Was Jugendliche meinen, wenn sie Politik sagen

Das am Zentrum International Projects in Education (IPE) angesiedelte Forschungsprojekt «Concepts of Citizenship» wurde in diesem Frühjahr abgeschlossen. Das Forschungsteam aus Prishtina und Zürich präsentierte die Ergebnisse.Der Saal eines Konferenzzentrums in Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, ist bis auf den letzten Platz besetzt. Lehrerinnen und Lehrer aus allen Regionen, die stellvertretende Bildungsministerin, Studierende, Dozierende der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen, Vertreter der regionalen Schulbehörden, der Direktor der wichtigsten Lehrerweiterbildungsinstitution sowie der Direktor und die Programmverantwortlichen des DEZABüros in Prishtina sind gekommen, um sich aus erster Hand über die Ergebnisse einer Studie zu informieren.

In der Studie, die nun vorgestellt und diskutiert werden wird, hat ein kosovarisch-schweizerisches Projektteam die Vorstellungen kosovarischer Jugendlicher über Politik, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit untersucht. Forscherinnen der Pädagogischen Fakultät der Universität Prishtina, des Kosova Education Center und der PH Zürich hatten sich vor bald fünf Jahren zusammengetan, um die erste repräsentative Befragung kosovarischer Jugendlicher zu deren politischen Einstellungen, Haltungen und Absichten durchzuführen.

Das Forschungsprojekt wurde von der DEZA und der PH Zürich finanziert und ist thematisch eingebettet in einen breiteren Zusammenhang der Schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit mit dem Kosovo in den Schwerpunktbereichen Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Als anwendungsorientiertes Projekt ist es konsequent auf den Aufbau von Fähigkeiten und auf Umsetzungsmöglichkeiten vor Ort ausgerichtet. Die kosovarischen Partner übernahmen daher von Beginn an Verantwortung: für die Entwicklung von Forschungsfragen und Forschungsstrategien, aber auch für die Auswertung und die Umsetzung der Ergebnisse. Auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse werden von den kosovarischen Partnern nicht nur detaillierte Empfehlungen für verschiedene Ebenen der kosovarischen Bildungspolitik entwickelt, sondern auch Aus- und Weiterbildungsangebote sowie konkrete Unterrichtsvorschläge.

Im Anschluss an die Präsentation ausgewählter Ergebnisse entwickelt sich eine rege Diskussion. Besonders zu reden geben zwei Ergebnisse: Die erheblichen Unterschiede zwischen ethnischen Gruppen bezüglich ihrer Wahrnehmung von Partizipationsmöglichkeiten in Schule und Unterricht sowie die Einschätzung erstaunlich vieler Mädchen, dass Frauen in Politik und Wirtschaft nicht exakt dieselben Zugangsrechte zu gehobenen Positionen zustehen sollen wie Männern. Verschiedene Stakeholder des Projekts, aber auch Vertreter der kosovarischen Medien stellen Fragen und beteiligen sich mit Redebeiträgen an der Diskussion: «Was bedeutet das für unser Land?», «Wie gehen wir damit um?», «Wird diese Befragung wiederholt werden, damit wir wissen, wie sich das weiterentwickelt bei unseren Jugendlichen?» Das Engagement zeigt, welche Bedeutung die Erkenntnisse für Fragen der Weiterentwicklung des Bildungssystems und der politischen Bildung im Kosovo haben.

Bereichernder Austausch für beide Seiten
Das kontextspezifische Wissen, welches die verschiedenen Akteure einbringen, ermöglicht eine differenzierte Interpretation der Ergebnisse. Dazu gehört auch die Aussensicht der beiden Dozierenden der PH Zürich, welche dazu beitragen, die kosovarischen Ergebnisse in Bezug zu solchen aus der Schweiz zu setzen und allzu pessimistische Einschätzungen zu relativieren. Der Austausch zwischen den beiden Ländern – Kosovo als eine der jüngsten Nationen und die Schweiz mit einer direktdemokratischen Tradition – war und ist für beide Seiten bereichernd. Wissenstransfer fand nicht nur einseitig statt. Während die Partner im Kosovo weitere Kenntnisse über die Erforschung politischer Bildungsprozesse gewinnen konnten, ermöglichte die Kooperation der PH Zürich wertvolle Einblicke in ein anderes Bildungssystem und machte die Bedeutung kontextspezifischer Faktoren für die Forschung auf eindrückliche Weise sichtbar.

Beatrice Bürgler ist Dozentin für Geschichtsdidaktik/Politische Bildung an der PH Zürich. Kai Felkendorff ist Dozent für Bildung und Erziehung an der PH Zürich.

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