Eine Frage, drei Antworten: Wie fair sind Sie im Berufsalltag?

Martin Villing, Schulleiter, Dietikon.

Martin Villing, Schulleiter, Dietikon.

Selbstverständlich bin ich im Berufsalltag immer und zu jeder Zeit möglichst fair – obwohl mir dies unrealistisch erscheint. Die Beurteilung von Fairness liegt im Ermessen des Betroffenen. Es ist daher kaum möglich, die eigene Handlungsweise auch nur annähernd objektiv einzuschätzen. Per Definition liegt dem Begriff Fairness eine Ordentlichkeit im Vorgehen und ein anständiges, wertschätzendes Verhalten zugrunde. Für mich sind dies Grund­­­­­­säulen jedes Handelns in der Führungs­position. Menschen sind individuell, möchten aber «gleich» behandelt werden. Aus meiner Erfahrung entsteht das Gefühl, übervorteilt zu werden, aus zwei Hauptgründen. Jemand fühlt sich um einen Vorteil gebracht, da er/sie den Hintergrund und die Motivation einer Entscheidung nicht verstanden hat. Ich wünsche mir, dass man mein Handeln zumindest nachvollziehen kann, auch wenn man die Entscheidung nicht teilt. Im zweiten Grund fühlt sich jemand zu wenig wahrgenommen oder zu wenig einbezogen. Meistens passiert dies nicht aus Absicht, sondern aufgrund einer unterschiedlichen Einschätzung der Situation. Ich versuche, andere so zu behandeln, wie ich es für mich selbst möchte. Nur ist es leider so, dass, wo Menschen zusammenarbeiten, Fehler und Unachtsamkeiten passieren. Wenn es so weit ist, versuche ich die Lehren daraus zu ziehen, bitte das Gegenüber um Entschuldigung und hoffe auf einen fairen Umgang mit meinem Fehler.

 

Laura Lüscher, Dozentin auf der Primarstufe an der PH Zürich.

Laura Lüscher, Dozentin auf der Primarstufe an der PH Zürich.

Fairness im Berufsalltag beginnt für mich mit der Art, wie ich auf andere Menschen zugehe. Wenn ich herzlich und aufmerksam Menschen begrüsse, sage ich ihnen damit, dass sie willkommen sind, bei mir einen Raum bekommen, wichtig sind, anerkannt werden. Das schafft einen Boden für eine gute Begegnung oder Zusammenarbeit, möge sie kurz sein oder länger dauern. Das ist meine Er­fahrung. Das gelingt mir nicht immer. Manchmal bin ich zu müde oder mein Gehirn ist absorbiert durch Planen oder innerlich noch Dinge am Erledigen. Dann kann es vorkommen, dass ich jemanden über-sehe, unaufmerksam nicke im Vorbeigehen, signalisiere, dass ich weder Zeit noch Lust habe, mich zu unterhalten. Das kann vorkommen. Aber eigentlich beginnt genau dort die Unfairness. In meinem Berufsalltag haben alle ein Stück ehrliche Herzlichkeit zugut. Daran arbeite ich.

 

Hüseyin Ucmak, Sekundarlehrer, Schulhaus Albisriederplatz.

Hüseyin Ucmak, Sekundarlehrer, Schulhaus Albisriederplatz.

«Sie, das isch nöd fair! Scho wieder ich!» Diese beiden Aussagen höre ich immer wieder von zwei Schülern in meiner Klasse, die sich regelmässig und erfindungsreich über die Regeln im Unterricht hinwegsetzen. Beide haben Mühe, ihre Mitteilungsbedürfnisse aufzuschieben. Sie platzen oft mit Kommentaren heraus oder versuchen, andere vom Unterrichtsgeschehen abzulenken. Wenn ich die beiden zurechtweise, sind sie geschockt. Beide Jungs bekommen die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens zu spüren und streben einem neuen Nachsitz-Rekord entgegen. Der Vorwurf der Unfairness lässt meistens nicht lange auf sich warten und ich denke dann jeweils auch einen Moment über die Anschuldigung nach. Fairness ist jedoch etwas sehr Subjektives, und ich muss mich auf meinen Sinn für Gerechtigkeit verlassen können. Als Lehrer muss ich dafür sorgen, dass ein lernförderliches Klima im Klassenzimmer herrscht, und wer dieses Klima stört, bekommt es halt mit meiner Unfairness zu tun.

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