«Die Jungen suchen klare Strukturen»

Der Übertritt in die Berufswelt ist der entscheidende Moment im Leben eines jungen Menschen,  sagt Willy Obrist,  Schulleiter an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern  (GIBB).

Willy Obrist, Schulleiter an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (GIBB). Foto: Nelly Rodriguez

Willy Obrist, Schulleiter an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (GIBB). Foto: Nelly Rodriguez

Akzente: Welche Herausforderungen stellen sich Jugendlichen beim Übertritt in die Berufslehre?
Obrist: Für viele Jugendliche ist der Übertritt ein Kulturschock. Von der Volksschule, wo der Unterricht Pflicht und die sozialen Kontakte geregelt sind, treten die Jugendlichen in ein Erwachsenenumfeld, wo sie unter Umständen vom ersten Tag an produktiv sein müssen. Zum Teil kommt die körperliche Anstrengung als Belastung dazu.

Wie gelingt dieser Übergang?
Dazu tragen verschiedene Faktoren bei: Die Passung des Berufs, ein intaktes Beziehungsnetz, das Interesse der Eltern sowie eine gute Beziehung zum Berufsbildenden. Gerade in kleinen Betrieben hängt diese stark von der Persönlichkeit des Berufsbildenden ab. Idealerweise ist dieser wie ein Pflock, der Grenzen absteckt, eine Stütze,an der man sich halten, aber auch reiben kann. Das suchen die Jungen.

Wo können Schwierigkeiten auftreten?
Grundsätzlich gelingt der Übertritt den meisten Jugendlichen gut. Können Jugendliche ihren Traumberuf nicht ausüben, wählen sie häufig einen Zweitberuf, der ihnen keine Freude macht. Dann stimmt die Motivation nicht. In Betrieben, die unter wirtschaftlichem Druck stehen und ihre Lernenden vom ersten Tag an einspannen, können diese schnell überfordert sein. Hinter Leistungsschwierigkeiten stecken hingegen meist sprachliche Defizite oder ungenügende Arbeits- und Lernstrategien. In solchen Fällen sollte man Übergangslösungen wie Brückenangebote oder Vorlehren in Betracht ziehen.

Welche Kompetenzen verlangen die Betriebe heute von ihren Lernenden?
Nach Lehrbuch müssen Lernende heute Fach-, Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenzen mitbringen. In den Betrieben zählen im Grunde aber noch dieselben Kompetenzen wie vor 20 Jahren, in erster Linie sind dies Tugenden wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Disziplin sowie eine strukturierte Arbeitsweise.

Erfüllen die Jugendlichen diese Anforderungen?
Ein Teil der Jugendlichen kennt diese Werte und Anstandsregeln schlicht nicht mehr. Das führt zu einem klassischen Generationenkonflikt. An der GIBB planen wir auf Wunsch der Lernenden einen Knigge-Freifachkurs. Diese suchen wieder nach Verbindlichkeit und klaren Strukturen. Der gesetzte Rahmen machte den Übergang früher einfacher.

Liegt der Fehler bei der Volksschule?
Das hat nicht direkt mit der Schule zu tun, sondern mit unserer Gesellschaft, die sehr heterogen ist. Zudem können überfachliche Kompetenzen im Grunde erst im beruflichen Alltag, wo man deren Notwendigkeit spürt, ausgebildet werden. Um diese Lücke zu schliessen, müssen die abgebenden Schulen ihre Schülerinnen und Schüler stärker und früher mit dem Berufsleben in Kontakt bringen.

Welche Bedeutung ist diesem Übertritt beizumessen?
Da wir über den Beruf sozialisiert werden, betrachte ich den Übertritt in die Berufswelt als entscheidenden Moment im Leben eines jungen Menschen. Der Übergang muss daher sehr sorgfältig erfolgen, was ein optimales Zusammenspiel zwischen Betrieb und Berufsschule bedingt. Bei Schwierigkeiten in der Schule denken Berufslehrpersonen schnell: «Es läuft zwar mässig, aber solange es im Betrieb läuft, warte ich zu.» Und umgekehrt im Betrieb. Das darf nicht vorkommen.

Welche Aufgabe hat hier die Berufsschule?
Die Schule muss nicht nur geforderte Kompetenzen fördern und Struktur geben, sie soll auch ein Ort sein, wo sich die Jugendlichen aufgehoben fühlen. Im Hinblick auf Lehrabbrüche ist der soziale Zusammenhalt enorm wichtig. Eine der zentralen Aufgaben der Berufsschule ist die Früherfassung von Krisen. Die Lehrpersonen müssen Empathie für die Jugendlichen mitbringen und künftig stärker in ihren Beratungskompetenzen ausgebildet werden. Die einzelnen Akteure müssen sich ihrer Verantwortung bei diesem heiklen Übergang bewusst sein. Aus der Resilienzforschung weiss man, dass oftmals eine einzige Person bewirkt, dass ein Jugendlicher die Kurve kriegt. Das kann der Götti, aber auch die Berufsschullehrerin sein.

Über Willy Obrist

Willy Obrist ist Berufsschullehrer mit Herz und Seele, auch wenn er seit 2007 nicht mehr selbst unterrichtet. Die Freude, junge Leute in ihrer beruflichen Entwicklung zu unterstützen, brachte ihn 1990 an die GIBB. Acht Jahre später übernahm er die heutige Funktion als Leiter der Abteilung Gewerbe-, Dienstleistungs- und Laborberufe. Nach der Ausbildung zum Sekundarlehrer war Obrist Geschäftsführer eines Sport- und Feriencenters.

Obrist ist Mitautor verschiedener Publikationen zur Didaktik für Berufsschullehrpersonen und Präsident der Prüfungskommission für Dienstleistungs- und gestalterische Berufe des Kantons Bern.

Sein grosses Bildungsanliegen ist die Förderung der Lesekompetenz von Jugendlichen. Dafür initiierte er ein Leseförderungsprojekt, in dem jedes Jahr mehr als 2000 Lernende teilnehmen und Lesetipps von ihren Lieblingspromis erhalten. Obrist wohnt mit seiner Frau in Allmendingen bei Bern. Die gemeinsame Tochter macht beruflich nicht, was der Vater wollte, was für diesen ein Zeichen ist, dass er sie gut erzogen hat.

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