Sprachen lernen heisst Sprachen leben

Fremdsprachen werden heute nicht mehr grammatik-, sondern handlungsorientiert unterrichtet. Der Paradigmenwechsel wird bereits gut gemeistert.

Ein Paar sitzt vor dem Café de Flore, eine leichte Brise trägt eine sehnsüchtige Akkordeon-Melodie herbei, ein Passant mit Bart und Beret bricht die Spitze seines Baguettes ab und der Kellner fragt diskret nach den Wünschen der Gäste. «J’aimerais boire un verre de vin blanc, s’il vous plaît», gilt es mit perfektem Pariser Akzent zu antworten. Eine Situation wie aus dem Bilderbuch. Aber vielleicht eine, die nicht ins Schulzimmer passt? Denn ist eine 11-Jährige in der Französischstunde um halb zehn Uhr morgens wirklich an einem Glas Weisswein interessiert?

Kein Lernen auf  Vorrat
«Früher wurden Fremdsprachen oftmals auf Vorrat gelernt», sagt Daniel Stotz, Fachbereichsleiter Englisch an der PH Zürich. Wenn Schülerinnen und Schüler in der Primarschule etwas lernen, was sie vielleicht einmal als erwachsene Touristen anwenden können, sei das jedoch wenig motivierend. Rollenspiele nach einem fixen Skript, die dazu nur am Rande mit der Lebenswelt von Primarschulkindern zu tun haben, sind daher im Fremdsprachenunterricht passé.
Der Fremdsprachenunterricht hat nicht nur schablonenhafte Rollenspiele hinter sich gelassen. Angesichts der grossen Veränderungen in den letzten Jahren spricht Stotz gar von einem Paradigmenwechsel. «Die zentrale Frage des Fremdsprachenunterrichts lautet heute nicht mehr, was ich weiss, sondern was ich kann», erläutert er den Wechsel von einem grammatik-, wissens- und perfektionsorientierten Unterricht hin zu einem handlungsorientierten Lernen. Dank dem bereits 2001 lancierten Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GER) hat die Kompetenzorientierung im Fremdsprachenunterricht schon früher als in anderen Fächern Einzug gehalten. Das international anerkannte Niveausystem GER hat nämlich nicht nur Sprachkompetenzen vergleichbar gemacht und zur Aufwertung von Muttersprachen geführt. Die kompetenzorientierten Tests internationaler Sprachdiplome haben auch massgebend zu einem Verständnis von Kompetenzorientierung im Fremdsprachenunterricht beigetragen.
Dennoch weist Stotz auf die Herausforderung hin, die die pädagogischen Veränderungen für Lehrpersonen darstellen, die noch mit einem Fokus auf eine perfekte Beherrschung der Grammatik unterrichtet wurden. Wie prägend die eigene Lernerfahrung sei, zeige sich beispielsweise daran, dass manche Lehrpersonen und Studierende nach wie vor von «Unterrichtsstoff» sprechen, was einem handlungs- und kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht eigentlich zuwiderlaufe.

Neue Handlungsmöglichkeiten
Was beinhaltet also ein guter, handlungsorientierter Fremdsprachenunterricht? «Guter Unterricht muss primär zum Sprachgebrauch aktivieren, denn Sprache lernt man durch den Gebrauch», sagt Stotz. Er bezeichnet Sprache als Kommunikationsvehikel und weist diesbezüglich auf die Bedeutung von substanziellen, altersgerechten Inhalten hin: «Inhalte dürfen nicht einfach ein Aufhänger sein, denn die Begeisterung für Fremdsprachen weckt man über attraktive Inhalte.»
Auch wenn Fremdsprachen heute einen grossen Stellenwert haben und Kinder und Jugendliche im Internet, durch Reisen und eine heterogene Gesellschaft stärker mit Fremdsprachen in Kontakt kommen als früher, sind die Bedingungen für den Fremdsprachenunterricht heute nicht grundsätzlich günstiger. «Viele Schülerinnen und Schüler begegnen Englisch mit einer gewissen Grundmotivation. Doch es bleibt eine Fremdsprache, die man lernen muss, und wenn der Unterricht nicht stimmt, dann ist die anfängliche Motivation bald verschwunden», so Stotz. Zeitgemässer Fremdsprachenunterricht geht daher über Stereotypen hinaus und ist um eine Erweiterung des kulturellen Horizonts bemüht, wobei auch Themen aus anderen Fächern wie Geschichte, Musik oder Geografie herbeigezogen werden und keine Trennung zwischen sprachlichem und kulturellem Wissen gezogen wird. «Grammatikalische Inputs gilt es jeweils kritisch auf die neuen Handlungsmöglichkeiten zu untersuchen, die diese den Schülerinnen und Schülern bringen», fährt Stotz fort. So wird im Englischen ein Past Simple, das erzählerisch wie rezeptiv Welten öffnet, auch schon relativ früh eingeführt, ohne die Erwartung, dass die Schülerinnen und Schüler die Form mitsamt Ausnahmen perfekt beherrschen. Während früher in einem linearen Aufbau grammatische Perfektion angestrebt wurde, baut ein handlungsorientierter Fremdsprachenunterricht auf einer zyklischen Progression hin zu einem Verständnis von Sprache als System auf, wobei neue Sprachstrukturen, Grammatikformen oder Vokabular durch den immer wiederkehrenden Gebrauch gefestigt werden.

Dabei gehen explizites Regelwissen und implizites Lernen Hand in Hand. «Macht die Aufgabe mit dem Können und den Mitteln, die ihr zurzeit habt, und dann schauen wir, was noch nötig ist», beschreibt Stotz die Grundlage einer kompetenzorientierten Aufgabenstellung. Wenn Fehler als Teil des Lernprozesses gelten, kann nicht nur die Angst vor Fremdsprachen reduziert und Raum für Kompetenzerfahrung geschaffen werden. Auch können Sprachkompetenzen aus anderen Sprachen besser genutzt und gefördert werden. So kann ein Kind mit Migrationshintergrund beispielsweise durch seine ausgebildeten rezeptiven Strategien beim Entschlüsseln eines schwierigen Texts in der Klasse als Eisbrecher agieren. Das Ablassen von einer grammatik- und perfektionsorientierten Didaktik dürfe jedoch nicht mit dem Verzicht auf Genauigkeit verwechselt werden, mahnt Stotz: «Die Lehrperson muss den Blick zu einem Zeitpunkt auf Genauigkeit und zu einem anderen auf Flüssigkeit richten können.»

Professionelles Handeln der Lehrperson
Stotz’ Fokus auf die Kompetenzen der Lehrperson kommt nicht von ungefähr. Der Erfolg des Fremdsprachenunterrichts und die Motivation hängen nämlich weniger von externen Faktoren wie etwa der Dominanz von Englisch in der Jugendkultur ab, sondern vor allem vom professionellen Handeln der Lehrerinnen und Lehrer. Dies konnte Bettina Imgrund, Fachbereichsleiterin der Sprachen Französisch, Italienisch und Romanisch an der PH Zürich, in ihrer kürzlich verfassten Dissertation aufzeigen. Sie untersuchte anhand von Praxislektionen, weshalb das Erlernen einer Fremdsprache in einem Fall gelingt und im anderen nicht, was Studien wie PISA nur teilweise beantworten. «Für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität muss man letztlich den Dialog zwischen Theorie und Praxis suchen», sagt Bettina Imgrund. So wurden für ihre Studie Französischlektionen gefilmt und anschliessend von Fachdidaktikerinnen auf Merkmale eines gelungenen Unterrichts untersucht – die Best-Practice-Beispiele aus den Kooperationsschulen werden wiederum in der Ausbildung an der PH Zürich mit Studentinnen und Studenten analysiert und das Professionswissen von Praxisexperten so auch systemisch genutzt.
Die Untersuchung zeigte, dass die Unterrichtsqualität primär davon abhängt, ob es der Lehrperson gelingt, die Klasse zu motivieren und ein attraktives und anspruchsvolles Lernangebot zu gestalten. Imgrund zitiert eine Schülerin, die in der Untersuchung befragt wurde: «Wenn wir keine Lust haben, dann macht die Französischstunde keinen Spass. Dann muntert uns unser Lehrer auf, und es ist gerade wieder lustig. Unser Lehrer weiss irgendwie, wie man uns motiviert zum Arbeiten. Manchmal ist es so, als wären wir für ihn die Wichtigsten.» Weil die Fremdsprache im Unterricht Methode und Medium zugleich sei, identifizierten die Schülerinnen und Schüler den Fremdsprachenunterricht stärker über die Lehrperson, erklärt Imgrund. «Die Klasse ist daher noch mehr als in anderen Fächern von der Lehrperson und ihrem professionellen Handlungsrepertoire abhängig», so Imgrund.

Anwendungsfreundliches für Mehrkämpfer
Weil der Fremdsprachenunterricht stärker als andere Fächer an Lehrmittel gebunden ist und die Optimierung von Unterrichtsprozessen auch von der Qualität der Lehrmittel abhängt, reiht sich die Frage an, was ein gutes Lehrmittel ausmacht. «Mehrkämpfer brauchen gute Unterstützung», bricht Marlies Keller die Ansprüche an ein Lehrmittel herunter. Die Co-Projektleiterin «Inhalt» der Lehrmittelentwicklung des neuen Französischlehrmittels dis donc! erklärt: «Weil der Fremdsprachenunterricht besonders stark von interessanten Inhalten abhängt und die Recherche und Aufbereitung von authentischem Text-, Bild- oder Tonmaterial sehr zeitaufwändig ist, sind Lehrpersonen mit verschiedenen Unterrichtsfächern auf attraktive Unterrichtsmaterialien mit kurzer Vorbereitungszeit angewiesen.» Aufgaben müssten Lernerfolge stets an einem Endprodukt sichtbar machen, auch sei eine breite Palette an Zusatzmaterial wichtig. Keller weist diesbezüglich auf das Potenzial von digitalen Medien hin, die ein autonomes und individuelles Lernen ermöglichen. Beispielweise kann ein Kind mit Lernschwierigkeiten mit geeigneten Programmen denselben Dialog wie seine Gspänli verlangsamt anhören. Auch können individuelle Lernzielüberprüfungen am Computer für Lehrpersonen entlastend sein. Doch sollen digitale Medien nur dann eingesetzt werden, wenn sie tatsächlich einen Mehrwert bieten. «Die Kunst der Lehrmittel-
entwicklung besteht darin, eine Auswahl an intelligenten Lernangeboten zu entwickeln, anhand derer die Lehrerinnen und Lehrer die Unterrichtssituation rasch vor Augen haben, um so entscheiden zu können, was zu ihrer Klasse passt.»
Der Fokus auf die lehrpersonenfreundliche Handhabung rührt auch von einer negativen Erfahrung mit dem 2006 publizierten Englischlehrmittel Explorers her, das von einem Teil der Zürcher Lehrpersonen derart vehement abgelehnt wurde, dass die Bildungsdirektion ein alternatives Lehrmittel zuliess. «Explorers war als erstes Lehrmittel komplett kompetenzorientiert gestaltet. Doch die Zeit war wohl noch nicht reif dafür», nennt Keller mit als Grund für die teilweise schlechte Aufnahme des Lehrmittels. Bei solch grossen didaktischen Richtungswechseln seien obligatorische Einführungen ins Lehrmittel nötig. Zudem konnte das Lehrmittel in der Praxis nicht umfänglich erprobt werden, da zu diesem Zeitpunkt in der Primarstufe noch kein Englisch unterrichtet wurde.

Weniger Mühe als erwartet
Das neue Französischlehrmittel dis donc! der Lehrmittelverlage Zürich und St. Gallen für die 5. bis 9. Klasse wird von Fachdidaktikerinnen und Praxislehrpersonen gemeinsam entwickelt und durchläuft eine integrale Praxiserprobung in 30 Klassen pro Jahrgangsband. Für die wissenschaftliche Beurteilung und die Überarbeitung der ersten Version werden nun systematisch Befragungen von Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schülern mit einbezogen. Dabei zeigte sich einerseits, dass Kinder an sehr traditionellen Themen wie Haustieren und Rezepten interessiert sind, und andererseits, dass Lehrpersonen ihrer Klasse teilweise zu wenig zutrauten. Die Lehrpersonen glaubten im Voraus, dass die relativ komplexen Texte des für 2017 geplanten Lehrmittels die Kinder überfordern würden. Doch diese hatten im Unterricht weniger Mühe mit dem authentischen Textmaterial als erwartet. «Die Lehrpersonen haben Sprachen selbst noch anders gelernt», weist Keller auf die Lücke zwischen alten und neuen Unterrichtskonzepten hin, die Kinder auch einmal an der Grenze ihres Niveaus üben lassen. «Wir sind aber gut unterwegs», sagt Keller aufgrund der Rückmeldungen aus der Erprobung. Zudem seien die heutigen Studierenden, die quasi fachdidaktisch unbeschriebene Blätter seien, offen gegenüber neuen Unterrichtskonzepten.

Bereit für adaptiven Unterricht
In der Ausbildung an der PH Zürich wird viel Wert auf eine dem Niveau der Lernenden entsprechende Unterrichtsgestaltung gelegt. Angehende Lehrpersonen müssen Aufgaben richtig analysieren können und die Vorkenntnisse der Lernenden passgenau diagnostizieren, um einen adaptiven Unterricht zu gestalten. Neben didaktischen Kompetenzen sind hohe Sprachkompetenzen auf Seiten der Lehrerinnen und Lehrer nötig, damit diese souverän auf Unvorhergesehenes reagieren, inhaltlich flexibel bleiben und auch Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern ein angemessenes Angebot machen können. In der Ausbildung zur Fremdsprachenlehrperson auf Sekundarstufe wird daher von den Studierenden ein C2-Niveau gefordert, für die Primarstufe ein C1. Dies entspricht dem höchsten beziehungsweise zweithöchsten Niveau des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens.
Neben Fachdidaktik- und Forschungsmodulen stehen dem Niveau der Studierenden entsprechende interne Sprachkurse und ein Sprachaufenthalt sowie Unterrichtspraktika mit Praxisexperten der Kooperationsschulen und im Zielsprachgebiet auf dem Studienplan. Während drei bis vier Wochen unterrichten die Studierenden dabei in einer von der Hochschule vermittelten Partnerschule eine Klasse in deren Muttersprache, was viele als äusserst herausfordernde und wertvolle Erfahrung bezeichnen. Die Praktika führen nicht nur in den französischen und englischen Sprachraum, sondern auch ins Tessin, da an der PH Zürich auf Sekundarstufe auch Italienisch studiert werden kann. Während Englisch die am häufigsten gewählte Sprache ist und gemäss Bettina Imgrund immer mehr Studierende den Marktwert von Französisch erkennen, entscheiden sich Muttersprachler aus Graubünden auch wegen des Italienischangebots für ein Studium in Zürich. Zudem können Studierende Rätoromanisch vertiefen. «Wir sind sehr stolz auf dieses vielseitige Angebot. Für uns ist das ein Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit und zu einer weitsichtigen Umsetzung von sprachpolitischen Programmen», sagt Bettina Imgrund.

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