Die Masterarbeit

Die Glocke schrillt, und sie tut es «einige Dezibel zu laut», wie Jarom Radzik lachend bemerkt, «das Schulhaus an der Friedrichstrasse steht unter Denkmalschutz und mit ihm die Glocke.» In diesem Haus, dem kleinsten Oberstufenschulhaus der Stadt Zürich, unterrichten 15 Lehrpersonen 110 Schülerinnen und Schüler. Zwei Zimmer heissen Pi und Delta; keine eigentlichen Klassenzimmer mehr, sondern Unterrichtsräume: «Wir haben offenen Unterricht mit unterschiedlichen Gruppenkonstellationen.» Erste Denkanstösse zum Thema des Lehrers als Störfaktor gab es in der zweiten Sekundarklasse in Opfikon, wo Radzik vorher unterrichtet hatte. Eine Schülerin bemerkte: «Können Sie mich nicht einfach mal arbeiten lassen, statt immer zu fragen, was ich mache?» Ein sehr direkt formulierter Kommentar, der Radzik zum Nachdenken anregte und ihm zeigte, dass «ich ihr zu wenig Vertrauen schenkte; das Vertrauen nämlich, selbständig arbeiten zu können.» So wurde der Lernprozess durch Übereifer mehr behindert als gefördert. Für seine Masterarbeit «Wie ich als Lehrperson den Unterricht störe und meine Wege zur Besserung» untersuchte Radzik Wesen und Wahrnehmung der Störung. Ist das Geräusch eines herunterfallenden Etuis bereits eine von der Lehrperson bewusst aufgenommene Störung, oder gehört das zur Kulisse des Unterrichts? Die Sichtweise ist je nach Standpunkt unterschiedlich, wie in seiner Arbeit erläutert wird: «Für Lehrpersonen ist eine Störung vor allem etwas, das von aussen kommt und ins Zimmer hineingetragen wird. […] Schüler hingegen definieren Störungen vor allem im Verhalten ihrer Mitschüler. […] Die allgemeine Unruhe, wie sie bei den Lehrern als Störung definiert wurde, wurde von den Schülern kein einziges Mal erwähnt.» Schüler spiegelten sehr wohl die Stimmungen der Lehrer. Eine von der Lehrperson wahrgenommene Störung ist meist auch Teil eines eigenen Problems. Daher ist es wichtig, Störung und Störquelle ohne Wertung voneinander zu trennen.

In der Diagnose wandte Radzik Fragebogen an, welche das Thema aus der Eigen- wie auch aus der Fremdperspektive beleuchteten. Auch konnte die Klasse anonym Feedback geben. Anfangs seien diese Äusserungen eher plakativ gewesen, aber mit der Zeit wurden sie differenzierter, etwa dass «ich weniger den Projektor einsetzen und mehr zur Klasse reden sollte». Das sei wertvoll. «Es ist das Ziel, dass die Schüler auf allen Ebenen lernen, etwas selber zu tun und dafür Verantwortung zu übernehmen; dass sie ein Lernziel benennen können und lernen, das auch selbst zu erreichen.» Als Fazit zeigte sich, dass sich die Investition in Beziehungspflege auf allen Ebenen für den Unterricht auszahlt. Radzik gestaltet die Lektionen heute wesentlich entspannter. Unterschiedliche Tagesformen sind beispielsweise kein «Kampf» mehr, sondern gehören zum Leben. Für die Schüler ist es wichtig zu spüren, dass ihnen die Lehrperson Wertschätzung entgegenbringt, ohne Pauschalisierung oder Idealisierung – und man muss im Unterricht Überraschungen zulassen können.

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Thomas Schlup ist Student an der ZHdK, er absolvierte an der PH Zürich ein Praktikum.
Die Masterarbeit von Jarom Radzik zum Herunterladen: Wie ich als Lehrperson den Unterricht störe und meine Wege zur Besserung

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