Keine Angst mehr vor der Schule

12 Millionen Roma leben in Europa.Sie sind die grösste ethnische Minderheit. Das Zentrum International Projects in Education (IPE) der PH Zürich startet in Rumänien ein Projekt zur Förderung der Lifeskills von Roma-Kindern und der Integration ihrer Eltern in die Schule.

Roma leben seit rund 1000 Jahren mitten in Europa und sind doch an den Rand der Gesellschaft gedrängt. «90 Prozent der europäischen Roma leben in Armut und nur zehn Prozent aller Roma-Kinder besuchen eine weiterführende Schule», sagte die EU-Parlamentarierin Barbara Lochbihler an einer internationalen Roma-Konferenz 2013 in Bonn.

Auf die Situation der Roma aufmerksam wurde das IPE der PH Zürich durch das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) finanzierte Berufsbildungsprojekt JOBS. Dieses beinhaltet unter anderem die Entwicklung und Einführung des in Rumänien neuen Schulfachs Berufswahlorientierung. Eine Auflage der DEZA für das Projekt war die Berücksichtigung der rumänischen Minderheiten wie Ungaren und Roma, sowohl bei der Sprache der Lehrmittel als auch bei der Partizipation im Unterricht.

Forscherin vermittelte ersten Kontakt
Erstmals in Kontakt mit Roma-Kindern kam das IPE in einer Schule in Sacele in Zentralrumänien. 1300 Kinder werden dort in 12 Schulzimmern gestaffelt unterrichtet. Trotz misslicher Unterrichtssituation gehören diese Kinder zu einer privilegierten Gruppe. Denn 2011 schloss nicht einmal die Hälfte aller rumänischen Roma-Kinder die Grundschule ab. Der Grund dafür ist meistens die Armut. Viele Kinder müssen zu Hause mitarbeiten. Laut Jean-Pierre Liégois, Roma-Forscher an der Universität Sorbonne, haben manche Eltern Angst, ihr Kind durch die Schule zu verlieren. Er hat zudem beobachtet, dass Roma-Kinder durch den Besuch der Schule gleich zweimal diskriminiert werden: In der Schule durch Nicht-Roma und im Dorf von den anderen Kindern, die nicht zur Schule gehen.

Durch Recherchen zum Thema Roma stiess das IPE auf eine Lizentiatsarbeit der Schweizerin Patrizia Legnini. Sie schrieb über die ethnische Zugehörigkeit von Roma-Kindern. Sie vermittelte Kontakte zu Roma in den Dörfern Pietris und Dolhesti, in denen sie forschte. Durch Gespräche vor Ort mit Lehrerinnen und Lehrern sowie Schulleitenden wuchs das Interesse des IPE an einem Projekt, das speziell auf die Bedürfnisse von Schulen, die Roma-Kinder unterrichten, eingeht. In der Folge wurde das Projekt FACE (Family and Children in Education) entwickelt, und der Lotteriefonds des Kantons Zürich sagte im November 2014 die finanzielle Unterstützung zu.

Team- und Konfliktfähigkeit stärken
Das erste Ziel von FACE ist die Stärkung der Lifeskills von Kindern und Jugendlichen. Das zweite ist die Involvierung der Eltern in die Schule, so dass sie trotz aller pessimistischen Perspektiven motiviert sind, die Tochter oder den Sohn in den Unterricht zu schicken. Lifeskills sind Fähigkeiten, die ein positives und den Umständen entsprechendes Handeln ermöglichen. Dazu gehören Team- und Konfliktfähigkeit oder kreatives Denken. Für Kinder, die in der Schule schlechte Leistungen erbringen, weil sie diskriminiert werden oder weil sie zu Hause mitarbeiten müssen und deshalb oft im Unterricht fehlen, ist die Entwicklung der Lifeskills besonders wichtig. Denn sie ermöglichen eine positive, nicht leistungsabhängige Selbstwahrnehmung.

Das IPE hat für ein Projekt mit Strassenkindern in Ghana das Lehrmittel «Me» mit Übungen zu Lifeskills entwickelt und sehr gute Erfahrungen damit gemacht. «Me» wird nun den Bedürfnissen der Roma-Kinder angepasst. Neu gibt es in den Heften auch gemeinsame Übungen für die Eltern und Kinder. Im Oktober wird das adaptierte Lehrmittel zum ersten Mal in zwei Schulen im moldawischen Teil von Rumänien getestet. Später wird das Projekt FACE auch für Roma- und andere Kinder im Kosovo und in Mazedonien durchgeführt.

 

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Weitere Informationen zum Projekt FACE: tiny.phzh.ch/face

Franziska Agosti ist Projektleiterin im Zentrum IPE der PH Zürich.

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