Vom Schwungverhalten der Kirchenglocken

Mario Bernet – aus dem Leben eines Lehrers

Mario Bernet – aus dem Leben eines Lehrers

Zugegeben, es ist etwas ambitioniert von mir, in der vierten Stunde des Dienstagvormittags Winkel halbieren und übertragen zu lassen. Vielleicht hat mich der Eifer der Kinder, als es zuvor um Denksport und Französischvokabeln ging, etwas übermütig werden lassen. Jedenfalls werde ich nun mit Fragen, schiefen Skizzen und defekten Zirkeln bestürmt. Das macht mich ungeduldig – jeder Lehrer kennt diese Augenblicke, in denen einen der Ärger über die eigene Fehlplanung reizbar werden lässt.

Neben dieser hausgemachten Unruhe registriere ich, wie die Glocken der benachbarten Kirche St. Felix und Regula wiederholt und zur Unzeit erschallen, was den Kindern in ihrer Verwirrung glücklicherweise entgeht. Ich aber schweife innerlich ab und sinniere über die Gründe des willkürlichen Glockendröhnens und muss mich schliesslich mit dem vorläufigen Befund «Steuerungsfehler» begnügen, denn die Klasse droht aus dem Ruder zu geraten. Ich ordne an, die missglückten Winkelzeichnungen beiseite zu legen und in den letzten zwanzig Minuten an einfachen, hübschen Kreisornamenten zu arbeiten. Die Zirkel kreisen nochmals ordentlich, aber dieser Abschluss hat für mich ein wenig den Beigeschmack des Scheiterns.

Ich habe die Glocken schon fast vergessen, als ich später das Schulhaus verlasse. Auf dem Weg zum Bahnhof Hardbrücke, der an besagter Kirche vorbeiführt, fällt mir der Schriftzug auf einem weissen Lieferwagen auf: www.kirchturm.ch. Diese Leute haben also unsere missratene vierte Lektion akustisch begleitet – die Kirchturm-Experten beim Warten des Glockengestühls! Sogleich beschleicht mich ein Anflug von Neid auf diese Berufsleute, die mit sicherem Auge und ruhiger Hand die Mechanik und Elektronik des Kirchturms richten. Kirchturm-Mechaniker müsste man sein! Dann blieben einem der Lärm, die Unordnung und Aufregung erspart, die in unserem Beruf täglich hinter jeder Ecke lauern.
Mit einer Mischung aus Neid und Neugier will ich es dann etwas genauer wissen und besuche zu Hause die Homepage der Kirchturm-Meister. Der Auftritt ist selbstbewusst und bescheiden zugleich, diese Profis kommen ohne grosse Sprüche aus. Wenn es hochkommt, stellen sich ihnen Unwägbarkeiten wie diese: «Das Eigenschwingverhalten des Turmes zusammen mit dem Schwungverhalten der Glocken kann zu der Problematik führen, dass sich die Systeme gegenseitig aufschaukeln.» Auch dieses Phänomen ist aufgrund langjähriger Erfahrung lösbar, wird sogleich versichert.

Uns Lehrpersonen schützt auch langjährige Erfahrung nicht vor Systemen, die sich im Unterrichtsalltag gegenseitig aufschaukeln. Auch nach vielen Jahren gibt es sie immer wieder: Schultage, deren Lernerfolg höchst ungewiss ist, Kinder, die wir trotz Phantasie, Geduld und Beharrlichkeit nicht erreichen.
Als ich am nächsten Morgen das Schulareal betrete, rennt mir Admir entgegen und wedelt mit einem Blatt Papier. Er drückt mir eine Zeichnung in die Hand. Es ist das Kreisornament vom Vortag – präzis gezeichnet und sorgsam ausgemalt. So etwas habe ich von Admir noch nie gesehen. Energisch bemerkt er: «Ich schenke es Ihnen. Ich habe beim Französischtext geschummelt. Das tut mir leid.»

Der verschlungene Vierklang frisch gewarteter Kirchenglocken ist gewiss faszinierend. Und doch ziehe ich weiterhin Admirs Launen, Zeichnungen und Entschuldigungen vor und vergesse die missglückte Geometrie-Lektion.

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Mario Bernet ist Primarlehrer im Schulhaus Sihlfeld und Praxisdozent an der PH Zürich.

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