Wahres Lernen ohne Schule

Unter vier Augen

Mario Bernet und Ruedi Isler – Unter vier Augen

Mario Bernet: «Kinder brauchen keine Schule» – nicht selten wird in Tageszeitungen an deinem und meinem Stuhl gesägt. Als Alternative wird das Homeschooling vorgeschlagen. Abgesehen von unserem vitalen beruflichen Interesse: Was soll schlecht sein an dieser Idee?
Ruedi Isler: Noch extravaganter ist zurzeit nur das Unschooling. Lernen soll vom Kind geleitet sein, ohne jeglichen Versuch, die traditionelle Schule und ihre Lehrpläne nachzuahmen – so heisst es im Netz. Schon April? Ein schlechter Witz!
Bernet: Machst du es dir da nicht zu einfach? Ich finde, Lernen und Freiheit passen eigentlich gut zusammen. Jedenfalls war ich bereits während meiner Primarschulzeit schlecht gelaunt, als meine Mutter mich weckte. Was hätte ich verpasst, wenn ich liegen geblieben wäre?
Isler: Mit deinem familiären Hintergrund hättest du sicher einen schönen und interessanten Tag vor dir gehabt: vielleicht mit einem Spaziergang zum nahen Teich mit deiner Mutter, die dir erklärt, wie Kaulquappen sich in Frösche verwandeln. Aber fehlte sie nicht doch, die Schule? Die Peers, die Arbeit in grossen Gruppen mit Regeln und die Einsicht, dass Neues auch einmal von anderen Personen als den Eltern kommen kann – alles ohne Bedeutung?
Bernet: Die Kaulquappen hatten auch neben der Schule Platz – jedoch ohne wirksame Aufsicht. Der Nachbarsjunge sabotierte unsere sorgsam im Einmachglas angesetzte Zucht mit Schneckenkörnern – auch eine Lehre fürs Leben. Dein Lob der Schule leuchtet mir ein. Aber wie ernst müssen wir das nehmen, was wir früher unter «hidden curriculum» diskutiert haben: Die Schule zerstückelt die Zeit, grenzt die Bewegungsfreiheit ein und normiert das Denken. War das nur spätpubertäre Rhetorik?
Isler: Ein Punkt für dich, auch ich habe vor 40 Jahren Illichs Entschulung der Gesellschaft verschlungen und sofort realisiert, dass Schule als flüchtiger Irrtum der spätkapitalistischen Gesellschaft bald verschwinden wird. Heute nun scheint sie mir für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbarer denn je: die einzige gemeinsame, verbindende Sockelerfahrung für fast alle Menschen hier in der Schweiz.
Bernet: Das höre ich natürlich gerne. Schliesslich stehe ich seit über 15 Jahren in der Schulstube und bilde mir genau das ein: Die Schule ist ein demokratisches Projekt, in dem alle Kinder ihre Chance erhalten. Ich bin mir fast sicher, dass die meisten Kinder meiner Klasse gerne zur Schule kommen. Und doch haftet am schulischen Lernen immer auch das Industrielle, Einheitliche. Müssen wir das einfach in Kauf nehmen?
Isler: Nein, aber dennoch ist es der bessere Weg, als Kinder der totalen Verfügung der Eltern zu überlassen, die sie – im schlechten Fall und ohne Ergänzung durch die Schule – zu einseitig beeinflussen könnten. Ganz abgesehen davon, dass die Benachteiligung von «bildungsfernen» Kindern sich ins Unermessliche steigern würde, wenn sie zu Hause blieben. Eine sinnvoll umgesetzte öffentliche Schule dagegen bedeutet Kinderschutz, Katalysator für breite Bildung, Einführung in eine offene liberale Gesellschaft.
Bernet: Nun weiss ich wieder, wozu ich auf Montag um 5.30 Uhr den Wecker stelle! Und doch müssen wir uns mal darüber unterhalten: Wie viel Freiheit lässt der Schulalltag zu?
Isler: Ein brisantes Thema – speziell auch, wenn man es auf den Hochschulbereich übertragen würde.

Mario Bernet (links) ist Primarlehrer, Ruedi Isler ist Pädagogikprofessor. Die zwei Bildungsexperten unterhalten sich an dieser Stelle über ein aktuelles Schulthema.

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