Erste Schritte in einer neuen Welt

Schulische Übergänge verlangen von den Kindern und Jugendlichen grosse Anpassungsleistungen. Ein Bewusstsein der Lehrpersonen für unterschiedliche Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern machen den Übertritt leichter.

In einem grossen Kreis sitzen kleine Kinder auf niedrigen Stühlen, einige ruhiger, andere etwas zappliger, viele tragen bunte Kleider. Ein Junge trägt an seiner Hose einen Karabiner mit einem runden Anhänger. Was wie ein Badge aussieht, entpuppt sich als simpler Kartonkreis, der kuchenförmig zu einem Sechstel rosa und zu fünf Sechstel gelb markiert ist. «Der Kreis ist ein Tag. Rosa ist die Zeit, in der ich im Kindergarten bin, gelb die Zeit, in der ich zuhause bin», erklärt der kleine Junge und zeigt mit einem Finger auf den rosafarbenen Abschnitt: «Jetzt bin ich etwa hier.»

Dorothea Tuggener, Co-Leiterin der Berufspraktischen Ausbildung auf der Eingangsstufe an der PH Zürich, hat den Anhänger bei einem Besuch einer Kindergartenklasse kurz nach den Sommerferien entdeckt. Das kreative Kartonrund war für sie ein Novum, nicht jedoch die Idee dahinter. «Die Kinder treten am ersten Kindergartentag in eine völlig fremde Welt mit ganz neuen Strukturen ein», sagt Dorothea Tuggener. «Übergangsrituale und -gegenstände helfen, dass sich die Kinder in diesem neuen sozialen Gefüge rasch zurechtfinden und aufgehoben fühlen.» Der Kartonanhänger etwa hilft dem Jungen, den neuen Tagesablauf, der seit dem Eintritt in den Kindergarten plötzlich gilt, zu verstehen. Und er vermittelt Sicherheit, wo vieles neu ist, das Stillsitzen im Kreis, die vielen Gspänli, das Getrenntsein von Eltern und Geschwistern.

Ein Wechsel für die gesamte Familie
Der Eintritt in den Kindergarten und damit ins Schulsystem ist nicht nur für die Kinder, sondern für die gesamte Familie ein deutlicher Einschnitt in den familiären Alltag, zumindest beim ersten Kind. Wie prägend der Schuleintritt des ersten Kindes ist, zeigt sich schon darin, dass viele Familien vor diesem Termin eine letzte grosse Reise oder einen Umzug planen. Denn danach bestimmt die Institution Schule, wann man Ferien macht, aufsteht, zu Mittag isst. Für manche Eltern ist es nicht einfach, das Kind loszulassen. Tuggener mahnt jedoch davor, den Eintritt in den Kindergarten per se als etwas Schwieriges zu betrachten. Vielmehr solle man diesem mit einer positiven Grundhaltung entgegentreten und dem Kind das Gefühl geben, dass es sich im neuen Umfeld gut anpassen wird.
Besuchstage oder -morgen vor dem ersten Kindergartentag, die ein behutsames Annähern an das Unbekannte ermöglichen, sind inzwischen an vielen Schulen üblich. Ein Allerweltsrezept, wie Lehrpersonen den Eintritt ideal begleiten und alle Kinder erfolgreich in die Kindergartengruppe einbinden, gibt es laut Tuggener aber nicht. Gemeinsam mit Kindern und Eltern gilt es, eigene Wege zu finden, wobei viel Fingerspitzengefühl gefragt ist. Seit dem Herbstsemester 2014 begleiten die PHZH-Studierenden der Studiengänge Kindergarten und Kindergarten-Unterstufe jeweils eine Kindergartenklasse in den ersten drei Wochen nach den Sommerferien. Das genaue Beobachten schärft das Bewusstsein für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder und gleichzeitig werden Ideen gesammelt, wie man beispielsweise den morgendlichen Abschied von den Eltern ritualisieren und das Einleben in einer Gruppe unterstützen und begleiten kann. In einem zweiten, ebenfalls neu eingeführten Modul wird der Übergang in die Primarschule thematisiert.

Das soziale Milieu prägt
Mit dem neuen Ausbildungsschwerpunkt auf die ersten schulischen Übergänge trägt die PH Zürich der Erkenntnis Rechnung, wie prägend diese für den weiteren schulischen Erfolg eines Kindes sind. «Meistert ein Kind den ersten schulischen Übergang und die damit verbundenen Herausforderungen gut, so blickt es kommenden Übergängen tendenziell zuversichtlich entgegen», erklärt Regina Scherrer. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der PH Zürich beschäftigt sich intensiv mit der Bedeutung von Übergängen für die individuelle Biografie. Wie gut ein Übergang gelinge, hänge oftmals vom sozialen Milieu ab, in dem ein Kind aufwachse, erklärt Scherrer. Denn in Familiensystemen, in denen Bildung einen hohen Stellenwert habe, gleiche der Schulhabitus stärker dem Familienhabitus, zudem werden die Kinder durch Reisen oder Literatur oftmals früh an ihnen fremde Welten gewöhnt.

«Man fühlt nirgends so grosses Unbehagen, wie wenn man nicht weiss, was läuft», erklärt Scherrer. «Und wie in jedem sozialen System gibt es auch in der Schule informelle Regeln und Erwartungen, die nicht explizit genannt werden.» Ist ein Kind zum Beispiel nicht gewohnt, in ganzen Sätzen zu kommunizieren, so kann es gleich zu Beginn der ersten Klasse, wo dies von ihm verlangt wird, einen ersten schulischen Dämpfer erleben, der nichts mit seiner Leistungsfähigkeit zu tun hat. Um den verschiedenen familiären Hintergründen gerecht zu werden und allen Kindern einen fliessenden Übergang zu ermöglichen, sollten Lehrpersonen auf implizite Regeln sensibilisiert sein und ihre Normalitätsvorstellungen und Erwartungshaltungen stets kritisch reflektieren. «Sind die Regeln, die im Schulzimmer gelten, für alle klar?», «Sage ich deutlich, was ich verlange, oder setze ich Dinge als selbstverständlich voraus?» und «Worauf basieren meine Leistungszuschreibungen?» sind Fragen, die bei Übergängen auf jeder Stufe gestellt werden müssen.

Die Studierenden der PH Zürich können sich in einem spezifisch auf das Thema «Übergänge» ausgerichteten Wahlmodul intensiv mit ihren eigenen Erwartungshaltungen und fremden Lebenswelten auseinandersetzen. In einer Feldstudie führen sie Interviews mit Kindern und Jugendlichen über bevorstehende Übertritte in die Primarschule oder die Berufslehre und versuchen dabei, ein Stück weit deren Perspektive einzunehmen. Wie schwierig eine Begegnung ohne Erwartungen ist, zeigt sich oftmals erst beim Transkribieren der Gespräche, wo Studierende etwa bemerken, dass sie ihren Interviewpartnern kaum Zeit für eine Antwort gelassen haben.

Übergang als Prozess
Mit dem Eintritt in die Schule oder dem Übergang in eine höhere Schulstufe verändern sich für das Kind nicht nur das soziale Umfeld und praktische Rahmenbedingungen wie etwa der Tagesablauf. Auch die schulischen Herausforderungen und Leistungserwartungen steigen schlagartig an und mit ihnen der Leistungsdruck. Obwohl diese Schritte an einen spezifischen Moment gebunden sind – den Tag nach den Sommerferien –, so sind Übergänge immer Prozesse, die schon lange vor dem eigentlichen Übertritt einsetzen. Im zweiten Kindergarten wissen die Kinder, dass nach den Sommerferien mehr von ihnen erwartet wird. Und wo ein Übergang mit einer Selektion verbunden ist, wie von der Primar- in die Sekundarstufe, entsteht oft ein zusätzlicher Druck. Aussagen wie «Bald beginnt der Ernst des Lebens» sind dabei keineswegs förderlich. Laut Scherrer sollten Eltern und Lehrpersonen den Kindern bei diesen Übergängen stattdessen Raum für Fehler und Alternativen lassen sowie Strategien zeigen, um die Herausforderungen in der nächsten Stufe zu bewältigen. «Übergänge sind nicht nur kritische Momente, sondern immer auch eine Chance», betont Scherrer. So mag sich ein ehrgeiziger Schüler im Gymnasium besser entfalten, während sich bei seiner Kollegin in der Sekundarstufe, wo sie nicht mehr das Schlusslicht der Klasse bildet, ein Knopf löst.

Praxiserfahrung macht Mut
Mit dem Ende der Sekundarschule steht ein besonders vielschichtiger Übergang an. Vom geregelten Kollektiv, in dem für alle dieselben Regeln gelten, gehen die Jugendlichen in die Berufs- und Erwachsenenwelt mit ihren ganz spezifischen, individuellen Anforderungen über. Während bisher alles in institutionell bestimmten Bahnen verlief, können die Jugendlichen nun selbst zu einem grossen Teil über ihre Zukunft bestimmen. Eine Aufgabe, die wie keine andere den Abschluss der Sekundarschule prägt.

An der Kleingruppenschule Furttal in Dällikon beispielsweise wird dem Berufswahlprozess besondere Bedeutung beigemessen. Zwölf Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Leistungsschwächen besuchen die Sekundarschule. «Der Druck ist gross, eine Anschlusslösung zu finden. Doch aus Angst zu scheitern, sträubt man sich von Anfang an im Berufswahlprozess», beschreibt Isabella Steinmann ein gängiges Verhalten leistungsschwacher Jugendlicher. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, hat die Sozialpädagogin mit einer Heilpädagogin in Dällikon ein ganzheitliches Berufswahlprogramm entwickelt, das die Praxiserfahrung ins Zentrum stellt. Schon in der ersten Sekundarklasse stehen monatliche Betriebsbesichtigungen an, ab der zweiten Klasse schnuppern die Schülerinnen und Schüler dann während drei Monaten einen Tag pro Woche in einem Betrieb.

«Die Praxiserfahrung zeigt den Jugendlichen, dass in der Berufswelt ganz andere Fähigkeiten wichtig sind und sie dort sehr gefragt sind», sagt Steinmann. Das positive Feedback aus den Lehrbetrieben helfe, eigene Zukunftsvisionen zu entwickeln, und mit einem realistischen Berufsziel vor Augen seien die Jugendlichen auch in der Schule motivierter, so Steinmann. Hinter dem Projekt «My Success» steckt jedoch ein enormer Mehraufwand. Steinmann leistet viel Überzeugungsarbeit, um Lehrbetriebe für das Projekt zu gewinnen. Doch im Nachhinein seien diese stets begeistert. Seit Beginn des Projekts im Jahr 2010 schlossen bereits sieben Betriebe einen Lehrvertrag mit einer Tagespraktikantin oder einem -praktikanten ab.

Je tiefer der Einblick, desto besser
Auch in einer Regelschule ist eine schrittweise Annäherung an die berufliche Zukunft über die Praxiserfahrung enorm wichtig. «Je besser eine Berufswahl auf Erfahrungen in Praktika oder Schnupperlehren abgestützt ist, umso wahrscheinlicher ist ein erfolgreicher Lehrabschluss», sagt Helen Buss, Fachbereichsleiterin für Berufswahlkunde und Berufsbildung an der PH Zürich. Die Berufswahl ist von zahlreichen Faktoren abhängig: Kenntnisse der eigenen Interessen und Fähigkeiten, Informationsstand über berufliche Ausbildungen und schulische Anschlussmöglichkeiten, Einstellung und Engagement sowie Kompetenzen und Flexibilität der Jugendlichen, aber auch Umweltfaktoren wie die geografische Lage der Lehrstellensuchenden. Letztlich geht es um ein ideales Zusammenspiel der verschiedenen Kooperationspartner (Jugendliche, Lehrbetrieb, Eltern, Lehrpersonen, Berufsberatung).

«Dranbleiben» betitelt Buss die Aufgabe der Eltern. Dies bedeutet, dass Eltern ihre Kinder bei diesem weichenstellenden Prozess mit einer positiven Einstellung unterstützen sollten und Interesse zeigen, auch wenn sie damit manchmal auf Widerstand stossen. Von der Lehrperson ist laut Buss in ihrer Koordinationsfunktion intensive Kommunikationsarbeit sowie Mut zur Alternative gefragt. Ist eine Schülerin oder ein Schüler der 3. Sekundarschule wirklich nicht bereit für die Berufswahl, solle man dies akzeptieren, statt unnötig Druck auszuüben, und Lösungen wie ein Berufsvorbereitungsjahr, Praktika oder Sprachaufenthalte zur Diskussion stellen.

Für eine optimale Unterstützung der Schulklasse im Berufswahlprozess gilt für die Lehrperson derselbe Grundsatz wie für die Jugendlichen. «Je grösser der Einblick in die Berufswelt, desto besser», sagt Buss und betont, dass dies nicht bedeute, dass eine Lehrperson ohne Berufserfahrung diese Aufgabe nicht gut bewerkstelligen könne. Um Sicherheit für die Unterstützung der Jugendlichen im Berufswahlprozess zu erlangen, den sie allenfalls nicht durchlebt haben, besuchen die Studierenden der PH Zürich im siebten Semester ihrer Sekundarstufen-Ausbildung daher Berufsinformationszentren, Berufsfachschulen und Ausbildungsbetriebe. Zudem begleiten sie einen Schüler oder eine Schülerin über mehrere Tage im Berufsvorbereitungsjahr und absolvieren eine Berufserkundung in einem Betrieb. Studierende mit Berufserfahrung haben manchmal Mühe zu verstehen, wieso sie das zeitaufwändige Modul absolvieren sollen. In der Praxis zeigt sich aber jeweils schnell, dass die eigene Berufserfahrung nur einen winzigen Teil der Zukunftsperspektiven der Jugendlichen abdeckt. Zu erfahren, wie viel Mühe es kosten kann, einen Betrieb für eine Schnupperstelle anzurufen, trage zum Verständnis für die Situation der Jugendlichen bei, sagt Buss.

Stolperstein Erwachsenenkompetenzen
Sind die Herausforderungen der Berufswahl gemeistert, steht bald die Anpassung an die verantwortungsvollere Rolle im Berufsleben an. «Viele Jugendliche sind stolz auf ihren Beruf und schätzen es, dass sie im Betrieb gebraucht werden», sagt Michael De Boni, Dozent an der PH Zürich auf der Sekundarstufe II. Die Doppelbelastung von Schule und Beruf, die Umstellung des Tagesrhythmus, die Reorganisation der sozialen Kontakte und die neuen Aufgaben und Verantwortungen können aber zu einer Belastungssituation führen, in der vorhandene Krisen auftauchen. Anzeichen allfälliger Krisenmomente frühzeitig zu entdecken und die Jugendlichen an entsprechende Anlaufstellen der Berufsfachschule zu triagieren, sei eine wichtige Aufgabe der Berufsschullehrpersonen, so De Boni. Auf eine entsprechende Sensibilisierung wird in der Ausbildung auf Stufe Sek II an der PH Zürich denn auch ein besonderes Augenmerk gelegt, ebenso auf die Vermittlung von Erwachsenenkompetenzen. Denn obwohl Sozial-, Handlungs- und Selbstkompetenzen in der Sekundarschule durch einen kompetenzorientierten Unterricht zunehmend gefördert werden, besteht diesbezüglich doch eine grosse Lücke zu den Anforderungen im Berufsleben. Wird diese durch eine gezielte Förderung im Berufsschulunterricht schnell geschlossen, fällt auch dieser letzte schulische Übergang leichter.

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