Sprachenvielfalt von Kambodscha bis ins Münstertal

Christine Bieri Buschor – Seitenblick

Christine Bieri Buschor – Seitenblick

Am diesjährigen chinesischen Neujahr reiste ich nach Siem Reap, um die Meisterwerke der kambodschanischen Angkorperiode zu besichtigen. Den schönsten Blick auf Angkor Wat bietet sich den Besucherinnen und Besuchern auf dem Hügel Phnom Bakheng. Um einen guten Platz mit Sicht auf die Tempelanlage bei Sonnenuntergang zu ergattern, wanderte ich frühzeitig los. Bald strömten chinesische Tempelbeobachtende in Scharen herbei. Schliesslich sass ich mit Blick auf die Menge eingequetscht zwischen einer chinesischen Grossmutter und einem französischen Grossvater mit ihren Enkeln. Nach intensiven Blickkontakten forderte der Grossvater seinen Enkel dazu auf, den Jungen aus China auf Englisch anzusprechen. Da der Grossvater jedoch selbst kein Englisch sprach, scheiterte der Versuch. Die chinesische Grossmutter erklärte ihrem Enkel, die beiden seien vermutlich Amerikaner, und ermunterte ihn, es mit «Hello, how are you?» zu probieren.

Nach einigen weiteren missglückten Kommunikationsversuchen mischte ich mich ein. Die Grossmutter, begeistert über die Chinesisch radebrechende Langnase, wollte einiges über den Grossvater und seinen Enkel in Erfahrung bringen. Zur Belohnung für die Übersetzung erhielt ich ein chinesisches Süssgetränk, einen vakuumverpackten Hühnerfuss − in China ein beliebter Snack – und Bonbons. Der Franzose sang ein Loblied auf die Mehrsprachigkeit der Schweiz. Der chinesische Enkel stellte auch mir Fragen. Ob der Himmel in der Schweiz blau sei – er stammt aus einer der grössten Städte Chinas mit starker Umweltverschmutzung – und wie viele Berge es denn gäbe. Ganz in der Tradition von Konfuzius, der das Lehrgespräch über die Natur pries, unterhielt ich mich – um Worte ringend – über Land und Wetter und verpasste den Sonnenuntergang. Die Grossmutter und ihr Enkel verabschiedeten sich mit einem lauten xin nian kuaile («happy new year»), der Franzose mit einem fröhlichen «Vivent les Suisses!».

Unsere Mehrsprachigkeit ist ein grosser Vorteil. Ich habe jedoch Verständnis für die Bedenken von Lehrpersonen bezüglich Erwerb mehrerer Fremdsprachen. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen beim Erlernen einer komplexen Sprache kann ich nachvollziehen, warum es einigen Jugendlichen zu anspruchsvoll scheint, mehrere Sprachen gleichzeitig zu erwerben. Auch für diejenigen, die im Sprachraum selbst leben, stellt die Mehrsprachigkeit eine grosse Herausforderung dar. Mein 12-jähriger Neffe aus dem Münstertal hat sich kürzlich kritisch über die Einführung des «Rumantsch Grischun» neben dem in der Schule bereits unterrichteten «Vallader» geäussert. Das sei wenig sinnvoll, meinte er, wenn doch die Nachbarn im nächsten Dorf Italienisch und die Welt Chinesisch oder Englisch sprächen.

Mehrsprachigkeit ist ein politisch brisantes Thema. Die Debatte über geeignete Lernsettings für den gleichzeitigen Erwerb mehrerer Sprachen oder über sinnvolle Anspruchsniveaus beim Fremdsprachenerwerb wird uns weiter beschäftigen. Gerade beim letztgenannten Punkt könnten Hochschulen mit gutem Beispiel vorangehen und Mut zur Lücke zeigen: Weshalb nicht Referate oder Diskussionen stets in französischer Sprache führen und Seminare und Kurse auf Englisch? Dabei schwörten wir dem Perfektionismus ab und wendeten uns konsequent dem Austausch über Inhalte zu − Radebrechen erwünscht!

Christine Bieri Buschor ist Forschungsgruppenleiterin an der PH Zürich.

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