmen der Serie «Schule in aller Welt» stellen wir an dieser Stelle jeweils exemplarisch eine Schule aus dem Norden, Osten, Süden und Westen der Welt vor. Nach dem Osten in dieser Ausgabe folgt im kommenden Heft der Norden mit einem Beitrag aus Finnland.

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