«Die Kinder bedankten sich bei mir für den Unterricht»

Sechs Autostunden von Johannesburg entfernt liegt das Dorf Hoedspruit. Dort, inmitten von Naturreservaten, hat Prisca Chiesa ihr Fremdsprachenpraktikum absolviert. Zurückgekehrt ist die Studentin der Sekundarstufe I mit vielen tollen Erinnerungen an Schule, Land und Leute. 

Das Gefühl im Magen war etwas flau, als sich Prisca Chiesa im vergangenen Februar ins Flugzeug setzte und Richtung Südafrika abhob. Vier Wochen würde sie dort in einer Schule unterrichten. Der Respekt vor dieser Aufgabe war gross, und so stellte es sich als Glücksfall heraus, dass eine Mitstudentin ihr Assistant Teachership am gleichen Tag begann und sie einen Teil der Reise gemeinsam absolvieren konnten. «Wir waren beide sehr aufgeregt und mussten uns gegenseitig beruhigen», sagt sie im Rückblick.
In Johannesburg trennten sich ihre Wege, und Prisca Chiesa flog alleine weiter bis nach Hoedspruit, wo sie abgeholt wurde von ihrem künftigen Lehrerkollegen Steve, in dessen Wohnung sie ein Zimmer bewohnen durfte. «Ab diesem Zeitpunkt war die Nervosität wie weggeblasen», sagt sie. In den kommenden Stunden folgte ein Highlight dem nächsten: die Fahrt ins Dorf mit der tollen Aussicht auf Landschaft und Tierwelt, der herzliche Empfang bei den Kollegen und der Familie von Steve, der abendliche Ausgang. «Anfangs hatte ich Mühe, den Gesprächen zu folgen. Die Leute sprechen in einer Mischung aus einem speziellen Englisch-Dialekt und Afrikaans. Ich gewöhnte mich jedoch schnell daran.» Schon bei diesen ersten Begegnungen spürte Prisca Chiesa die Herzlichkeit der Südafrikaner. «Ich wurde schnell integriert und war sofort ein Teil der Gruppe.» Diese Erfahrung machte sie während ihres gesamten Aufenthalts immer wieder, unabhängig davon, mit wem sie sich traf.

Schule verlangte Eigeninitiative
Nach einer kurzen Nacht ging es am nächsten Morgen los in der «Southern Cross School». «Es war ein Montag», erinnert sich Prisca Chiesa, «der Schuldirektor begrüsst zu Beginn der Schulwoche jeweils alle Lehrpersonen und Schüler. Bei dieser Gelegenheit stellte er mich kurz vor. Anschliessend wünschte er allen einen schönen Tag und ich stand da und fragte mich ‹O.k., und jetzt?›.» Prisca Chiesa hatte sich jedoch bereits auf diese Situation vorbereitet. Sie wusste von einer Kollegin, die ihr Assistant Teachership auch hier absolviert hatte, dass die Schule kein Programm organisieren würde und sie sich selber darum bemühen musste, wenn sie unterrichten wollte. Also begleitete sie kurzerhand einen beliebigen Lehrer ins Klassenzimmer und verfolgte seine Lektion als Zuschauerin. Anschliessend informierte sie ihn darüber, welche Fächer sie unterrichten könne – Zeichnen, Geschichte und Englisch –, und der Lehrer sagte ihr, an welche Lehrpersonen sie sich wenden solle. Prisca Chiesa: «So läuft das in Afrika – alles sehr spontan und unkompliziert.»
In den kommenden Tagen lernte Prisca Chiesa die Schule nach und nach besser kennen. Während sie in der ersten Woche vor allem zuschaute, unterrichtete sie ab der zweiten Woche selber. «Ich war überrascht von der Disziplin der Schülerinnen und Schüler. Im Zimmer war es immer mucksmäuschenstill. Auch die positive Einstellung der Kinder gegenüber dem Unterricht hat mich beeindruckt. Am Ende der Lektion reichten sie mir alle die Hand und bedankten sich.»

Überfachlichkeit hat hohen Stellenwert
Die «Southern Cross School» ist eine Privatschule, wobei vermögende Eltern Kindern aus ärmeren Familien das Schulgeld mitfinanzieren. Sie wird als eine Art Gesamtschule geführt, mit den Stufen Primar (Pre-School bzw. Primary School) und Sekundar/Gymnasium (High School bzw. College). Zum Lehrplan gehören ähnliche Fächer wie in der Schweiz, mit einem gewichtigen Unterschied: «Die musischen Fächer haben viel mehr Gewicht, ebenso der Sport.» Am Morgen werden Bereiche wie Mathematik und Sprachen unterrichtet, am Nachmittag finden Fächer wie Theater, Tanz oder Sport statt.
Einen hohen Stellenwert haben an der «Southern Cross School» die überfachlichen Kompetenzen. Diese werden beispielsweise im Fach «Soziales Verhalten» vermittelt. In solchen Lektionen fiel Prisca Chiesa der kulturelle Unterschied zwischen Südafrika und der Schweiz besonders auf. «Die Offenheit, mit der die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrpersonen über ihre Gefühle und Einstellungen sprachen, hat mir imponiert.» Teilweise hätten ihr die Kinder auch ausserhalb des Unterrichts viel Privates anvertraut. «Das ist in der Schweiz undenkbar.»
Prisca Chiesa führt auch einige kritische Gedanken an. «Die Lehrpersonen kennen nur Frontalunterricht. Alternative Methoden wie die Arbeit in Gruppen sind ihnen fremd. Sie glauben auch nicht daran, dass solche Unterrichtsformen in ihrer Schule funktionieren würden.» Dies tut dem positiven Fazit ihres Praktikums jedoch keinen Abbruch. «Ganz besonders ist mir jener Moment in Erinnerung geblieben, als mich eine Klasse einlud, sie auf einem zweitägigen Ausflug in ein ‹Bushcamp› zu begleiten. Die dabei gemachten Erfahrungen waren einzigartig.» Und wie hat sich der Aufenthalt auf ihre Englischkompetenz ausgewirkt? «Ich habe viel Sicherheit gewonnen. Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, mein Englisch sei sehr gut. Darüber habe ich mich natürlich sehr gefreut.»

Assistant Techership/ Stage professionnel
Alle Studierenden der Primarstufe und Studierende der Sekundarstufe I mit einer Fremdsprache im Fächerprofil absolvieren im Rahmen ihres Studiums ein Fremdsprachenpraktikum im englischen bzw. französischen Sprachraum (Assistant Teachership bzw. Stage professionnel). Das Praktikum dauert drei (Primarstufe) bzw. vier (Sekundarstufe) Wochen und hat u. a. zum Ziel, die Sprachkompetenz der Studierenden zu verbessern. Im Rahmen der Serie «Mein Fremdsprachenpraktikum» stellen wir an dieser Stelle vier Studierende vor, die ihr Fremdsprachenpraktikum kürzlich absolviert haben.

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